Krebsmedikamente Millionen investiert, Milliarden eingenommen

Neue Krebsmedikamente sind meist sehr teuer. Unternehmen rechtfertigen das mit hohen Entwicklungskosten. Doch wie groß sind die eigentlich? Ein Forscherteam hat nachgerechnet.

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In Deutschland klagen die Kassen über stetig steigende Preise von Krebsmedikamenten. Hätten die Arzneimittelkosten für eine typische Chemotherapie in den Neunzigerjahren umgerechnet noch bei wenigen Tausend Euro gelegen, so seien es zehn Jahre später einige Zehntausend Euro gewesen, sagte etwa Barmer-Chef Christoph Straub bei der Vorstellung des Arzneimittelreports. "Heute erreichen die Kosten in vielen Fällen eine Größenordnung von Hunderttausend Euro und mehr."

Woher kommen solche Preise? Die Pharmaunternehmen argumentieren mit hohen Entwicklungskosten. Doch wie viel gibt eine Firma im Schnitt aus, um ein neues Krebsmedikament zu entwickeln? Schätzungen dazu gehen weit auseinander: Sie reichen von 267 Millionen bis 2,25 Milliarden Euro.

Für zwei US-Forscher war das ein Anlass, selbst einmal nachzurechnen. Im Fachblatt "Jama Internal Medicine" berichten sie jetzt: Umgerechnet 540 Millionen Euro investiert eine Firma im Mittel (Median) in Forschung und Entwicklung, ehe sie ihr erstes Krebsmedikament in den USA auf den Markt bringt.

Studien als Marketing

Bezieht man die sogenannten Opportunitätskosten mit ein - also was man verdient hätte, wenn man das Geld angelegt statt zur Forschung verwendet hätte -, liegen die Kosten bei umgerechnet 631 Millionen Euro. Die Entwicklung dauert im Schnitt 7,3 Jahre.

Vinay Prasad von der Oregon Health and Science University und Sham Mailankody vom Sloan Kettering Cancer Center analysierten die Kosten für Krebsmedikamente, die zwischen 2006 und 2015 in den USA zugelassen wurden. Dabei betrachteten sie allerdings nur Firmen, die ihr erstes Medikament überhaupt auf den Markt brachten.

Der Grund dafür: Auch für schon zugelassene Medikamente laufen Studien. Zum Teil wird jedoch kritisiert, dass einige davon mehr dem Marketing als der Forschung dienen. Weil die betrachteten Firmen allesamt noch nichts auf dem Markt hatten, wurde diese Problemstellung ausgeklammert. Gleichzeitig hatten die Firmen teilweise mehrere Wirkstoffe in der Pipeline, die es nicht alle auf den Markt schafften. Kosten von Fehlschlägen, die in der Forschung unvermeidlich sind, sind entsprechend in der Rechnung enthalten.

Kleine Stichprobe

Zehn Medikamente von zehn Unternehmen kamen so in die Auswertung. Damit ist die Stichprobe klein, sie umfasst nur etwa 15 Prozent der in dieser Zeitspanne zugelassenen Krebsmedikamente und klammert alle großen Pharmakonzerne aus.

Laut der Studie haben sich die Investitionen für die Unternehmen größtenteils gelohnt. Bei neun der zehn Medikamente übertreffen die Einnahmen bereits jetzt, nach im Mittel vier Jahren am Markt, die Entwicklungskosten - zum Teil sogar um mehr als das Zehnfache. So etwas sehe man in anderen Industriezweigen nicht, schreiben die Wissenschaftler.

Alle zehn Mittel zusammen hatten demnach Entwicklungskosten von 7,6 Milliarden Euro (inklusive Opportunitätskosten). Dem stünden aktuell Einnahmen von 55,9 Milliarden Euro gegenüber.

Weil die Forscher sich nur Krebsmittel angesehen haben, lässt sich ihre Berechnung nicht auf Medikamente im Allgemeinen übertragen.

wbr

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