Landärztin in Rumänien "Es war schon als Kind mein Traumberuf"

In Rumänien herrscht Ärztemangel - besonders auf dem Land. Die Fotografin Ioana Moldovan hat eine Frau begleitet, die sich trotz aller Widrigkeiten für ihre Patienten engagiert.

Ioana Moldavan

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"Guten Tag, Frau Doktor!" Wenn Floarea Ciupitu durch die Straßen von Gangiova im Südwesten Rumäniens geht, wird sie von jedem freundlich gegrüßt. Seit drei Jahrzehnten ist die 63-Jährige die einzige Ärztin in dem Dorf. Sie betreut rund 1700 Patienten. Die Fotografin Ioana Moldovan hat die Frau bei ihrer Arbeit und im Alltag begleitet, um der schwierigen medizinischen Situation in Rumänien ein positives Beispiel entgegenzusetzen.

Viele Ärzte, vor allem jüngere, verlassen das Land auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen und Karrieremöglichkeiten. Die Zustände in vielen rumänischen Krankenhäusern sind verheerend, sowohl für Patienten, als auch für Ärzte: problematische hygienische Bedingungen, Gebäudemängel, defekte medizinische Geräte, chronische Überarbeitung. "Keiner der bisherigen Gesundheitsminister hat es geschafft, westliche Pflegestandards für Patienten zu erreichen", sagt Fotografin Moldovan.

Vor allem auf dem Land ist der Ärztemangel groß. In Rumänien leben fast 20 Millionen Menschen, rund die Hälfte davon auf dem Land. Doch in ländlichen Gebieten gibt es nur halb so viel Ärzte wie in den Städten. Die wenigen Mediziner in den Dörfern müssen entsprechend viele Patienten behandeln. Auch Ciupitu gerät dabei manchmal an ihre Grenzen.

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Landärztin in Rumänien: Mit gutem Beispiel voran

Für Ciupitu ist ihre Arbeit eine Berufung, sie wusste schon als kleines Mädchen, dass sie Ärztin werden will: "Ich spritzte meine Puppen mit Sicherheitsnadeln." Ihr ist es egal, ob jemand versichert ist oder nicht: Sie stellt das Wohl der Patienten über den Profit, weist nie jemanden zurück, der Hilfe braucht - egal zu welcher Uhrzeit oder unter welchen Bedingungen.

An Wochentagen schläft Ciupitu über ihrer Praxis in einem winzigen Zimmer, auf einem alten Krankenhausbett. Nachts gibt es keinen Strom, nur eine Taschenlampe sorgt für Licht. Ihre Praxis scheint wie aus der Zeit gefallen: In alten Holzschränken stapeln sich Papierakten, die medizinischen Geräte sind bereits in die Jahre gekommen.

Schlechte Infrastruktur

Während ihrer Arbeitszeit verbringt Ciupitu die meiste Zeit in ihrer Praxis: Sie berät Patienten, verschreibt Medikamente, setzt Spritzen. Im Notfall oder wenn die Menschen nicht zu ihr kommen können, macht sie Hausbesuche. Moldovan begleitete die Frau mehrere Wochen. "Die größte Herausforderung für mich war es, nicht aufdringlich zu sein, wenn es darum ging, Patienten zu fotografieren", sagt sie. "Ich habe immer versucht, den medizinischen Ablauf und die Privatsphäre nicht zu stören."

Das nächste Krankenhaus liegt 30 Kilometer von Gangiova entfernt, das für die schwierigsten Fälle sogar 60 Kilometer. Die Notfalldienste haben aufgrund der schlechten Straßen große Schwierigkeiten, das Dorf überhaupt zu erreichen. Viele Patienten, denen der Weg zu weit ist, lassen sich lieber von Ciupitu behandeln. Oft muss die Ärztin dann große Überzeugungsarbeit leisten, bis die Männer und Frauen eine Klinik aufsuchen.

Für Moldovan ist die 63-Jährige der lebende Beweis, dass es trotz aller Probleme in der medizinischen Versorgung des Landes immer noch Ärzte gibt, die sich für ihre Patienten einsetzen. Mit ihrer Fotoserie will sie besonders junge Ärzte motivieren in die Fußstapfen dieser Mediziner zu treten - trotz oder gerade wegen der derzeitigen Zustände im Land.

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