Stress durch Lärm Stille ist Luxus

Fast jeder Zweite fühlt sich von Lärm belästigt: Wenn es von der Straße brummt und Flugzeuge dröhnen, leiden Herz, Kreislauf und Gehirn. Doch in einigen Regionen Deutschlands ist Besserung in Sicht.

Landendes Flugzeug am Abendhimmel: Flughafenanwohner erkranken häufiger am Herzen
DPA

Landendes Flugzeug am Abendhimmel: Flughafenanwohner erkranken häufiger am Herzen


Berlin - Einen Moment absoluter Stille haben etliche Menschen seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Anders als die Abgase wird der Lärm des Verkehrs vielfach nicht als gefährlich angesehen - obwohl er der Gesundheit ebenfalls massiv schaden kann. "Auch wenn das so mancher meint: An Lärm kann man sich nicht gewöhnen", betont Stefan Kääb, Leitender Oberarzt an der Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bei Erwachsenen werde vor allem das Herz-Kreislauf-System, bei Kindern die Leistungsfähigkeit des Gehirns beeinflusst.

Zwar seien sowohl Autos als auch Flugzeuge in den vergangenen Jahren leiser geworden, sagt Rainer Guski, Umweltpsychologe an der Ruhr-Universität Bochum. "Das Aufkommen aber ist deutlich gewachsen." Das subjektive Empfinden von Menschen, dass ihre Umgebung lauter geworden sei, gehe oft auf dieses Mehr an Fahr- oder Flugzeugen zurück. "Es gibt weniger Pausen zwischen den Spitzen", so Guski.

Eine Umfrage des Umweltbundesamtes (UBA) ergab 2012, dass sich gut die Hälfte der Bevölkerung im Wohnumfeld vom Lärm des Straßenverkehrs gestört oder belästigt fühlt. Beim Schienenverkehr war es fast jeder Dritte, beim Fluglärm etwas mehr als ein Fünftel. Rund fünf Millionen Arbeitnehmer in Deutschland sind dem Helmholtz Zentrum München zufolge am Arbeitsplatz gehörgefährdendem Lärm ausgesetzt. Zunehmend mehr Hörschäden gibt es zudem bei Jugendlichen, Hauptursache ist hier das laute Hören von Musik und anderer Freizeitlärm.

Lärm setzt gefährliche Kaskade in Gang

Schon weit unter einem Schalldruckpegel von 85 Dezibel kann Lärm krank machen - selbst dann, wenn er gar nicht als störend wahrgenommen wird. "Lärm ist ein unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen", sagt der Kardiologe Kääb. Der Krach löst Stressreaktionen aus, Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol werden verstärkt gebildet, was wiederum den Blutdruck steigen lässt, die Herzfrequenz beschleunigt und die Blutgerinnung aktiviert. Schätzungen zufolge sind allein etwa 4000 Herzinfarkte jährlich in Deutschland auf Straßenverkehrslärm zurückzuführen.

Die gefährliche Kaskade werde auch dann in Gang gesetzt, wenn der Betroffene den Lärm gar nicht bewusst wahrnehme oder nicht als störend empfinde - etwa im Schlaf, sagt Kääb. Je länger ein Mensch in zu lauter Umgebung lebe, desto größer werde sein Risiko für gesundheitliche Probleme. Viele Betroffene und auch Mediziner hätten Lärm als mögliche Krankheitsursache noch nicht präsent. "Ein Arzt sollte auch fragen: Wo leben Sie, wie stark sind Sie Lärm ausgesetzt?"

Bei Kindern wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Auswirkungen von Dauerlärm auf die Hirnfunktion gezeigt. Eine Studie mit neun bis zehn Jahre alten Kindern aus europäischen Ländern wies darauf hin, dass sich deren Lernfähigkeit und Gedächtnisfunktion verschlechtern, wenn die Schulen in einem mit Fluglärm belasteten Gebiet liegen. "Bei lauter Umgebung bekommen Kinder nicht nur weniger mit, sie behalten auch weniger", heißt es in einer Information des Helmholtz Zentrums München.

Öfter mal aufs Rad steigen

In der sogenannten Norah-Studie untersucht Guskis Team derzeit die Auswirkungen des Lärms von Flug-, Schienen- und Straßenverkehr auf die Gesundheit und Lebensqualität der Anwohner. Fluglärm werde bei vergleichbarem Schallpegel immer als störender wahrgenommen, sagt er. Der gemittelte Dauerschallpegel sei oft keine geeignete Messgröße - vor allem für Schlafforscher. "Es kommt nachts auf die einzelnen Lärmereignisse an", sagt Guski.

Zumindest in einigen Regionen gebe es inzwischen eine Tendenz zu weniger Lärm, sagt Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender des Arbeitsrings Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik (ALD). In Berlin zum Beispiel sei die Zahl hochbelasteter Menschen, die nachts mehr als 55 Dezibel Straßenlärm ausgesetzt seien, von 296.000 im Jahr 2007 auf etwa 40.000 im Jahr 2012 gesunken. Ähnlich sei die Entwicklung in Hamburg und München sowie an einigen Flughäfen wie dem in Frankfurt am Main, wo nach dem Bau einer vierten Bahn ein partielles Nachtflugverbot erlassen wurde.

Beim Lärm sind viele Menschen sowohl Opfer als auch Täter. "Wir sind alle Mitverursacher", betont der ALD-Vorsitzende. "Wenn wir selbst für kurze Wege das Auto nehmen. Oder im Herbst dreimal wöchentlich zum Laubbläser greifen." Ein positiver Trend sei daher, dass immer mehr Menschen aufs Rad umstiegen.

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hei/dpa

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Seite 1
MarkusW77 27.04.2014
1.
Da würden mMn höhere Strafen im Straßenverkehr für die Einzel -idioten schon etwas helfen. Der gesamte Verkehr ist schon nervig genug, aber die 0,5%, die extreme schallpegel bewusst erzeugen, gehen einem doppelt aufn s.... Und sind einfach unnötig. Strafen im 4 stelligen Bereich wären hier angebracht. Und vielleicht die Förderung von e- bzw. Hybridantrieb. Wenn Autos und LKWs generell über e- Antrieb beschleunigen würden, wäre der Lärm im Kreuzungsbereich um einiges erträglicher!
zufriedener_single 27.04.2014
2. Menschen, denen Lärm nicht ausmacht, sind..
entweder blöde oder taub.
fraumarek 27.04.2014
3. Lärmgedudel im Supermarkt
Viel schlimmer finde ich diese Zwangs-Verlärmung in Supermärkten oder Kaufhäusern, wo dieses Mist-Gedudel und auch noch verblödende Werbung ununterbrochen auf uns einschallt. Man kann sich dem ja nicht entziehen, denn einkaufen muss ja jeder. Warum wird das eigentlich nicht einfach verboten? Ich fordere das Menschenrecht auf Ruhe und Stille, dort wo das ohne weiterrs möglich wäre. Vielleicht liest das ja auch mal ein Supermarkt-Leiter oder besser noch, dessen Vorgesetzte !!
cascada 27.04.2014
4. Ist alles so gewollt
Das habe ich mal in einem Kaff namens Leutkirch (passender wäre Lautkirch) erlebt: Mitten in der Innenstadt, also im Wohngebiet (!), alle zwei bis drei Wochen Mega-Saufparties mit mehrfacher Großflächenbeschallung. Hoch die Tassen von 15 Uhr bis 4:30 Uhr, das ganze Wochende. Die Innenstadt dort ist schlichtweg unbewohnbar und die Stadt selbst fördert es noch. Dagegen sind die deutschen Metropolen ein Hort der Stille.
mainzelmännchen 1 27.04.2014
5. Körperverletzung durch vorsätzlich erzeugten...
...Motorradlärm oder aufgebohrte Autoauspuffe gehörte hart bestraft: Mit tage-und nächtelanger Beschallung durch den selbst erzeugten Lärm.
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