Kreidezähne bei Kindern Zahnärzte warnen vor neuer Volkskrankheit

Deutsche Zahnärzte schlagen Alarm: Immer mehr Kinder leiden unter porösen Zähnen, bei den Zwölfjährigen ist jeder Dritte betroffen. Die Ursachen der Kreidezähne geben Rätsel auf.

Frontzähne mit MIH
Norbert Krämer

Frontzähne mit MIH

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Lange Zeit war Karies das größte Problem in den Mündern der Schüler in Deutschland. Mittlerweile aber gibt Zahnärzten ein ganz anderes Krankheitsbild Grund zur Sorge: Immer mehr Kinder leiden unter porösen Zähnen, bei denen sich der Zahnschmelz nicht richtig ausgebildet hat. In einer aktuellen Pressemitteilung warnt die Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) vor einer neuen Volkskrankheit.

Bei der sogenannten Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation - kurz MIH - bahnen sich die Zähne bereits mit Schäden ihren Weg durch den Kiefer in die Mundhöhle. Bei manchen Kindern zeigt sich die Störung anfangs nur durch Flecken auf der Oberfläche der Zähne. Andere leiden zusätzlich unter Hitze- und Berührungsempfindlichkeit. Im schlimmsten Fall sind die Zähne so porös, dass ein Teil bereits beim Durchdringen des Kiefers abbricht.

Laut aktuellen Untersuchungen entwickeln etwa zehn bis 15 Prozent aller Kinder in Deutschland die Krankheit. Bei den Zwölfjährigen beträgt die Quote der Deutschen Mundgesundheitsstudie zufolge sogar mehr als 30 Prozent. "Bezogen auf die Mundgesundheit und die Lebensqualität der Kinder ist MIH mittlerweile ein größeres Problem als Karies in dieser Altersgruppe", sagt Norbert Krämer von der Universität Gießen.

Erst seit 1987 bekannt

Am häufigsten betrifft MIH einen oder mehrere Backenzähne. Seltener tritt der poröse Schmelz aber auch bei Schneide- oder Milchzähnen auf. Um die Krankheit zu diagnostizieren, reicht ein geschulter Blick in den Mund. Kreidezähne haben weißlich-cremefarbige bis gelblich-braune Flecken. Je dunkler die Farbe ist, desto poröser ist der Schmelz. Gelangt ein Zahn gesund in die Mundhöhle, besteht keine Gefahr mehr.

Leichte (links) und schwere (rechts) Form der MIH
Norbert Krämer

Leichte (links) und schwere (rechts) Form der MIH

Obwohl die Zahl der Betroffenen wächst, wissen Mediziner bislang nur wenig über die Krankheit. Wissenschaftlich beschrieben wurde sie erstmals 1987, einen einheitlichen Namen trägt sie erst seit einer Konferenz im Jahr 2001. "Es handelt sich noch um eine sehr junge Erkrankung", sagt Krämer. "Als ich in den Achtzigerjahren ausgebildet wurde, war eher das Thema, ob jemand solche Zähne schon einmal gesehen hat." Heute seien Kreidezähne allgegenwärtig.

Trotzdem werde das Problem oft ignoriert, sagt Krämer. "Es müsste dringend geforscht werden. Doch es gibt immer weniger Lehrstühle für Kinderzahnmedizin in Deutschland." Vor allem die Ursache der porösen Zähne gibt bis heute Rätsel auf. Sicher ist nur, dass sich der Zahnschmelz der betroffenen Zähne im Zeitraum zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr entwickelt. Das erste Lebensjahr scheint für die Fehlbildung entscheidend zu sein. Dann müssen wahrscheinlich mehrere Faktoren zusammenkommen, damit MIH entsteht.

Stoffe aus Plastik als Auslöser?

"Jüngste Untersuchungen deuten darauf hin, dass Bisphenol A bei der Entstehung eine große Rolle spielt", sagt Krämer. Bei Versuchen mit Ratten entwickelten die Tiere nach der Gabe des Stoffs poröse Zähne. Bisphenol A steckt als Weichmacher in Plastik, in Babyflaschen ist es seit 2011 verboten. "Für mich wären Stoffe aus Plastik als Auslöser auch sehr plausibel", sagt Krämer mit Blick auf die junge Geschichte der Krankheit. "In dieser Hinsicht hat sich unser Verhalten in den vergangenen Jahren gewandelt. Heute ist selbst die Bio-Gurke in Plastik verpackt."

Noch handele es sich dabei aber nur um Verdachtsmomente, schränkt der Experte ein. Daneben seien unter anderem Infektionskrankheiten, Antibiotika, Windpocken, Einflüsse durch Umweltgifte wie Dioxin, Probleme während der Schwangerschaft oder Erkrankungen der oberen Atemwege als mögliche Auslöser denkbar.

Das Problem: Solange Ärzte die genaue Ursache nicht kennen, können sie auch nicht vorbeugen. Welche Folgen das hat, musste Krämer, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde, schon in der eigenen Familie beobachten: Bei seiner Enkelin entdeckte der Mediziner poröse Backenzähne - schon im Milchgebiss.

Karies vermeiden, Zähne erhalten

Hat ein Kind MIH, zielt die Behandlung aktuell vor allem darauf ab, Karies abzuwenden. In der porösen Oberfläche der betroffenen Zähne können sich schädliche Bakterien besonders gut einnisten. Hinzu komme, dass sich die raue Oberfläche schlechter reinigen lasse und berührungsempfindlich sei, schreibt Stefan Zimmer, Professor an der Universität Witten/Herdecke und Präsident de Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin in einem Statement. Das erschwere die Mundhygiene.

Um die Zähne vor Karies zu schützen, rät der Experte vor allem zu Fluorid - in Form von Zahnpasta, angereichertem Speisesalz, speziellem Lack oder Mundspülungen. Das Spurenelement kommt auch natürlich im Zahn vor. Es sorgt dafür, dass sich Mineralien in den Schmelz einlagern und legt sich wie ein Film auf den Zahn. Daneben können Zahnärzte die Furchen der Zähne mit Kunststoff versiegeln. Sind die Zähne extrem angegriffen und Stücke abgebrochen, können Kronen notwendig werden.

Ob ein Kind unter MIH leidet, lässt sich am besten im Alter von acht Jahren untersuchen. Zu diesem Zeitpunkt hat der Körper in der Regel alle Backen- und Schneidezähne vollständig in die Mundhöhle geschoben. Bei schweren Formen können sich die Probleme jedoch auch schon früher bemerkbar machen, wenn die Zähne den Kiefer durchbrechen.



insgesamt 50 Beiträge
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grouchomax 24.05.2018
1. lnteressant,
dass auch solche Zahnerkrankungen gibt. Wird doch allgemein behauptet, bei intensiver Pflege würde jedermann bis ins hohe Alter seine Ersten Zähne halten. - Während der Agendazeiten unseres großen Sozialreformers Gerhard Schröder traten von daher so einige unserer kritischen Journalisten dafür ein, Zahnersatz aus dem Leistungskatalog der GKV zu nehmen. Mit dem Argument im Ernst: "Dann pflegen die Leute ihre Zähne besser!" Was ja hieße, dass Wohlhabende, die Zahnersatz aus der Westentasche bezahlen, sämtlich erst einmal mit Trümmergebissen herumlaufen müssten.
SchmidtPe 24.05.2018
2. Meine Kollegin (50) hat auch Bröselzähne
Da sollte wirklich mal nachgeforscht werden. Das Geld kann aus anderen Forschungsbereichen abgezogen werden. Es gibt Bereiche, wo die "Forschung" darin besteht möglichst kariert zu quatschen.
nickleby 24.05.2018
3. Möglicher Grund
Diese bedauerliche Entwicklung fällt leder auch mit einer parallelen Entwicklung zusamme : die Berufstätigkeit der Mütter. Es ist ja nun erweisen, dass gerade während der Schwangerschaft werdenden Mütter darauf achten müssen, sich kalzium-und vitaminreich zu ernähren. Dazu gehört auch die Notwendigkeit, das Augenmerk auf das werdende Leben zu richten, was wiederum bedeutet, dass berufliche Anspannung sich auf den Embryo negativ auswirkt. Dies,zusammen mit Fehlernährung, kann zu den oben erwähnten gesundheitlcihen Problemen führen Darum ist es klug, sich an den Erfahrungen der Menschheit zu orientieren : werdende Mütter und Mütter müssen sich den Kindern widmen, wenn sie verhindern wollen, dass sie krank werden, und zwar an Krankheiten, wie die oben erwähnte. Kluge Frauen kümmern sich um das Wohl der Kinder.
kanadasirup 24.05.2018
4. Fluorose
Das sieht für mich wie eine Form von Fluorose aus. Zu viel (oder überhaupt?) Fluorid kann die Zähne zerstören. Sie werden weiß-gefleckt und bröselig. Ursache vielleicht zu viel Fluorid im Kindesalter?
Inky 24.05.2018
5. Was 'n Argument
@nickleby: Zahnaerzte wissen nicht, was der GRunf ist, aber sie. "Kluge Frauen kümmern sich um das Wohl der Kinder". Als naechstes dann zurueck an den Herd? Na klar sollte man sich um das Wohl der Kinder kuemmern, aber warum ist eine Frau, die Geld verdienen muss, nicht klug. Und wiese kann ein Mann sich nich kuemmern (zumindest post-natal)?
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