Ein rätselhafter Patient Verdammte Schei...

Magenschmerzen, Fieber und Durchfall: Als ein Radsportler nach einem Rennen in Norwegen erkrankt, beginnt er nach der Ursache zu forschen. Schnell findet er heraus: Dutzenden Teilnehmern ist es genauso ergangen. Warum?

Radsportler fährt durch aufgeweichtes Gelände
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Radsportler fährt durch aufgeweichtes Gelände

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Eigentlich hat Per Stubban jede Menge Grund zur Freude. Er hat gerade das Trans-Østerdalen absolviert, ein ziemliches anspruchsvolles Mountainbikerennen. Drei Tage lang strampelte der Norweger zusammen mit knapp 300 weiteren Teilnehmern durch Østerdalen, eine wunderschöne, hügelige Landschaft im Südosten von Norwegen.

Zurück in seinem Wohnort Trondheim will sich Stubban von den Strapazen erholen. Da ahnt er noch nicht, dass der anstrengende Teil der Geschichte erst noch kommen soll. Denn schon bald fühlt sich der Norweger krank.

Schnell leidet er unter Fieber, Magenschmerzen und -krämpfen sowie anschließend Durchfall, berichtet der Onlinedienst des norwegischen Rundfunks NRK. Er konsultiert einen Arzt, aber nach einer Woche im Bett ist er immer noch nicht richtig gesund. Sein Zustand verschlechtert sich, er muss sogar im Krankenhaus Infusionen bekommen, um den Flüssigkeitsverlust infolge des Durchfalls auszugleichen.

Gleichzeitig keimt ein Verdacht in ihm: Hat das Radrennen etwas mit seiner mysteriösen Krankheit zu tun? Stubban postet Informationen zu seiner Infektion in einer Facebook-Gruppe, in der sich etliche Teilnehmer des Rennens austauschen. Er will wissen, ob noch mehr Fahrer krank geworden sind. Der Rücklauf ist eindeutig.

Verunreinigtes Geflügelfleisch und kontaminiertes Trinkwasser

Fast 50 Sportlern ist es so ergangen wie Stubban. Sie haben sich eine Infektion mit dem Erreger Campylobacter zugezogen, wie Analysen ihrer Stuhlproben zeigen. Die Bakterien kommen weltweit vor, besonders in der warmen Jahreszeit können sie sich in Europa leicht verbreiten. In Deutschland haben Campylobacter-Infektionen zuletzt sogar zugenommen, teilte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im März mit. Oft ist verunreinigtes Geflügelfleisch, aber auch kontaminiertes Trinkwasser der Auslöser.

Dass sich Stubban über die Rennverpflegung den Keim zugezogen hat, ist jedoch eher unwahrscheinlich - dann hätte es unter den 300 Rennteilnehmern deutlich mehr Fälle geben müssen als die 50 diagnostizierten. Wie konnten die Bakterien die Sportler befallen?

Die Antwort darauf findet Tor Halvor Björnstad-Tuveng: Der ehemalige Weltklassebiathlet ist einer der Mitorganisatoren des Rennens. Er arbeitet als Allgemeinmediziner in der norwegischen Gemeinde Tynset - von dort startet das Trans-Østerdalen.

Als zwei Tage nach dem Rennen die ersten Mountainbiker über Beschwerden klagen, hat Björnstad-Tuveng schnell den Verdacht, dass Bakterien schuld an den auftretenden Symptomen sein könnten. Dann kommt das Ergebnis der Stuhlproben: Campylobacter. Als Arzt weiß der 39-Jährige, dass die Bakterien auch im Darmtrakt von etwa Schafen oder Kühen vorkommen und mit dem Kot ausgeschieden werden.

Gemisch aus Regen, Schlamm und Schafskot

Die Etappe am Samstag hatte die Athleten über eine Passage geführt, die asphaltiert ist. In der Gegend werden viele Schafe gehalten, die Tiere legen sich bei Sonnenschein gerne auf den aufgewärmten Straßenbelag und hinterlassen ihre Spuren. "Das Problem war vermutlich, dass irgendwann das Wetter umschlug, es begann stark zu regnen", sagt Björnstad-Tuveng dem SPIEGEL.

Als die Biker über das nasse Stück rasten, waren die Schafe weg - dafür lag jede Menge aufgeweichter Kot auf dem Weg. Beim Drüberfahren spritzte ein Gemisch aus Wasser, Schlamm und Schafskot an den Fahrern hoch. Und klebte an Händen, Gesichtern und vor allem den Trinkflaschen der Sportler, die in der Regel niedrig am Unterrohr der Fahrräder befestigt sind. "Wer dann aus den Flaschen getrunken hat, hat sich so die Keime eingefangen", so der Norweger.

Ein rätselhafter Patient - das Bilderquiz

In der Vergangenheit hat es in Norwegen bereits ähnliche Fälle gegeben, etwa bei einem anderen Rennen 2010, erinnert sich Björnstad-Tuveng. Auch Jäger oder Wanderer ziehen sich in der Region häufiger Infektionen mit Campylobacter zu.

Meist klingt die Erkrankung nach etwa einer Woche von selbst wieder ab. Wichtig ist währenddessen, den Mineralstoffverlust zu kompensieren. Bei Verläufen mit hohem Fieber verordnen Mediziner zusätzlich ein Antibiotikum. Laut Björnstad-Tuveng mussten nun sieben Personen so ein Mittel nehmen.

So viele Campylobacter-Fälle wie beim Trans-Østerdalen seien aber selten, im vergangenen Jahr habe es keinen einzigen gegeben, so der Arzt. "Das Risiko, sich beim Radsport zu infizieren, ist sehr, sehr gering. Sich gar nicht zu bewegen, ist dagegen sicher ungesünder", sagt er. Er rät Radfahrern, die über Tierweiden oder durch unwegsames Gelände fahren, die Mundstücke ihrer Trinkflaschen sicherheitshalber vor Schlammspritzern zu schützen.

Vorsorglich wird die Strecke im kommenden Jahr aber auch geändert. Dann sollen die Sportler nicht mehr durch den Schafskot fahren müssen. Auch Stubban will dann wieder dabei sein - ihm geht es inzwischen besser. Dann aber mit einem Trinkrucksack statt einer Flasche am Rad.

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