Studie in Afrika: Langes Stillen senkt Risiko für HIV-Übertragung

HIV-positive Mütter haben ein geringeres Risiko, das Virus auf ihren Säugling zu übertragen, wenn sie länger als vier Monate stillen. Für afrikanische Kinder könnte das eine lebenswichtige Botschaft sein.

Somalisches Baby wird von seiner Mutter gestillt: HIV-Übertragungsrisiko senken Zur Großansicht
REUTERS

Somalisches Baby wird von seiner Mutter gestillt: HIV-Übertragungsrisiko senken

Es ist eine Zwickmühle: Mütter in Afrika sind darauf angewiesen, ihre Babys zu stillen. Denn ohne Muttermilch, die das Immunsystem der Kinder stärkt, können in Afrika andere Keime das Leben der Neugeborenen bedrohen. Doch auch die Milch selbst birgt für sie eine Gefahr - nämlich dann, wenn die Mutter HIV-positiv ist.

10 bis 15 Prozent beträgt das Risiko, dass sich ein gesundes Baby durch Stillen mit HIV (Typ 1) infiziert. Medikamente, sogenannte antiretrovirale Mittel, können das Risiko stark senken. Doch nicht alle HIV-positiven Frauen haben in Afrika die Chance, eine solche Therapie zu bekommen.

Ein Forscherteam um Grace Aldrovandi von der University of Southern California in Los Angeles hat deshalb im südafrikanischen Sambia untersucht, ob Stillzeiten einen Einfluss auf das Risiko einer HIV-Übertragung durch Muttermilch haben - und kommt dabei zu einem Ergebnis, das jetzt im Fachjournal "Science Translational Medicine" nachzulesen ist: Demnach erwies sich eine Stillzeit von mindestens sechs Monaten als sicherste Variante.

Bisher gab es Vermutungen, dass ein frühes Abstillen das Risiko mindern könnte, die Krankheit weiterzugeben. Dazu raten die Forscher nach ihrer Studie in Sambia nun nicht mehr. Zwei Jahre lang begleiteten und untersuchten sie mehr als 958 junge HIV-infizierte Mütter und deren Kinder. Per Zufallsprinzip baten sie etwa die Hälfte der Frauen, nach einer Zeit von vier Monaten möglichst abrupt abzustillen (innerhalb von maximal drei Tagen). Die andere Hälfte sollte nach eigenen Wünschen das Stillen fortsetzen.

Dann untersuchten die Forscher die Milch beider Gruppen: Jenen Frauen, die nach vier Monaten mit dem Stillen aufgehört hatten, pumpten sie zwei Wochen danach eine Probe ab. Von allen Frauen entnahmen sie Milchproben sowohl nach 4 als auch nach 4,5 Monaten, um die Milchen miteinander vergleichen zu können.

Das Resultat: Die höchste HIV-Konzentration lag in jener Milch von Frauen vor, die bereits nach vier Monaten mit dem Stillen aufgehört hatten. Während nach vier Monaten die HIV-Konzentration in der Milch beider Gruppen gleich hoch war, stieg der Wert in der zweiwöchigen Abstillphase deutlich an. Geringer fiel der Wert bei jenen Frauen aus, die das Stillen fortsetzten, aber zusätzlich zufütterten. In dieser Milch war das Niveau von HI-Viren am zweithöchsten. Die geringste Konzentration fand sich dagegen bei Frauen, die deutlich länger als vier Monate stillten und ihren Kindern keine andere Nahrung gaben.

Diese Resultate deckten sich mit den beobachteten Übertragungsraten: Das größte statistisch berechnete Risiko, sich durch das Stillen mit HIV anzustecken, hatten jene Babys, deren Mütter nach vier Monaten abstillten.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ihre Resultate für künftige HIV-Präventionsprogramme von Bedeutung sein könnten - insbesondere in Regionen, in denen das Stillen trotz Infektion der Mutter unumgänglich ist. Während der Schwangerschaft einer HIV-positiven Mutter beträgt das Übertragungsrisiko in der Gebärmutter Schätzungen zufolge etwa sieben Prozent. Das Risiko vor oder während der Geburt liegt bei etwa 18 Prozent.

Beim möglichen Einsatz antiretroviraler Therapien raten die Forscher dazu, verstärkt frühe Abstillphasen im Blick zu haben - wegen der gefundenen hohen Virenkonzentration in dieser Zeit. Abruptes Abstillen sei keine Alternative, schreiben die Forscher. Es erhöhe Gesundheitsgefahren für die Mütter, zum Beispiel durch Brustentzündungen.

cib/dpa

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Vielleicht bin ich ja des Lesens
Masterchalk 18.04.2013
nicht mächtig, aber was ich hier verstanden habe, macht mich echt sauer. OK... Die Mütter sind infiziert und haben keine Alternative, als Stillen, da sie kein Geld haben für die perversen Pseudo - Muttermilchen. Stillst Du also länger, hat Dein Baby bessere Chancen, als wenn man damit schon vorher ( kritische Phase ) aufgehört hätte ???? Na so ein Nonsens ... Nach dem Crash erst anschnallen, hat noch keinen Kopf wieder zusammengeflickt, nur weil der Unfall nun vorbei war. Und dafür geben die Beobachter auch noch Geld aus ? Willkommen in der Witzbude.
2. Menschenversuche
Peletua 19.04.2013
Auch mich machen solche Menschenversuche, über die hier so ganz selbstverständlich berichtet wird, sauer. Wieso mussten sie mal wieder in Afrika stattfinden? Auch in den USA gibt es HIV-infizierte Mütter. Das wäre aber vermutlich zu teuer geworden. Wieso mussten die Kinder 'abrupt' abgestillt werden? Macht sich irgendeiner der hochbezahlten US-Wissenschaftler Gedanken darüber, was diese jähe Unterbrechung des normalen Still- und Entwöhnungs-Kontinuums auch für die psychische Entwicklung der Kinder bedeuten kann? Nö. Auch mögliche Brustentzündungen der Mütter wurden in Kauf genommen. Aber die Mütter wurden ja auch nur 'gebeten', so schnell abzstillen...
3.
Sentimenta 19.04.2013
Findet der Autor seinen Artikel eigentlich selbst verständlich? Er trieft doch nur so von Unlogik! Weil die HIV-Konzentration nach 4 Monaten am höchsten ist, soll es sinnvoller sein, sein Kind länger zu stillen? Die Ansteckungsgefahr ist doch auch weiterhin gegeben, selbst wenn sie nicht mehr auf dem Höchststand ist. Und wenn die Konzentration des Virus in der Restmilch zwei Wochen nach dem Abstillen noch höher ist spielt das doch keine Rolle mehr für das Kind, da es diese Milch ja eben nicht mehr bekommt. Ganz abgesehen von dem menschlichen Aspekt: Da gibt es angeblich Übertragungsraten, die zeigen, dass das Risiko bei einem Abstillen nach 4 Monaten am höchsten ist und Forscher bringen die Frauen dann dazu, genau das zu tun? Ich hoffe sehr, dass der Autor da etwas falsch verstanden hat!
4. optional
the4thpip 13.06.2013
Die Erklärung ist, dass die Konzentration der HI-Viren in der Milch durch den Prozess des Abstillens steigt, und dass verschieden stark zu den verschiedenen Zeitpunkten. Hätte der Autor etwas klarer machen können.
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Leben mit HIV
Laut Robert-Koch-Institut lassen sich vor allem Homosexuelle unter 30 Jahren regelmäßig testen. Sind sie positiv, ist die Infektion meist im frühzeitigen Anfangsstadium, die Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen. Heterosexuelle oder Betroffene mit Migrationshintergrund kommen meist, wenn sich die Symptome des geschwächten Immunsystems nicht mehr verleugnen lassen. Bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten sei Aids daher bereits ausgebrochen. Knapp 30.000 HIV-Infizierte sind in Deutschland an Folgen der Erkrankung gestorben, jedes Jahr kommen etwa 500 Todesfälle dazu. Inzwischen haben Betroffene - mit einer Differenz von etwa zehn Jahren - die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Sie sterben inzwischen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als an der durch einen Pilz verursachten Lungenentzündung, einst klassische Todesursache der Aids-Erkrankten. Jeder vierte HIV-Positive ist inzwischen älter als 50 Jahre.
HIV/Aids
Zahlen und Fakten in Deutschland
- in Deutschland leben etwa 78.000 Menschen mit HIV und Aids
- rund 63.000 HIV-Infizierte und Aids-Kranke sind Männer
- davon sind etwa 51.000 Männer homo- oder bisexuell
- 17.000 Menschen haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert
- im Jahr 2012 gab es etwa 3400 HIV-Neuinfektionen
- die Zahl der Todesfälle wird auf 550 geschätzt
- seit Beginn der Epidemie in den achtziger Jahren gab es etwa 27.000 Todesfälle in Deutschland. Jährlich kommen etwa 500 Todesfälle hinzu.
Quelle: RKI, Stand November 2013
HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase ("Aids Related Complex") treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids ("Acquired Immunodeficiency Syndrome").

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Meistens stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Doch können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Diese verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.
Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut der Wirtszelle des Menschen einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.
Weltweite Verbreitung
Laut dem Aidsprogramm der Vereinten Nationen Unaids sind weltweit schätzungsweise mehr als 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas nach wie vor ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2012 erhielten rund 9,7 Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.

Quellen: Robert-Koch-Institut (RKI), Unaids
Umgang und Leben mit HIV
Vor allem Homosexuelle unter 30 Jahren lassen sich regelmäßig testen. Sind sie positiv, ist die Infektion meist im frühzeitigen Anfangsstadium, die Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen.

Heterosexuelle oder Betroffene mit Migrationshintergrund kommen meistens erst, wenn sich die Symptome des geschwächten Immunsystems nicht mehr verleugnen lassen.

Bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten ist Aids daher bereits ausgebrochen. Inzwischen haben Betroffene - mit einer Differenz von etwa zehn Jahren - die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Sie sterben inzwischen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als an der durch einen Pilz verursachten Lungenentzündung, einst klassische Todesursache der Aids-Erkrankten. Jeder vierte HIV-Positive ist inzwischen älter als 50 Jahre.