Restaurants in den USA Im Allergikerparadies

Genervt, unwissend, fahrlässig - so reagieren viele deutsche Kellner auf eine einfache Frage: Enthält dieses Essen Nüsse? Wohltuend anders ist das in den USA.

Von , Boston, Massachusetts

Frauke Lüpke-Narberhaus

Weit weg von zu Hause habe ich ein Allergikerparadies entdeckt. Rund 5800 Flugkilometer von Hamburg entfernt, 20.200 Quadratkilometer groß: Willkommen in Massachusetts, an der Ostküste der USA.

Seit 23 Jahren habe ich Heuschnupfen, das entspricht fast 75 Prozent meiner Lebenszeit. Er gehört für mich inzwischen zu Frühjahr und Sommer wie Müdigkeit zum Morgen. Unangenehm, aber selbstverständlich. In meinem ersten Heuschnupfenjahr bedeutete Niesen noch Erkältung, also verordneten meine Eltern mir einen Sommer lang Hose und Pullover. Ich sprang trotzdem heimlich in den Pool meiner besten Freundin. Bevor ich nach Hause fuhr, föhnte ich meine Haare nur nachlässig; der darauffolgende Hausarrest kurierte mich nicht.

Deutschland: "Nüsse? Weiß ich nicht"

Etwa zu der Zeit fing mein Mund an zu kribbeln, wenn ich Haselnüsse gegessen hatte. Es blieb nicht bei Haselnüssen, nicht beim Kribbeln, inzwischen trage ich immer ein Notfallset bei mir: Adrenalinspritze, Antiallergikum, Kortison sollen mich im Falle eines anaphylaktischen Schocks schützen, an dem ich schlimmstenfalls sterben könnte.

Obwohl ich mit der Nussallergie aufgewachsen bin wie mit dem Heuschnupfen, gilt für sie nicht: unangenehm, aber selbstverständlich. Sie macht mir bis heute manchmal Angst. Denn sie macht mich abhängig von Menschen, die oft nicht wissen, welche Verantwortung sie tragen und dementsprechend fahrlässig handeln.

Mein Notfallset musste ich noch nie nutzen, ich will es auch nicht, deswegen frage ich in Restaurants immer, ob mein Essen Nüsse enthält. Gern würde ich auf diese Frage verzichten - besonders weil ich nie weiß, wie Kellner reagieren.

A. "Nein, das können Sie beruhigt essen."

B. "Warum sollten da Nüsse drin sein?"

C. "Nüsse? (Kellner tritt einen Schritt vom Tisch zurück.) Haben Sie gerade Nüsse gesagt? (Er tritt noch einen Schritt zurück.) Natürlich! (Er ruft jetzt ins Restaurant.) Das Essen ist voller Nüsse. (Er lacht.)

D. "Weiß ich nicht."

Antwort A höre ich in Deutschland bislang zu selten, Antwort D hingegen sehr oft. Danach schweigen viele Kellner, kein Angebot, sich beim Koch zu erkundigen. Wenn ich darum bitte, verzieht mancher das Gesicht, als sei eine Nussallergie die neue Brigitte-Diät.

USA: "Haben Sie eine Allergie, von der ich wissen sollte?"

Seit Ende Juli lebe ich vorübergehend in Massachusetts, ich habe teurere Restaurants besucht und günstigere. Antwort C und D habe ich dort noch nie gehört. Dafür eine Frage, die mir bisher kein deutscher Kellner gestellt hat: "Haben Sie eine Allergie, von der ich wissen sollte?" Auf meinem Tellerrand klebte schon ein kleiner Zettel, den der Kellner diskret entfernte, bevor er mir das Essen reichte: "Allergy". Ich empfinde das nicht als Stigma, sondern als Sicherheit, die mich entspannt genießen lässt.

Amerikanische Gastronomen wollen nicht die aufmerksameren sein, sie müssen es. Vielleicht fürchten manche nur, verklagt zu werden. Denn im Januar 2009 hat Massachusetts' Gouverneur Deval Patrick den ersten Allergy Awareness Act in den USA unterzeichnet, das Gesetz soll Restaurants sowie Betriebe, die Speisen für den sofortigen Verzehr zubereiten oder servieren, für Allergiensensibilisieren. Seitdem muss sich pro Restaurant mindestens ein Mitarbeiter zum zertifizierten "Food Protection Manager" ausbilden lassen, Poster weisen im Mitarbeiterbereich auf die wichtigsten Allergene hin, zudem fordern sie Besucher auf, Mitarbeiter über Lebensmittelallergien zu informieren: "Before placing your order, please inform your server if a person in your party has a food allergy", so steht es in jeder Speisekarte. I like!

Europäische Union: Gute Idee, aber wenig hilfreich

Die Lebensmittelinformations-Durchführungsverordnung (LMIV) der Europäischen Union gefällt mir im Prinzip auch: Restaurants müssen demnach ab dem 13. Dezember ihre Gäste über allergene Zutaten informieren, also über Erdnüsse beispielsweise, Eier und Milch. Wie sie das tun, regelt die Verordnung allerdings nicht, das bleibt jedem Gastronom selbst überlassen. Wenig hilfreich also und kaum kontrollierbar.

Das deutsche Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft arbeitet derzeit an einem Gesetz, das das Wie regeln soll. Mitreden dürfen unter anderem der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband und der Deutsche Allergie- und Asthmabund: Der eine fürchtet eine "Überregulierung zulasten kulinarischer Kreativität", der andere sorgt sich um die Gesundheit von Hunderttausenden Lebensmittelallergikern. Wann der Bundestag das Gesetz verabschiedet und wann der Verbraucher es tatsächlich spürt, steht noch nicht fest.

Ich fürchte, Deutschlands Gastronomen könnten das Gesetz so kreativ interpretieren wie den Nichtraucherschutz. Dabei wünschte ich mir, sie würden es nicht nur befolgen, sondern verinnerlichen. Eine Dienstreise nach Massachusetts könnte dabei helfen.

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insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
lindenbast 09.10.2014
1.
Man sollte nicht glauben, wie oft man falsche Auskünfte bekommt, wenn man im Restaurant nachfragt. Meine Mutter (schwere Hühnerei-Allergie) musste schon zweimal den Notdienst alarmieren, weil man ihr versichert hatte, im bestellten Gericht sei kein Hühnerei enthalten.
Sleeper_in_Metropolis 09.10.2014
2.
---Zitat--- Amerikanische Gastronomen wollen nicht die aufmerksameren sein, sie müssen es. Vielleicht fürchten manche nur, verklagt zu werden ---Zitatende--- Ich vermute, die Angst vor der Klage ist der Hauptgrund. Da man in Amiland ja bekanntlich jeden und alles auch wegen dem allerletzten Unsinn verklagen kann, gehen die Restaurantbetreiber halt auf Nummer sicher. ---Zitat--- Restaurants müssen demnach ab dem 13. Dezember ihre Gäste über allergene Zutaten informieren, also über Erdnüsse beispielsweise, Eier und Milch. Wie sie das tun, regelt die Verordnung allerdings nicht, das bleibt jedem Gastronom selbst überlassen. ---Zitatende--- Wenn sie Schlau sind, drucken sie das in die Speisekarte oder bringen unübersehbare Aushänge an. Dann ist man auch nicht mehr von der Laune der Bedienung abhängig.
new_eagle 09.10.2014
3. Die entscheidende Frage ist die nach dem Warum
es zu so einem drastischen Anstieg der Allergikerzahlen kommen konnte. Statt Gesetze zu erlassen die Restaurants zwingen auf jedwede Allergie vorbereitet zu sein, sollte man lieber die Ursachen erforschen und dann abstellen. Und das diese Ursachen irgendwas mit unseren "modernen" Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, Umweltbedingungen und Anbaumethoden zu tun haben dürfte wohl jedem mit etwas Verstand klar sein. Vor 50 oder 100 Jahren waren fast alle Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten unbekannt.
screammr 09.10.2014
4. Selbstverantwortung
Bei den Amis alles besser. Auf dem Kaffee steht das er heiß sein könnte und bei den Allergenen sind Sie jetzt auch Vorreiter und die einzige Lösung der guten Frau ist ein neues Gesetz wie haben es nur die Allergiker der letzten 2000 Jahre gemacht? Die Schulung des Mitarbeiters Zahlen alle mit die ins Restaurant gehen, also vielleicht mehr mit Füßen abstimmen und Restaurants die es ausweisen mehr besuchen und andere nicht. Das merken die Alle schnell wenn das Schule macht. Aber nein wir brauchen mehr Vorschriften!
misterknowitall 09.10.2014
5.
Kein Wunder. In den USA hat gerade jemand 13 Mio. zugesprochen bekommen, weil er festgestellt hat, dass Red Bull ja nicht wirklich Flügel verleiht, wie in der Werbung "versprochen". Man kann also für alles sehr hoch verklagt werden, um Sorge für den Kunden geht es dabei nicht.
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