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20. Februar 2013, 12:01 Uhr

Wir machen uns mal frei

Ein Leben ohne Dusche? Geht!

Die allmorgendliche Dusche ist für uns so selbstverständlich, dass wir kaum noch einen Gedanken daran verschwenden. Kolumnist Jens Lubbadeh lebte drei Jahre lang in einer WG ohne Dusche - noch nie hatte er eine so gute Haut.

Tübingen ist schön. Kein Wunder, dass die Stadt bei Studenten hoch im Kurs steht. Doch einen großen Nachteil hat das hübsche Städtchen am Neckar: es gibt fiese Steigungen. Nicht umsonst bezuschusst der grüne Bürgermeister und Fahrradfan Boris Palmer seinen Bürgern E-Bikes.

Denn mit normalen Rädern und normaler Kondition stößt man in Tübingen schnell an seine Grenzen.

In meinem Fall wurde alles noch verschärft, denn in meiner WG gab es keine Dusche. Noch schlimmer: Es gab nur ein Waschbecken - für vier Personen. Und das stand auch noch offen im Flur. Schwellenland Schwabenland. Alle höflichen Bitten hinsichtlich des Einbaus einer Dusche konterte Elfrun, unsere Vermieterin, so: "Wisset Sie, wenn's Ihne nedd bassch', könnet's auch gehn." Wir blieben. 150 Mark Miete fürs Zimmer waren nicht zu schlagen, die Chancen auf eine andere Wohnung waren damals für Studenten nahezu aussichtslos. Immerhin: Statt einer Dusche spendierte uns Elfrun einen neuen Linoleumboden.

So mussten wir lernen, ohne Dusche zu leben. Meine WG-Mitbewohnerinnen und ich verfolgten sehr unterschiedliche Strategien. Am leichtesten hatte es noch Sonja, die Profisportlerin, die sowieso täglich am Sportinstitut duschte. Esther wurde Stammkundin im Schwimmbad. Bemerkenswert war, dass sie ihre Dauerkarte auch noch zum Schwimmen nutzte. Katharina hingegen pflegte gute Kontakte zum benachbarten Studentenwohnheim.

Dusche bei den Chemikern

Ich fuhr mehrgleisig: Da ich mir jeden Morgen die Ochsentour auf dem Fahrrad hoch zur Uni gab, duschte ich bei den Chemikern. Über meine permanent nassen Haare wunderten sich die Profs nur anfangs. Ich hatte Duschfreunde auf dem Berg und im Tal, so dass ich mich in der Stadt frei bewegen konnte.

Menschen ohne Dusche stellen erstaunt fest, wie dieser Gegenstand plötzlich zum Lebensmittelpunkt wird, vor allem im Sommer. Sie werden zum perfekten Organisator: Habe ich das Handtuch eingepackt? Das Duschgel? Die Wechselunterhose? Ohne all das geht man nicht mehr vors Haus. Freundesbesuche ohne Synergieeffekte werden undenkbar. Aus: "Kann ich dich heute Abend besuchen?" wird: "Kann ich heute Abend bei dir duschen?". Die anfängliche Scham schwindet schnell.

Die Dusche wird zum Prüfstein für soziale Beziehungen. Die echten, wahren Freunde werden einen nie hängen lassen, selbst wenn man noch um 23:39 Uhr verzweifelt um eine warme Dusche bettelt. Umgekehrt wird die Dusche aber auch instrumentalisiert. Leute, die auf dem Berg wohnten und niemals Besuch bekamen, nutzen sie als perfides Lockmittel: "..., du kannst auch bei mir duschen", wurde ein beliebter Nachsatz. Andere wiederum kamen mit dem Duschtourismus nicht klar und fühlten sich ausgenutzt. Meine damalige Freundin warf mir vor, dass ich nur wegen der Dusche mit ihr zusammen sei. Immerzu fürchtete sie, dass ich sie für eine Badewanne verlassen könnte.

Makellose Haut

Keine Dusche zu haben, hat auch Vorteile: Niemals zuvor hatte ich so gute Haut wie in dieser Zeit. Zu viel Duschen ist nämlich gar nicht gut (siehe Infoteil). Meinen Mitbewohnerinnen ging es ebenso. In Tübingen fielen wir nicht nur mit unseren ständig nassen Haaren auf, sondern auch mit unserer makellosen Haut. Auch für das Zusammenleben war die fehlende Dusche von Vorteil: Die Notsituation schweißte uns zusammen und den Haupt-WG-Konfliktherd - Haare im Duschsieb - kannten wir nicht. Allerdings wurde das strapazierte Waschbecken oft zum Bakterien- und in der Folge manchmal zum Konfliktherd.

Jesus duschte in der Wüste 40 Tage nicht, Steve Jobs fast sein ganzes Leben, er glaubte, dass ihm das Wasser die Lebenskräfte rauben würde. Macht ein Dusch-Zölibat genial? Jedenfalls macht es einen interessant. Man hat immer ein Partythema und es lockt wider Erwarten Leute an. Die typische Reaktion ist erst einmal Fassungslosigkeit. Männer finden die Vorstellung, duschlos zu leben dann in der Regel cool, Frauen haben eher Mitleid und bieten einem spontan ihre Dusche an.

Dabei geht es sogar noch asketischer: Ein Bekannter lebte ohne Kühlschrank. Seine Lebensmittel verwahrte Kalle im Keller. Morgens beim Frühstück wischte er die Mäuseknödel am Gouda einfach wortlos weg. An permanent nasse Haare und alte Unterhosen im Rucksack habe ich mich ja mit der Zeit gewöhnen können. Aber Frühstück bei Kalle blieb immer eine Herausforderung.

Die drei duschlosen Jahre haben mich Demut gelehrt. Als ich Tübingen verließ und das erste Mal wieder eine eigene Dusche hatte, weinte ich fast vor Glück unter dem Brausestrahl. Duschen ist eine phantastische Sache und ein Luxus, den wir uns hin und wieder ins Bewusstsein rufen sollten, wenn wir über iPhones mit mieser Navigation schimpfen. Denn so viel ist klar: Fürs Duschen gibt es keine App.

Hier erfahren Sie, wie man seine Haut beim Duschen am besten vor dem Austrocknen schützt.

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