Kreuzbandgefahr bei Skiprofis Gestürzt, gerissen, geflickt

Ein Kreuzbandriss ist der Alptraum aller Skifahrer - vor allem im Profisport. Denn die Verletzung führt meist zu bleibenden Knieproblemen. Experten suchen nach Maßnahmen, um die Unfallgefahr bei Wettkämpfen zu verringern.

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Sie galt lange als Goldfavoritin bei den Winterspielen in Sotschi: Lindsey Vonn, 29-jährige Skirennläuferin aus Minnesota. Und das, obwohl sie sich Ende November im Training das vordere Kreuzband ihres rechten Knies zerfetzt hatte - zum zweiten Mal in nur zehn Monaten. Trotzdem gab sie sich lange zuversichtlich, im Kaukasus eine Medaille zu holen.

Daraus wird bekanntlich nichts. Zwar hatte die Amerikanerin noch bis zuletzt weitertrainiert und sogar beim Super-G Anfang Dezember Platz fünf erreicht. Aber dann war Schluss: Schließlich sagte Vonn die Sotschi-Teilnahme ab. "Ich bin am Boden zerstört", postete sie auf ihrer Facebook-Seite.

Auch die deutsche Medaillenhoffnung Maria Höfl-Riesch musste bereits wegen zweier Kreuzbandrisse die Spiele 2006 sowie eine Weltmeisterschaft absagen. Noch härter traf es die Liechtensteiner Skirennläuferin Tina Weirather: Vier Mal hat sie sich bereits die Kreuzbänder gerissen, dennoch fährt sie weiter.

"Das kann so nicht weitergehen"

Schätzungen zufolge erleiden 60 Prozent aller Top-Athleten im Laufe ihrer Karriere einen Unfall - meist trifft es die Kreuzbänder. Besonders schlimm traf es den schwedischen Nachwuchskader. Dort hatte innerhalb von nur fünf Jahren jeder zweite Skifahrer eine Verletzung, bei gut 40 Prozent der Athleten war das Knie betroffen.

Kreuzbänder: Schwachstelle des Kniegelenks
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Kreuzbänder: Schwachstelle des Kniegelenks

"Das kann so nicht weitergehen", sagt Volker Jägemann, langjähriger leitender Arzt im Bob- und Schlittensport und Mitbegründer der Gesellschaft für Sporttraumatologie GOTS. "Wir müssen die Athleten vor sich selbst schützen."

Den Orthopäden stört es schon lange, dass sich die Sportmedizin immer nur dafür interessierte, wie man Kreuzbandrupturen bestmöglich operiert. "Um die Prävention haben wir uns nicht gekümmert." Dabei seien Risse der vorderen Kreuzbänder keine Bagatelle: "In aller Regel bleiben lebenslange Schäden von eingeschränkter Bewegungsfreiheit bis hin zu schwersten Arthrosen", warnt Jägemann. "In manchen Fällen droht sogar eine Knieprothese."

Nicht umsonst wird die Problematik ein Hauptthema beim Jahreskongress der GOTS Mitte Juni in München sein. Hubert Hörterer, Mitorganisator und Leiter der Medizinischen Kommission des internationalen Skiverbandes (Fis) setzte bereits vor einigen Jahren durch, dass beim Skiverband mehr auf die orthopädisch-traumatologischen Probleme geachtet wird. Ein notwendiger Schritt: Zwar haben seit Einführung der Helmpflicht in den siebziger Jahren Kopfverletzungen abgenommen, dafür spielen im Profi-Skisport heute Kreuzbandrisse eine immer größere Rolle.

SO REISST MAN SICH BEIM ALPINSKI DAS KREUZBAND
Slip Catch
Drei Hauptszenarien führen zu den gefürchteten An- und Abrissen der vorderen Kreuzbänder. Zum einen kann sich die Skispitze durch eine unglückliche Bewegung im Schnee verhaken, was zu einer blitzartigen Beugung und Innenrotation des Unterschenkels führt ("slip catch").
Dynamischer Schneepflug
Eine andere Variante ist der "dynamische Schneepflug": Dabei verhakt sich die Außenkante des Skis im Schnee. Es kommt zu einer heftigen Außenrotation des Fußes.
Phantomschuh
Schließlich gibt es noch den so genannten "Phantomschuh": Der Fahrer gerät, etwa nach einem Sprung, in eine nicht mehr korrigierbare Rückenlage - und stürzt.
Die Ursachen für diese Art von Verletzung sind vielfältig. Ein Grund sind technische Defizite des Athleten - oder ein Mangel an Kraft. Deshalb trifft es auch deutlich mehr Frauen als Männer. Um die Zahl der Unfälle zu reduzieren, arbeitet Hörterer mit Kollegen, Renndirektoren und Trainern seit Jahren an einem Maßnahmenbündel: Neben einer verbesserten Fitness sind sowohl das Material als auch die Streckenführung wesentliche Elemente.

Protektor fürs Knie

"Gerade die Kombination von hohen Geschwindigkeiten und engen Kurvenradien ist eine gefährliche Mischung", sagt der Sportorthopäde. "Wir haben deshalb die Abstände zwischen den Toren vergrößert, um die Kurvenradien zu vergrößern." Zusätzlich wurde die Taillierung der Skier Schritt für Schritt verringert. Schließlich setzte man noch die Höhe der Bindungen herab, was die Torsionskräfte auf das Knie weiter verkleinert. In den kommenden zwei Jahren soll Zwischenbilanz gezogen werden, was die Maßnahmen gebracht haben.

Im Gegensatz zu Freizeitsportlern, die einen Ski wünschen, der sie automatisch in die richtige Richtung zwingt, seien die Geschwindigkeiten bei den Profis dafür zu hoch, sagt Günter Hujara, Fis-Renndirektor beim Worldcup der Herren. "Während der Laie vielleicht mit 50 km/h den Berg herunterrauscht, werden beim Super-G schon bis zu 100 km/h erreicht, bei der Abfahrt teilweise sogar 150 km/h", so Hujara. "Reißt einen der Ski dann unkontrolliert herum, hält das kein Knie aus."

Ein eher zwiespältiges Echo findet eine andere technische Innovation: die sogenannte Präventhese. Ähnlich einer Knie-Außenschiene (Orthese) soll der Protektor nach einer OP das Knie vor Schäden durch unphysiologische Bewegungen schützen. Das Problem: Für Wettkampftempo reicht die Schutzwirkung nicht aus. Zudem werden die Athleten dazu verleitet, noch früher wieder Vollgas zu geben.

Auch im Breitensport gibt es ein massives Problem: Allein in der Wintersaison 2012/13 verletzten sich laut Auswertungsstelle für Skiunfälle (ASU) hochgerechnet 43.000 Deutsche beim Skifahren. In mehr als 37 Prozent der Fälle (49,6 Prozent bei den Frauen, 29,8 Prozent bei den Männern) war das Knie betroffen. Eine alarmierende Zahl: Nicht nur dass Hobbyskifahrern ebenso wie den Profisportlern schwere Langzeitfolgen drohen; Knieverletzungen sind laut ASU durchschnittlich schwerwiegender als andere Verletzungen und ziehen höhere Folgekosten nach sich.

Eine Lösung des Problems gibt es nicht: Obwohl zahlreiche Studien zeigen konnten, dass etwa durch spezielle Trainingsübungen das Risiko für Knieverletzungen gesenkt werden kann, ist es laut ASU bisher nicht gelungen, die Forschungsergebnisse effektiv in die Praxis des Skisports zu übertragen.

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insgesamt 21 Beiträge
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spasssbremse 09.02.2014
1. Deswegen lieber Snowboard fahren!
Ich bevorzuge es, Snowboard zu fahren, denn hier sind Knieverletzungen nahezu ausgeschlossen, da die Knie sich nicht verdrehen können. Im schlimmsten Fall bricht man sich ein Handgelenk, aber das ist ja eine Lappalie im Vergleich zu einem gerissenen Kreuzband!
silberstern 09.02.2014
2. zum Thema Breiten
Für mich bei der Thematik völlig unverständlich ist Tatsache, dass der Skiabfahrts"sport" so sehr gefördert wird und die Kosten der Nachwirkungen auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Die meisten Ski"sportler" fahren 1-2 im Jahr völlig untrainiert in die Berge, lassen sich vom Lift hinauftransportieren und stürzen sich dann (im wahrsten Sinne) vom Berg. Dass in der Folge haufenweise Verletzungen zustande kommen, liegt auf der Hand. Interessanterweise sind es bei den Todesfällen zu 40% Herzinfarkte. Die Menschen sollten besser vor sich selbst geschützt werden oder zumindest eine private Zusatzversicherung über die Folgekosten abschließen müssen. Autofahrer lässt man doch auch nicht ohne langes Theoriegepauke / extensives Fahrtraining in Begleitung und ohne Haftpflicht auf die Straße...
pdp 09.02.2014
3. Es ist wie immer
Skifahren ist ein Riesengeschäft geworden. Und das ist nur möglich, wenn man möglichst jedem Menschen ermöglicht den Berg herunterzufahren. Ob dieser trainiert ist oder nicht, ist für das Geschäft unerheblich. Die Strecken werden immer einfacher, wobei hier leider der Haken ist. Plattgewalzte Pisten verleiten zum Fahren mit unkontrollierter Geschwindigkeit. Mit Buckeln ist das Tempo automatisch geringer, aber für 90% der Leute zu schwer und es macht ihnen keinen Spaß. Die Ski werden immer schneller, aber wer keine entsprechenden Beinmuskeln hat, wird diese Ski schon mit mittlerer Geschwindigkeit nicht mehr kontrollieren können. Und zum Schluss eine Beobachtung, die ich persönlich in den letzten Jahren gemacht habe: Die Leute haben das Stürzen verlernt. Da werden alle Gliedmaßen vom Körper abgestreckt, um möglichst viele Angriffspunkte für Verletzungen zu bieten. Auch ich stürze des öfteren, aber meine Schutzausrüstung (Helm und Rückenprotektor), sowie das Einkugeln haben mich bisher vor jeglicher Verletzung bewahrt. Die meist sowieso nicht vorhandene Fitness vieler Skifahrer führt vor allem nachmittags zu den Stürzen und schweren Verletzungen. Oft ist auch Alkohol ein Thema, das die Reaktionsfähigkeit weiter vermindert.
BlakesWort 09.02.2014
4.
Zitat von spasssbremseIch bevorzuge es, Snowboard zu fahren, denn hier sind Knieverletzungen nahezu ausgeschlossen, da die Knie sich nicht verdrehen können. Im schlimmsten Fall bricht man sich ein Handgelenk, aber das ist ja eine Lappalie im Vergleich zu einem gerissenen Kreuzband!
Erzählen Sie das jemandem, dem nach einem Trümmerbruch des Handgelenks dieses versteift wurde. Der würde sicher lieber Humpeln, anstatt auf die Beweglichkeit der Hand zu verzichten. Skifahren ist gefährlich, weil Profisportler im physiologischen Grenzbereich fahren und Freizeitsportler in der Regel nur zwei Wochen im Jahr auf den Brettern stehen. Die ungewohnten Bewegungen, nicht selten in Kombination mit Alkohol, führen dann zu schweren Verletzungen. Der Ansatz ist richtig, wenn sich die Sportler nicht selbst schützen, dann muss man sie vor Schäden bewahren. Die allermeisten Verletzten werden sicher sagen: "Wäre ich bloß langsamer gefahren!", da es eine deutliche Korrelation zwischen Geschwindigkeit und Verletzungsschwere gibt. Nur leider stimmt der Einwand, dass dies eine Gängelung der Sportler in weiteren Risikosportarten zur Folge hätte. Beim Fußball sehen wir einen ähnlichen Trend. In strukturschwachen Regionen wird kaum noch Fußball gespielt, weil eine schwerwiegende Verletzung oft mit dem Verlust des Arbeitsplatzes einher geht.
taglöhner 09.02.2014
5.
Zitat von spasssbremseIch bevorzuge es, Snowboard zu fahren, denn hier sind Knieverletzungen nahezu ausgeschlossen, da die Knie sich nicht verdrehen können. Im schlimmsten Fall bricht man sich ein Handgelenk, aber das ist ja eine Lappalie im Vergleich zu einem gerissenen Kreuzband!
Also bei meinem letzten Pistensonntag war die Ausbeute Border/Skifahrer mit Helikopterabflug 2:1. Bei beiden Bordern war es scheinbar ein Rückenproblem.
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