Lebensspanne Älter wird's nicht

Hat der Mensch sein maximales Lebensalter schon erreicht? Statistische Untersuchungen legen nahe, dass bei 125 Jahren Schluss ist. Längst nicht alle Forscher sind überzeugt.

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Emma Morano bringt es auf stolze 116 Jahre. Sie ist die älteste lebende Person der Welt. Die Italienerin begründet ihr hohes Alter damit, jeden Tag zwei rohe Eier zu essen.

Die Französin Jeanne Calment wurde sogar 122 Jahre alt und gilt damit bis heute als der älteste Mensch, der jemals gelebt hat. Calment rauchte, seit sie 16 war, und versuchte erst mit 117 aufzuhören. Ohne Erfolg, mit 118 wurde sie rückfällig. 1997 starb sie in Arles und war selbst davon überzeugt, dass Portwein, wenig Sex, viel Schlaf und ganz viel Knoblauch ihr langes Leben begünstigt haben.

Im August gab es weltweit 15 Menschen, die 116 Jahre oder älter waren.

Werden die Menschen immer älter?

Ein Forscherteam vom Albert Einstein College of Medicine in New York ist vom Gegenteil überzeugt: Sie gehen davon aus, dass der Mensch sein maximales Alter bereits erreicht hat. Das schreiben die Wissenschaftler Xiao Dong, Brandon Milholland und Jan Vijg im Fachblatt "Nature".

"Demographen und Biologen haben immer wieder behauptet, es gebe keinen Grund zu glauben, dass der derzeitige Anstieg der maximalen Lebensspanne bald enden wird", so Vijg, Professor für Genetik . "Aber unsere Daten geben einen starken Hinweis darauf, dass die maximale Lebensspanne bereits erreicht wurde, und zwar schon in den Neunzigerjahren."

Die Forscher berufen sich auf Geburts- und Sterbedaten aus der Human Mortality Database aus mehr als 40 Ländern. Sie suchten unter anderem gezielt nach Personen, die nachweislich 110 Jahre oder älter wurden. Die Analyse ergab, dass die Zahl der Hundertzehnjährigen oder noch Älteren bis in die Neunzigerjahre gestiegen ist. Seitdem stagniert sie jedoch.

"Diese Ergebnisse legen nahe, dass es eine Grenze bei der menschlichen Lebensspanne gibt", so Vijg. Er und seine Kollegen gehen sogar noch weiter: Sie glauben, dass der Mensch maximal 125 Jahre alt werden kann. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit, irgendwo auf der Welt einem Menschen zu begegnen, der 125 Jahre oder älter ist, bei 1 zu 10.000.

"Wir sind nicht darauf programmiert, zu sterben"

Linda Partridge, Direktorin am Kölner Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns, hält die Studie zwar für "einen interessanten Schnappschuss von dem, was bisher auf dem Gebiet geschehen ist". Sie betont jedoch, dass keine exakte Grenze existiere, die bestimmt, wie alt ein Mensch maximal werden kann. "Es gibt keine Zeitbombe, die in einem bestimmten Alter losgeht. Wir sind nicht darauf 'programmiert', zu sterben."

Partrigde hält es für möglich, dass künftige Generationen eine noch höhere Lebensspanne erreichen. Die Lebenserwartung könnte in Anbetracht von Übergewicht und Diabetes aber auch sinken. "Wir können die Zukunft auf Grundlage der Studie nicht vorhersagen", so die Forscherin.

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James Vaupel vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock geht in seiner Kritik noch weiter. Die Publikation basiere auf der selektiven Nutzung von Daten und ziehe einseitige Schlüsse. Die seien durch die Daten nicht gedeckt, moniert er. Vaupel glaubt, dass Studien wie diese veröffentlicht würden, weil es vielen Leuten plausibel erscheine, dass die maximale Lebensspanne nicht viel weiter ansteigen kann.

Seiner Ansicht nach gibt es keine Hinweise auf eine natürliche Obergrenze der Lebenszeit. In der Vergangenheit ausgerufene Grenzen seien wiederholt widerlegt worden. "Vor 100 Jahren nahm man an, dass die durchschnittliche Lebenserwartung niemals 65 Jahre überschreiten werde. Als dann der Gegenbeweis sichtbar wurde, wurde die Grenze wieder und wieder nach oben verschoben", so Vaupel.

Das Team um Vijg hingegen ist überzeugt: "Weitere Fortschritte im Kampf gegen Infektionen und chronische Krankheiten mögen die zu erwartende Lebensdauer zwar verlängern, aber nicht die maximale Lebensspanne."

Was genau den Menschen überhaupt altern lässt, ist noch nicht im Detail geklärt, es ist aber ziemlich komplex. Partridge benennt Schäden am Erbgut, das Ausfallen von Qualitätskontrollen in Zellen und Geweben, die Fehlfunktion von Stammzellen und Störungen im Immunsystem als Beispiele für verantwortliche Faktoren.

Auch der diesjährige Nobelpreisträger für Medizin, Yoshinori Ohsumi, hat sich mit Grundlagenforschung, die das Altern betrifft, beschäftigt. Er fand heraus, dass sich Körperzellen zum Teil selbst fressen, um gesund zu bleiben.

Mit Material von dpa



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Seite 1
i.dietz 05.10.2016
1. Bei dieser prognostizierten Lebensalterszeit
von ca. 125 Jahren müsste die Politik aber s o f o r t das Renteneintrittsalter auf 80 bis 85 Jahren erhöhen ! Ich freue mich schon jetzt !
Ehekrüppel 05.10.2016
2.
und das Pensions Eintrittsalter senken..
ratiovinxit 05.10.2016
3. Million of Methusalem
Bei 1: 10000 für über 125 gibt es demnach fast 1000.000 über 125 jährige auf der Welt.
Dromedar 05.10.2016
4. Ich glaube eher
daß wir eine der letzten Generationen sind, für die Sterben überhaupt noch üblich sein wird. Schon heute lässt sich fast jedes Organ (im Prinzip bis auf das Gehirn) ersetzen, nur der Nachschub an möglichst gesunden Spender-Organen ist stark begrenzt. Aber früher oder später wird man die ja wohl züchten können. Ist eigentlich nur die Frage, wie lange das Gehirn vernünftig mitarbeiten kann. Schon heute begrenzt es ja durch Demenz die praktische Lebenszeit massiv.
friespeace 05.10.2016
5.
Schon vor mehreren tausend Jahren wurde in der Bibel beschrieben, dass die maximale lernenden Lebenserwartung 120 Jahre beträgt. Insofern sind diese Erkenntnisse nicht wirklich überraschend.
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