Krebskranker Syrer Geflohen nach Deutschland, geflohen aus Deutschland

In einem Schlauchboot kam Amjad Wardeh nach Europa. Der Syrer leidet an einer seltenen Krebserkrankung und hoffte in Deutschland auf medizinische Hilfe - vergeblich. Nun sucht er sein Glück in Kanada.

SPIEGEL ONLINE

Aus Weiterstadt berichtet


Amjad Wardeh hat das Warten satt. Der 31-jährige Syrer kam im Herbst voller Hoffnung nach Deutschland, seit einigen Wochen wohnt er in einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Weiterstadt bei Darmstadt. Nun sitzt er in einem Café, in einem gelben Schnellhefter hat er Unterlagen mitgebracht - vom Amt, von Ärzten und Aufnahmen seiner Knochen. Die Kaffeetasse vor ihm ist halb leer und bleibt es bis zum Ende des Gesprächs. Er hat viel zu erzählen, vom Bürgerkrieg, seiner Flucht und der Krankheit, die in Deutschland seit Monaten nicht behandelt wird.

"Hat Blutkrebs", steht auf einem von Wardehs Zetteln vom Amt. Ganz richtig ist das nicht. Langerhans-Zell-Histiozytose (LCH) heißt die seltene Erkrankung, unter der Wardeh leidet. Sie gehört im weitesten Sinne zu den Krebserkrankungen. Sein Körper bildet fehlprogrammierte Langerhans-Zellen. Diese Immunzellen sitzen normalerweise in der Haut und schützen den Körper vor krankmachenden Bakterien. Mutierte Formen können allerdings Organe wie die Lunge infiltrieren und schädigen oder in Knochen wandern und diese auflösen.

Bei manchen heilt die LCH von allein wieder ab, andere müssen ein Leben lang immer wieder behandelt werden, vereinzelt sterben Patienten. Je nach Schätzung ist einer unter 200.000 bis zwei Millionen Menschen betroffen, meistens Kinder. Wardeh bekam die Diagnose 2008 im Alter von 23 Jahren.

"Ich habe mir den Kopf am Türrahmen gestoßen. Danach hat sich der Knochen an der verbeulten Stelle irgendwie weich angefühlt", erzählt er. Sein Arzt fand einen LCH-Befall auch in den Oberschenkeln und in der Lunge. Immer wieder bekam Wardeh seither Chemotherapie, mehrere Monate 2008, 2009 und 2010, dann über drei Jahre hinweg.

"Wenn du eine gute Behandlung willst, geh nach Deutschland"

Lange kam er mit der Behandlung gut klar. Er studierte an der Fakultät für Bildende Kunst in Damaskus und unterrichtete später selbst Kunst. Als Verwaltungsangestellter war er krankenversichert, hatte einen sicheren Job, ein gutes Leben in Syrien. "Mein Arzt dort war der beste, den ich je hatte", sagt er rückblickend.

Dann kam der Arabische Frühling.

Als die Menschen in Syrien 2011 gegen Machthaber Baschar al-Assad auf die Straße gehen, geht Wardeh mit, schafft regimekritische Kunst, Bilder und Kurzfilme, macht sich unbeliebt bei den Mächtigen. Regierungstruppen stürmen sein Wohnviertel, er verliert viele seiner Freunde im Krieg. 2013 flieht Wardeh aus dem Land, das lange seine Heimat war, sich aber längst nicht mehr so anfühlt. "Ich habe es mir nicht ausgesucht, ein Flüchtling zu werden", sagt er. "Es gab keine Alternative."

Kurzfilm von Wardeh zum Bürgerkrieg in Syrien

Mit seinen Geschwistern und Eltern zieht Wardeh in die Türkei, lebt sich dort ein, hat Erfolg mit seiner Kunst, eine Ausstellung in den Niederlanden, der britische "Guardian" zeigt eine seiner Arbeiten. Doch seine Krankheit holt ihn ein. "Mein türkischer Arzt sagte mir, er habe noch nie jemanden wie mich behandelt", erzählt Wardeh. "Er riet mir, nach Deutschland zu gehen." Und Wardeh ging.

Für 1000 Dollar fuhr er mit einem Schleuser und 34 anderen Flüchtlingen sechs Stunden im Schlauchboot über das Mittelmeer nach Griechenland. "Es war ein Höllentrip", sagt er. "Ich habe das im Vorfeld unterschätzt." Eines der Boote, das gleichzeitig mit seinem losfuhr, sei nie angekommen. Wardeh hatte Glück. Ab 10. November 2015 lebt er offiziell in Deutschland. Von einem richtigen Leben kann man aber kaum sprechen.

Flucht ins Fitnessstudio

Wardeh ist gebildet, politisch interessiert, er spricht gut Englisch. Doch wie alle Asylbewerber darf er in Deutschland nicht arbeiten. Um sich abzulenken, geht er in jeder freien Minute ins Fitnessstudio. Einige Leute legen ihm das negativ aus. Solange er noch Sport machen könne, gehe es ihm wohl nicht allzu schlecht, argumentieren sie. Wer genau hinschaut, findet aber gerade in Wardehs trainierten Körper Hinweise auf seine Krankheit.

Es ist kein Zufall, dass seine Beine im Vergleich zum Oberkörper schmal sind. In ihnen sitzt der Schmerz. Außerdem spürt er ihn an der linken Kopfseite. "Ich habe Angst, dass meine Beine brechen, wenn ich sie zu stark belaste", sagt Wardeh. Deshalb trainiert er vor allem den Oberkörper. "Ich drehe durch, wenn ich den ganzen Tag nur im Camp herumsitze."

Auch vier Monate nach seiner Einreise kämpft Wardeh noch mit dem deutschen Gesundheitssystem - auf eine Behandlung wartet er vergebens. Dabei könnte alles vergleichsweise einfach sein. Wardeh kennt seine Diagnose im Prinzip schon: Er könnte sich einen Facharzt suchen, müsste dann voraussichtlich einige Zeit auf einen Termin warten und würde untersucht und behandelt werden. Doch für Asylbewerber gelten andere Regeln.

Eine Therapie bekommt Wardeh nur, wenn sie sich nicht aufschieben lässt. Wie dringend jemand behandelt werden muss, ist jedoch mitunter Auslegungssache und wird von Behördenmitarbeitern entschieden, die nicht zwingend medizinisch geschult sind (mehr dazu, lesen Sie hier). "Für die bin ich nur eine Nummer", sagt Wardeh und betont, dass die Helfer vor Ort im Gegensatz dazu wie eine zweite Familie für ihn geworden sind.

Besonders zu Anja Behrens, die Flüchtlinge im Rahmen der Amnesty-International-Kampagne Save me unterstützt, hat er großes Vertrauen. "Sie unterstützt mich, wie es früher mein Vater getan hat", sagt er.

Das erste Mal geht Wardeh wegen der Schmerzen in den Beinen und am Kopf zwei Wochen nach seiner Einreise nach Deutschland zum Arzt, in die Notaufnahme des Klinikums Darmstadt. Mehr als Schmerzmittel können sie ihm dort nicht geben. Den Behandlungsschein, der ihm für ein Quartal erlaubt, ärztliche Leistungen nach Asylbewerberleistungsgesetz in Anspruch zu nehmen, bekommt er erst zweieinhalb Monate nach seiner Einreise. Dann kann er zum Hausarzt gehen.

Der veranlasst Anfang Februar eine nuklearmedizinische Untersuchung der Knochen, die allerdings nur oberflächliche Hinweise auf eine LCH liefert.

"Ein Hausarzt kann aufgrund der Seltenheit der Erkrankung in der Regel nicht beurteilen, wie diese im Einzelnen behandelt wird", sagt Thomas Lehrnbecher, Oberarzt in der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie der Universität Frankfurt sowie Leiter der LCH-Studien in Deutschland. Zwar müsse man bei der LCH im Gegensatz zu manch anderen Krebsformen nicht unbedingt sofort therapieren, jedoch könne eine Wartezeit von Monaten die Prognose unter Umständen verschlechtern.

Von Darmstadt nach Köln nach Darmstadt

Ende Februar organisiert Flüchtlingshelferin Behrens kurzfristig einen Termin für eine MRT-Untersuchung (Magnetresonanztomographie). "Anja ist mir eine viel größere Hilfe als die offiziellen Stellen", sagt Wardeh. Das MRT ist wichtig, um herauszufinden, wie aktiv die mutierten Langerhans-Zellen im Körper des Patienten sind. Doch auf das Ergebnis soll Wardeh fast einen Monat warten, früher bekommt er keinen Termin. Der Frust wächst.

Neben dem Wissen, dass sich in seinem Körper möglicherweise mutierte Zellen durch Knochen fressen, macht Wardeh das Warten auf eine Rückmeldung zu seinem Asylantrag verrückt. "Ich sitze fest", sagt er. Anfang März ist von der anfangs großen Hoffnung nichts mehr übrig. Lehrnbechers Angebot, ihn an eine erfahrene Kollegin zu vermitteln, lehnt Wardeh ab. "Ich will nicht noch mehr Ärzte sehen, ich will behandelt werden", sagt er.

Es ist Behrens, die ihn zwischenzeitlich aus dem Tief holt. Sie organisiert einen Termin bei einem Spezialisten in Köln. Am 10. März, genau vier Monate nach seiner Einreise, meldet sich Wardeh per Facebooknachricht: Der Arzt hat sich Zeit für ihn genommen, doch es sind weitere Untersuchungen nötig, die in Darmstadt stattfinden sollen. Ob das ohne Weiteres klappt, solange der Asylantrag nicht genehmigt ist, bleibt allerdings unklar. Wardeh muss wieder warten.

Mitte März steht sein Entschluss fest: Er zieht seinen Asylantrag zurück. Die Hoffnung auf Hilfe in Deutschland ist verschwunden. Laut einem Facebookeintrag sucht er sein Glück nun in Kanada.

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