Kunstwerke aus der Psychiatrie Leid und Wahn auf Leinwand

Verdrehte Körper, düstere Farben, abstrakte Formen - Gemälde von psychisch Kranken können einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben gewähren. Einige Patienten schufen wahre Kunstwerke. Hier eine Auswahl.

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Gemälde von Else Blankenhorn (1873-1920): "Innere Spannung ablassen"
Else Blankenhorn/ Sammlung Prinzhorn

Gemälde von Else Blankenhorn (1873-1920): "Innere Spannung ablassen"


Können Strichführung, Farbwahl und das Bild als Ganzes für eine bestimmte psychiatrische Erkrankung sprechen? Um 1900 suchten Ärzte in Zeichnungen und Malereien ihrer Patienten nach Anzeichen für eine Diagnose. Erfolgreich war der Ansatz nicht. Als Therapiemethode ist das Malen indes noch heute wichtiger Bestandteil psychiatrischer Behandlungen.

Denn Patienten verarbeiteten in ihren Werken traumatische Ereignisse, Ängste oder Erfahrungen mit ihrer Erkrankung. Sie begannen, ihre Gefühle auszudrücken, ihre Gedanken und Wahrnehmungen in Bildern, Skulpturen und abstrakten Objekten festzuhalten. Das Resultat waren bemerkenswerte Arbeiten.

Die Bilder sagen, wofür Worte fehlen

Schon in den zwanziger Jahren erkannte Hans Prinzhorn, dass in einigen seiner Patienten großes Talent schlummerte. Der Kunsthistoriker und Assistenzarzt der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg begann, Werke von ihnen zu sammeln. Insgesamt 5000 Zeichnungen sowie Ölgemälde, Holzschnitzereien und Textilien umfasst die weltberühmte historische Sammlung Prinzhorn am Universitätsklinikum Heidelberg. SPIEGEL ONLINE zeigt ausgewählte Werke - und erzählt die Geschichten dahinter.

Leid und Wahn auf Leinwand
Alexandra Galinova/ Sammlung Prinzhorn

Alexandra Galinova (1936-heute)
"Der unterdrückte Mensch", 1986, Inv. Nr. 8077/2, ©Sammlung Prinzhorn
Für viele Psychiatrie-Erfahrene ist Kunst ein Ventil. Auch für Alexandra Galinova: Angst, Schreck und Trauer kehren in vielen ihrer Werke als Motive wieder. Sie erlebte mit 23 Jahren ein schweres Trauma und konnte diesen Lebensabschnitt erst viele Jahre später in ihrer Kunst verarbeiten.

August Natterer/ Sammlung Prinzhorn

August Natterer (1868-1933)
"Wunder-Hirte II", 1911-1917, Inv.Nr.176, ©Sammlung Prinzhorn
Auch August Natterer wurde durch seine Erkrankung inspiriert. Mit 38 Jahren litt er zunehmend an Unruhe, Schlafstörungen und fühlte sich erschöpft. Sein Leid mündete wenig später in eine Psychose, in der ihm die Welt innerhalb einer halben Stunde in 15.000 Bildern erklärt wurde. Diese Inhalte versuchte er in seinen Bildern in der Heil- und Pflegeanstalt festzuhalten. 26 Jahre, bis zu seinem Tod, blieb er dort Patient – und Künstler.

Gustav Sievers/ Sammlung Prinzhorn

Gustav Sievers (1865-1941)
Ohne Titel [Tanz], undatiert, Invr.Nr.22, ©Sammlung Prinzhorn
Mit 35 Jahren wird Gustav Sievers in eine „Irrenanstalt“ eingewiesen. Auch er wird hier insgesamt Jahre verbringen. Nach dem Ende seiner Ehe versucht er sich das Leben zu nehmen. Später glaubt er, die Freimaurer seien schuld an seiner Einweisung. Sie seien neidisch, dass er den "Fallschützenwebstuhl" erfunden habe, der die "3000-Jährige Epoche des fliegenden Webschiffes" einläuten werde. In der Anstalt zerschlägt er Fensterscheiben, bedroht Wärter, versucht zu fliehen, plant ein Attentat auf den Anstaltsdirektor – und malt. 1941 wird er Opfer der Euthanasie.

Else Blankenhorn/ Sammlung Prinzhorn

Else Blankenhorn (1873-1920)
Ohne Titel, undatiert, Inv.Nr. 4267, ©Sammlung Prinzhorn
Die Diagnose "Erschöpfungszustand" hat die junge Else Blankenhorn lange vor einem Leben in einer psychiatrischen Anstalt bewahrt. Stattdessen lebte sie viele Jahre in einem Sanatorium für gut betuchte Privatpatienten. Dort begann sie zu malen, zu fotografieren und zu musizieren. Sie gilt als begnadete Künstlerin. Doch sie malte auch Geldscheine, um die Erlösung aller beerdigten, aber nicht gestorbenen Liebespaare bezahlen zu können. Sie glaubte, die Gattin des Kaisers Wilhelm zu sein. Aus Kostengründen wird sie 1919 in eine Badische Heil- und Pflegeanstalt verlegt.

Josef Forster/ Sammlung Prinzhorn

Josef Forster (1878-1949)
Ohne Titel [Mann ohne Schwerkraft], nach 1916, Inv.Nr. 4494, ©Sammlung Prinzhorn
Josef Forster verbrachte viele Jahre in der Regensburger Anstalt. Er wollte ein Edelmensch werden und glaubte, dies nur erreichen zu können, wenn er extrem autark lebte, sich also auch nur noch von seinen eigenen Körperausscheidungen ernährte. Ohne Körpergewicht wollte er über der Welt schweben. Diese Lebensphilosophie hielt er in zahlreichen Bildern und Texten fest. In der Anstalt war er wegen seiner Eigenart als Patient ein Außenseiter, doch genoss er als Künstler viel Unterstützung durch seinen Arzt.

Der Text oben rechts im Bild lautet "Dieses soll darstellen, dass wenn man kein Körpergewicht mehr hat, dass man sich dann an Gewicht beschweren muß, und man kann mit großer Geschwindigkeit durch die Luft gehen"

Karl Genzel/ Sammlung Prinzhorn

Karl Genzel (1871-1925)
"Weib und Mann, Adam und Eva", vor 1920, Inv. Nr. 134, ©Sammlung Prinzhorn
Wegen Handgreiflichkeiten saß Karl Genzel mit Mitte Dreißig nicht zum ersten Mal im Gefängnis. Doch diesmal bekam er dort panische Angst vor dem Gefängnispfarrer und davor, dass ihn jemand vergiften könnte. Er wurde in eine psychiatrische Anstalt verlegt, wo er bis zu seinem Lebensende schnitzte. Darin offenbarte auch er seine Theorie vom Leben. Seine erste Figur war aus Brot. Später wurden hölzerne Zwittergestalten eines seiner häufigsten Motive. Weib und Mann: Der eine könne ohne den anderen nicht auskommen und doch harmonierten sie nicht, so die Interpretation.

Vanda Vieira-Schmidt/ Foto: Klinger

Vanda Vieira-Schmidt (1949-heute)
Weltfriedensprojekt 1995-2005, ©Sammlung Prinzhorn
Die Berlinerin Vanda Vieira-Schmidt zeichnete gegen das Böse in der Welt und für den Weltfrieden. Auf über 250.000 Blättern Papier hat sie vor allem in schwarz-weiß Zeichnungen ihrer Sorge um das Wohl der Menschheit Ausdruck verliehen. Als vor acht Jahren die betreute Wohngruppe für Psychiatrieerfahrene, in der sie lebt, in eine andere Wohnung umziehen muss, offenbarte sich im Keller die immense Kunstsammlung.

Friedrich Boss/ Sammlung Prinzho

Friedrich Boss (1989-1977)
Ohne Titel, 1952, Inv.Nr. 8074/13 (2003), ©Sammlung Prinzhorn
Auch Friedrich Boss füllte tausende Blätter Papier. Mit Mitte Fünfzig verschloss er sich plötzlich der Welt. Statt mit anderen zu sprechen, begann er seine Gedanken zu sammeln, erstellte Listen, Notizen und klebte Zeitungsausschnitte auf. Seine Aufzeichnungen schnürte er in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus zu Pakten und versiegelte diese mit Wachs. In zwanzig Jahren häuften sich mehr als 100 solcher Pakete an. Sie sind eine Chronik der Einsamkeit - und bis heute ungeöffnet.

Gudrun Bierski/ Sammlung Prinzhorn/ Foto: Medienzentrum

Gudrun Bierski (1925-2006)
"Lützows Jagd", undatiert, Inv.Nr. 8075/14 (2006), ©Sammlung Prinzhorn
Wie bei Boss ist auch Gudrun Bierskis Lebensgeschichte kaum ergründet. Erst 2006 wurden ihre Werke entdeckt, als ihre Wohnung nach ihrem Tod geräumt werden sollte. Die letzten dreißig Jahre hat sie recht isoliert gelebt, verhielt sich sonderlich. Ein Psychiater gibt ihr die Diagnose "Schizophrenie".

Gudrun Bierski/ Sammlung Prinzhorn

Gudrun Bierski (1925-2006)
"Gudrun auf der Akademie" (Selbstporträt), undatiert, Inv.Nr. 8075/16 (2006), ©Sammlung Prinzhorn
Zwei Neffen sind nach ihrem Ableben ihre einzigen Erben. Sie finden Bierskis Ölgemälde und Teppichknüpfereien inmitten der zugemüllten und teils unbetretbaren Wohnräume.

Dietrich Orth/ Sammlung Prinzhorn

Dietrich Orth (1956-heute)
"Begleitung zum geistigen Unabhängigsein", 1989, Inv.Nr. D 8076/4 (2007), ©Sammlung Prinzhorn
Wie all die anderen Psychiatrie-Erfahrenen, deren Werke in der Sammlung Prinzhorn vereint sind, wäre wohl auch Dietrich Orth ohne die psychische Krise mit Ende Zwanzig nie ein solch berühmter Künstler geworden. In der Psychiatrischen Klinik Kaufbeuren begann er mit 19 Jahren zu zeichnen und zu malen. Was zunächst therapeutisch wirken sollte, erweckte den Künstler in ihm. Seine Werke betörten in den 90er Jahren den Kunstmarkt. Er galt damals als Shooting-Star der Kunstszene. Noch heute gibt es Ausstellungen mit seinen Bildern.

"In Kunst können Patienten ihre innere Spannung ablassen", sagt der Psychotherapeut und Kunstwissenschaftler Georg Franzen, der das Institut für Kunstpsychologie in Celle leitet. Heute, etwa hundert Jahre später, sei künstlerisches Schaffen nicht mehr aus der psychiatrischen Versorgung wegzudenken. Beinahe jede Klinik biete Kunsttherapie als Ergänzung zu Psychotherapie und Medikamenten an. "Patienten können dabei innere Bilder ausdrücken und mit Pinsel oder Stift festhalten, wofür ihnen oftmals die Worte fehlen", sagt Franzen. Über die Werke kämen Therapeut und Patient dann ins Gespräch, arbeiten die in Farbe und Form aufgemalten Gefühle und Gedanken durch. Das helfe, die Gesundheit wiederzuerlangen. "Künstlerisches Schaffen fördert die Konzentrationsfähigkeit, die emotionalen Kompetenzen und steigert das Selbstwertgefühl der Patienten", erklärt der Kunst- und Psychotherapeut.

Krankheit als treibende Kraft

Doch nicht nur der Grundstein für eine Therapieform wurde in den Psychiatrien des vergangenen Jahrhunderts gelegt. Heute wie damals entstehen in den Einrichtungen wahre Meisterwerke - Künstlerkarrieren beginnen. Heute bauen sich immer wieder Psychiatrie-Erfahrene eine Existenz als Künstler auf. Die sogenannte Outsider-Art ist inzwischen eine feste Größe auf dem Kunstmarkt. Dabei steht nicht mehr die Erkrankung im Vordergrund - auch wenn sie nicht selten treibende Kraft hinter dem Schaffen ist.

Auch offene Ateliers von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sind sehr beliebt. "Kunstakademien besuchen diese regelmäßig, um die besondere, kreative Atmosphäre dort zu erleben", sagt der Kunsthistoriker und Psychologe Thomas Röske, der seit 2002 die Sammlung Prinzhorn leitet und am Mittwoch den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit einem Vortrag dazu eröffnet hat. Seit 1980 sind mehr als 12.000 Kunstwerke von Psychiatrie-Erfahrenen aus Vergangenheit und Gegenwart hinzugekommen. Ein Fundus, der weiter wächst.

Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.



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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
verhetzungsschutz 27.11.2013
1. Die weiße Riesen-Oberfläche des Wahns
Zitat von sysopElse Blankenhorn/ Sammlung PrinzhornVerdrehte Körper, düstere Farben, abstrakte Formen - Gemälde von psychisch Kranken können einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben gewähren. Einige Patienten kreierten wahre Kunstwerke. Hier eine Auswahl. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kunst-und-psychiatrie-wie-malen-zu-einer-neuen-therapieform-wurde-a-935730.html
Schade, daß immer noch so viele potentielle Künstler lieber als übermenschliche Führungskräfte in Staat und Wirtschaft verbleiben, anstatt sich über den psychiatrischen Weg in die Solidargemeinschaft integrieren zu lassen. Da hilft alles Fordern und Fördern nichts, wenn sich ein Vorstandsvorsitzender oder Regierungsoberhaupt nicht mal eine Existenz als Postkartenmaler vorstellen kann. So manches denkbare Meisterwerk wie etwa "Der Friedensnobelpreis" bleibt auf immer eine leere, weiße Idee...
spon-facebook-10000009156 27.11.2013
2. Was ist eine psychiatrische Erkrankung?
Muss man nicht erst verrückt sein um aus all dem Durcheinander heute zu entfliehen in die innere Seele. Alles Handeln ist in Wirklichkeit - inneres Handeln. Mit anderen Worten: Alles, was wir tun, beginnt in unserem Inneren, wo alles seinen Ursprung hat: Dort wird der Same gelegt, dem unser Handeln entspringt. Deshalb all diese Kunstwerke, es ist der Spiegel unser selbst. Man schaue sich heute die Menschheit in ihrer äußere und inneren Verrücktheit an, die sich selbst zerstört.
scxy 27.11.2013
3. Was für ein wunderbarer Gedanke,
den "verhetzungsschutz" so schön formuliert. Herrlich irritierend und doch ganz und gar nicht lächerlich. Wahn kann auch eine ganz sanfte Ausprägung haben, da ist er dem Genie ganz nahe. Das zeigt sich dann auch in den Bildern - um hier auf den Artikel zurückzukommen.
Stäffelesrutscher 27.11.2013
4.
Kunsthistoriker mögen erklären, was diese Bilder von Werken von, sagen wir Cézanne, Gauguin, Munch oder Richter unterscheidet. Abgesehen vom Preis natürlich.
califactor 27.11.2013
5. Freiheit
Zitat von spon-facebook-10000009156Muss man nicht erst verrückt sein um aus all dem Durcheinander heute zu entfliehen in die innere Seele. Alles Handeln ist in Wirklichkeit - inneres Handeln. Mit anderen Worten: Alles, was wir tun, beginnt in unserem Inneren, wo alles seinen Ursprung hat: Dort wird der Same gelegt, dem unser Handeln entspringt. Deshalb all diese Kunstwerke, es ist der Spiegel unser selbst. Man schaue sich heute die Menschheit in ihrer äußere und inneren Verrücktheit an, die sich selbst zerstört.
Wahre Kunst hat immer auch etwas "verrücktes", zumindest seit es Expressionismus gibt. Verrückt ist eigentlich nur etwas was außerhalb des "normalen" liegt, manchmal aber nicht immer hat es mit "Erweiterung" des "normalen" Bewusstseins zu tun. Die Ästhetik des Expressionismus oder des Surrealismus ergibt sich aus dem Sinngehalt, den man erkennen kann oder nicht, nach dem Motto "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte". Surrealismus und entsprechende Traumzustände kommen psychotischen Zuständen sehr nahe. An sich ist ein wahrer Künster gar nicht kreativ, sondern bildet nur seine Sicht der Wirklichkeit, bzw. irgendeine Vision ab. Kreativ ist nur ein Tapeten-Muster-Designer, von denen es aber auch viele in der Kunst gibt. ;-)
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