Norovirus bei der Leichtathletik-WM Extrem schnell und praktisch unschlagbar

Bei der Leichtathletik-WM in London steht ein Gewinner fest, der keine Medaille erwarten kann: das Norovirus. Mit drastischen Maßnahmen soll sein Siegeszug gestoppt werden: keine Umarmungen, keine Massage - dafür Quarantäne.

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Noroviren
Gudrun Holland/ Robert Koch-Institut

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Noroviren


Isaac Makwala war am Dienstagabend bereits auf dem Weg ins Londoner Olympiastadion, doch Botswanas Weltklasse-Sprinter wurde aufgehalten. Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) untersagte ihm den Start im 400-Meter-Finale der Leichtathletik-WM in London, weil Makwala sich offenbar mit dem Norovirus infiziert hatte.

Der Sportler stand vor dem WM-Aus und reagierte entsprechend aufgebracht: "Sie haben mir nicht mal zugehört. Sie haben nur gesagt: Nein, du kannst nicht laufen, weil du krank bist", sagte der Sprinter dem britischen Fernsehsender ITV in London. "Manchmal denke ich, das könnte Sabotage sein." IAAF-Präsident Sebastian Coe wies die Vorwürfe entschieden zurück. "Jeder, der andeutet, dass dies eine Verschwörung ist, lebt offensichtlich auf einem völlig anderen Planeten", sagte der Brite der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Tatsächlich erscheint die Vorsicht der IAAF angebracht. Noroviren sind ein extrem ansteckender Verursacher viraler Gastroenteritiden, die umgangssprachlich auch Magen-Darm-Grippe genannt werden. Zehn winzige Virenpartikel reichen für eine Infektion, Erkrankte verteilen Milliarden davon in ihrer Umwelt. Unter Experten gilt Noro als "perfektes" Virus: Es verbreitet sich extrem schnell und ist kaum zu bekämpfen.

Zwei Norovirusfälle hat der IAAF offiziell bestätigt, doch vermutlich sind noch mehr Sportler betroffen. Denn bei Verdacht wird meist kein Test auf die Erreger gemacht, weil dieser aufwendig ist und für die Therapie eh keine Vorteile bringen.

Mittlerweile grassieren in allen Athleten-Hotels in London Durchfallerkrankungen. Im deutschen Team sind bislang 13 Sportler und Betreuer betroffen. Zwei Athleten waren am Mittwochabend noch in Quarantäne, deren Startchancen stünden 50:50. "Bei den 13 Fällen ist es wahrscheinlich, dass sie das Norovirus haben", sagte Mannschaftsarzt Andrew Lichtenthal. Um welche Sportler es sich handelt, wird nicht bekannt gegeben. Cheftrainer Idriss Gonschinska sprach von einer Ausnahmesituation.

Dass das Norovirus ausgerechnet bei der Leichtathletik-WM zuschlägt, ist für die Spitzensportler besonders ärgerlich. Allerdings sind Sportveranstaltungen dieser Art für das Virus ideal. Die Athleten nutzen dieselben sanitären Anlagen, schlafen in denselben Hotels. Wenn sich ein Erkrankter in einem Raum erbricht, ist dieser Raum über die Atemluft in Sekunden kontaminiert. Auch an Gegenständen, Lebensmitteln und im Wasser hält sich das Virus ungewöhnlich lang. Zur Ansteckung genügt oft schon eine Berührung.

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Gastroenteritis: Eine Krankheit, viele Ursachen

Deshalb hat die IAAF nach Meldung des Sportinformationsdiensts eine Anweisung an die Athleten herausgegeben, auf gegenseitige Umarmungen und andere körperliche Gratulationsbekundungen nach den Wettkämpfen zu verzichten. Auch die deutschen Athleten wurden aufgefordert, als Vorsichtsmaßnahme gegen die Magen-Darm-Erkrankungen verstärkt Desinfektionsmittel zu benutzen, sich regelmäßig die Hände zu waschen, überschwängliche Umarmungen, Handshakes sowie offen liegendes Obst zu meiden. Wer dagegen verstößt, werde nach Hause geschickt.

Die Symptome der Erkrankung treten nach zehn bis spätestens 40 Stunden auf, dann aber sehr plötzlich und heftig: Die meisten Betroffenen erleben schwallartiges Erbrechen, das sich über Stunden hinziehen kann. Weitere Symptome: leichtes Fieber, tiefe Erschöpfung, Bauch- und Muskelschmerzen, bei Dehydrierung Kreislaufprobleme und Kopfschmerzen. Vektor, also Virenverteiler, ist man ab Einsetzen der Symptome. Über rund 48 Stunden gilt der Betroffene als hoch ansteckend.

Die Magen-Darm-Grippe: Ein ärztliches "Irgendwas mit Entzündung"
Sammelbegriff ohne diagnostischen Wert
Die Magen-Darm-Grippe ist alles, nur keine Grippe: Der umgangssprachliche Begriff meint meist die Gastroenteritis, eine entzündliche Erkrankung des Magen-Darm-Traktes. Als Diagnose ist der Begriff eigentlich kaum hinreichend, weil er nur Symptome beschreibt: Ausgelöst wird diese je nach Erreger unangenehme bis gefährliche Erkrankung durch eine Vielzahl möglicher Ursachen, darunter bakterielle wie virale Erreger. Und die erfordern bei schwerem Verlauf höchst unterschiedliche Medikamentierungen. Eine schwere Gastroenteritis sollte darum per Labor auf ihre Ursache abgeklärt werden. In der Praxis sind diese Erkrankungen aber so häufig, dass die meisten Mediziner darauf zunächst nur mit Standardmaßnahmen reagieren, die Symptome mildern und Dehydrierung verhindern sollen.
Was passiert bei einer Gastroenteritis?
Bei einer Gastroenteritis kommt es zu einer Schädigung der Schleimhäute des Verdauungssystems, die sich dann entzünden. Prinzipiell kann das alle möglichen Ursachen haben: Vergiftungen, physische Schädigungen durch verschluckte Gegenstände, Strahlung und mehr. In aller Regel sind es aber Viren oder Bakterien, die die Schädigung verursachen. Symptome sind Unwohlsein, Magen-Darm-Schmerzen, Erbrechen, Durchfälle, Fieber. Wir bekommen so etwas andauernd, meist ist der Verlauf mild, Hefepräparate und andere Durchfall-Hemmer wie Kohletabletten und elektrolytisch wirkende Flüssigkeiten reichen völlig zur Behandlung. Bei schweren Verläufen kann die "Magen-Darm-Grippe" aber ernstlich krank machen, in seltenen Fällen ist sie sogar tödlich.
Noro, Rota, Salmonellen und Co.: Meldepflichtig, weil gefährlich
Die aggressivsten Erreger der Gastroenteritis sind einige Bakterien wie beispielsweise Salmonellen, Escherichia coli (EHEC), Shigellen (Ruhr) oder Vibrio cholerae (Cholera), die in Deutschland zum Glück nur noch eingeschleppt vorkommt; daneben vor allem Viren wie Rota und Noro und andere Erreger, die hochinfektiös sind und schwere Verläufe haben können. Sie alle sind meldepflichtig, weil sie sich epidemisch verbreiten können: Die Bakterien oft über kontaminierte Nahrungsmittel (Geflügel, Rohkost etc.), die Viren oft auch von Mensch zu Mensch durch Schmier- oder Tröpfcheninfektion.
Was kann, was muss man tun?
Das kommt auf die Ursache und Schwere der Erkrankung an. Immer sollte man mögliche Folgen der Symptome bekämpfen, also etwa anhaltenden Durchfall durch entsprechende Mittel verhindern, einer Dehydrierung durch Salze enthaltende Flüssigkeitsgabe entgegenwirken. Bei hoch infektiösen Erkrankungen ist eine Isolierung der Kranken bis hin zur Quarantäne angezeigt. Kranke wie Helfer sollten auf akribische Hygiene achten. Gegenstände, Stoffe und Objekte, die von den Kranken genutzt/berührt wurden, können (z.B. bei Norovirus) gegebenenfalls für Wochen kontaminiert sein und zu Virenverteilern werden: Auch hier ist Desinfizierung angesagt.

Deshalb müssen die Sportler, bei denen der Verdacht auf Norovirus besteht, mindestens 48 Stunden lang in Quarantäne. Auch das deutsche Team hat reagiert: Die Hygienemaßnahmen im 900-Betten-Teamhotel an der Tower Bridge sind massiv verstärkt worden. Stark eingeschränkt wurde die Betreuung der Athleten vor und während der Wettkämpfe, da das Norovirus auch durch Hautkontakt übertragen wird. "Physiotherapeuten dürfen die Athleten nicht mehr betreuen, die Ärzte behandeln Athleten nur in Notfällen, um die Übertragungsgefahr so niedrig wie möglich zu halten", erklärte Gonschinska.

Sprinter Makwala hatte noch Glück: Das 400-Meter-Finale hat er zwar verpasst, doch nach seiner Quarantäne und einer ärztlichen Untersuchung durfte er am Mittwochabend die 200-Meter-Qualifikation nachholen - ganz allein. Er lief die Strecke in 20,20 Sekunden und schaffte damit den Einzug ins Halbfinale. Makwala reagierte mit Wut und Spott: Er machte auf der regennassen Tartanbahn sieben Liegestütze und salutierte dann in Richtung Publikum. Inzwischen hat er sich auch für das Finale qualifiziert. "Aber ich laufe noch mit gebrochenem Herzen", sagte er.

koe/dpa



insgesamt 18 Beiträge
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sowasvonanderssein 10.08.2017
1. Nachvollziehbar
Jeder, der denn Virus schon einmal hatte, kann nachvollziehen, dass die Teams hier so rigoros vorgehen. Ich kenne hierzulande kein Virus, dass dermaßen mit dem Vorschlaghammer kommt. Vielleicht noch der Grippe-Erreger. Habe mich nur bei diesen beiden so plötzlich dermaßen sterbenskrank gefühlt. Kleiner Vorteil für das Norovirus: Man fühlt sich schneller wieder halbwegs fit. Schwacher Trost, wenn man's gerade hat...
ichliebeeuchdochalle 10.08.2017
2.
"Er machte sieben Liegestütze" ... fast richtig gezählt ... es waren fünf ... Beweis zum Nachzählen: https://www.youtube.com/watch?v=6gLiI5kqU0E Okay, wenn der Redakteur in Bremen zur Schule gegangen ist, lassen wir sieben als richtig gelten.
clau-roth 10.08.2017
3. Der Noro Virus
ist wie Weihnachten , Geburtstag und Hochzeitstag zusammen. Habe mir den verdammten Virus 2 mal auf einer Kreuzfahrt geholt und möchte auf keinen Fall ein drittes mal von ihm beglückt werden.
lachina 10.08.2017
4. Frage: Was bedeutet Meldepflichtig?
War wegen Verdacht auf Noro im Krankenhaus, wurde aber wieder nach Hause geschickt, da jüngere Menschen nicht aufgenommen werden, sondern das allein zuhause kurieren sollen. Wurde da etwas gemeldet? Was hat das für Konsequenzen? Zuhause habe ich noch meinen Mann, dessen Bruder, unsere zwei Nichten und eine Tochter angesteckt.
monotrom 10.08.2017
5. Nur am Rande
Normalerweise bin ich kein Rechtschreibfanatiker. Aber ich würde es wirklich begrüßen, wenn im deutschen Bildungsblätterwald das umgangsprachliche "eh" z.B. durch das schöne Wort "ohnehin" ersetzt werden würde. Ich habe das auch bei anderen Onlinemagazinen gelesen und zucke jedes Mal zusammen. Mein 14jähriger spricht(!) so, da ist es okay.
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