Früher war alles schlechter Die Welt der grauhaarigen Unsterblichen

Ein Mensch über 35 war im Mittelalter so gut wie tot. Unsere Kinder hingegen werden in einer Welt der 100-Jährigen leben. Und wie alt werden Sie selbst, so rein statistisch?

Lebenserwartung in Großbritannien zum Zeitpunkt der Geburt
DER SPIEGEL (Quelle: WHO; Kertzer und Laslett; Wrighley und Schofield)

Lebenserwartung in Großbritannien zum Zeitpunkt der Geburt

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"Jede Woche verlängert sich unser Leben um ein Wochenende." Der Satz stammt vom niederländischen Altersforscher Rudi Westendorp. Wie kommt er zustande? Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt hat sich in der jüngeren Vergangenheit im Westen pro Jahrzehnt um zwei bis drei Jahre verlängert. Dieses Verhältnis hat Westendorp auf eine Woche umgerechnet.

Kinder, die heute in Deutschland zur Welt kommen, werden mit einiger Wahrscheinlichkeit über hundert Jahre alt. Eine Welt der Hundertjährigen würde sich für einen Menschen des 16. Jahrhunderts anfühlen wie ein anderer Planet, bewohnt von grauhaarigen Unsterblichen.

Die Lebenserwartungskurve Großbritanniens, wo Daten seit dem Jahr 1543 vorliegen, zeigt zunächst über drei Jahrhunderte hinweg keinerlei Entwicklung: Wer über 35 war, war statistisch so gut wie tot. Zwar gab es auch 40-, 50-, sogar 60-Jährige. Doch die Zahl derer, die direkt nach der Geburt starben, war entsetzlich hoch. Dann, von der Mitte des 19. Jahrhunderts an, getrieben von wachsendem Wohlstand und medizinischen Errungenschaften, ging es aufwärts.

Apropos Medizin: Glücklich können sich wie immer diejenigen schätzen, die in reichen Ländern wohnen. Je reicher ein Land wird, desto mehr Geld kann dort auch für die Gesundheitsversorgung gezahlt werden. Das hat eine Studie ergeben, die auch wachsende Bruttoinlandsprodukte mit wachsenden Gesundheitsausgaben verknüpft. Demnach unterscheiden sich die jeweiligen Ausgaben zwischen 33 Dollar pro Kopf in Somalia, 5356 Dollar in Deutschland und 9237 Dollar in den USA.



Das heißt nicht zwangsläufig, dass in den Ländern mit der höchsten Zahlungsbereitschaft auch die gesündesten Menschen leben. Aber wir Erdenbürger haben dadurch verschiedene Startbedingungen für ein langes Leben.

Wie sehr die Lebenserwartung vom Geburtsland abhängt, zeigt die Website population.io: Der deutsche Weltbank-Ökonom und Big-Data-Virtuose Wolfgang Fengler hat sie gebaut. Wer sein Geburtsdatum und -land eingibt, darf nicht nur sein statistisch wahrscheinlichstes Todesdatum zur Kenntnis nehmen, sondern stellt auch fest, wie alt er schon im internationalen Vergleich ist.

Man kann sich dann zum Vergleich auch als Bürger eines anderen Landes ausgeben: Als US-Amerikaner mit dem Geburtsdatum 1. Mai 1980 hätte man laut Statistik noch 46,2 Jahre vor sich, als Somalier nur noch 33.

Doch Schluss mit der Todesdatum-Rechnerei. Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte musste man froh sein, es überhaupt bis 40 zu schaffen! Heute liegt die Lebenserwartung im globalen Mittel bei 70 Jahren.

Wo soll das enden? In der menschlichen DNA sei keine maximale Lebensdauer festgelegt, sagt Altersforscher Westendorp: "Der erste Mensch, der 135 Jahre alt werden wird, ist heute bereits geboren."

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Dies ist die Online-Ausgabe der SPIEGEL-Rubrik "Früher war alles schlechter" von Guido Mingels. Mehr Nachrichten mit Trends zur Verbesserung der Welt gibt es auf der Themenseite: Früher war alles schlechter.

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spon-facebook-10000523851 30.04.2017
1. Die leben nicht laenger.
Denen wird nur die Zeit verguetet, die sie in Schlangen und Autostaus stehen. Sie existieren nur laenger.
Schlammbuddler 30.04.2017
2. Eher ein zwang
Ich empfinde das altern und das Alter keinesfalls als Privileg, eher schon als Zwang.
keine-#-ahnung 30.04.2017
3. Der Glaube, dass diese Entwicklung ewig anhalten wird ...
... ist nichts als ein solcher. Wir verdanken einen immensen Teil des Zuwachses an Lebenserwartung dem Wissen um die Antiseptik (bspw. Kindbettfieber), der Einführung der Antibiose als Quantensprung, der modernen diagnostischen Bildgebung, modernen operativen Verfahren und Pharmaka sowie dem Wissen um einige Standards der Lebensgestaltung. Zusätzlich kommen noch die Abwesenheit von Kriegen in USA, Kanada und in Westeuropa (zumindest seit 1945) und die Anwesenheit von Sicherheitstechnologien im Alltags- und Berufsleben hinzu. Die Antibiose steht bereits am Beginn ihres eigenen Endes ... dann wird es eh schon schaurig. Die Gentechnologen versprechen einem bereits seit 20 Jahren das Blaue vom Himmel herunter, (fast) ohne Resultat. Jede neue medizinische Technologie wird gehyped, ohne einen tatsächlichen Nutzen abzuwarten ... in summa kommt da - zumindest aus heutiger Sicht - nicht mehr viel, was tatsächlich einen krassen Anstieg der Lebenserwartung zumindest in den Ländern verspricht, wo diese heute schon hoch ist.
MatthiasPetersbach 30.04.2017
4. …das mit dem Mittelalter...
…ist mal wieder ein Beweis dafür, wie man Statistik fehlinterpretieren kann. Gerade ein Mensch mit 35 hatte damals ne gute Chance, 60 oder 70 zu werden. Falls er keine Frau war. Die Angabe der Lebenserwartung ist die MITTLERE Lebenserwartung. Die sich daraus errechnet, daß ein großer Teil der Bevölkerung das 10. Lebensjahr nicht erreichte - und Frauen überwiegend im Kindbett starben. Das heißt, mit 0 Jahren war die mittlere Lebenserwartung vielleicht 35 Jahre, heißt aber nicht, daß ein 35jähriger damals so gut wie tot war. Das ist völliger Blödsinn.
multi_io 30.04.2017
5. Durchschnitt vs. Varianz
Wer im Mittelalter 35 war, war meistens keineswegs "so gut wie tot", sondern hatte vergleichsweise gute Chancen, noch Jahrzehnte weiterzuleben. Es gab auch im Mittelalter schon relativ viele 70- und 80-jährige -- Leute also, die doppelt so alt wie die Lebenserwartung waren. Sowas gibt es heute auf der ganzen Welt nicht, denn das doppelte der Lebenserwartung wäre 160, und so alt wird niemand. Die Lebenserwartung ist der Mittelwert aller Sterbealter der Bevölkerung, nix weiter. Sie sagt nix über beispielsweise die Standardabweichung aus, und die war im Mittelalter um Größenordnungen höher, allein schon aufgrund der hohen Kindersterblichkeit und relativ hohen Sterblichkeit an Bagatellkrankheiten. Wenn man im Mittelalter alle einzelnen Sterbealter der Bevölkerung auf einer Zeitachse aufgetragen hätte, dann hätte man eine breit gestreute Punktwolke zwischen Null und 90, mit einem Mittelwert um 40, und das war dann halt die Lebenserwartung. Heute bekäme man einen dichten Punktcluster zwischen 70 und 90, und der Mittelwert ist 80. 160 wird damals wie heute niemand. Aber es gab etliche 80jährige -- weniger als heute natürlich, aber es gab sie. Die Lebenserwartung von 30jährigen im Mittelalter lag sicher jenseits der 60, d.h. wer bei halbwegs solider Gesundheit 30 wurde, hatte Chancen noch Jahrzehnte weiterzuleben. Ich will damit nicht sagen, dass das Mittelalter toll war -- es war ein Höllenloch. Und natürlich hatten auch mittelalte gesunde Menschen damals eine höhere Sterbewahrscheinlichkeit als heute -- jede Blinddarmentzündung und jede ernsthafte Infektion konnten das Ende bedeuten. Aber die bloße Betrachtung der Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung greift zu kurz.
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