Ein rätselhafter Patient Mysterium in der Lunge

Ein junger Äthiopier stirbt in München unerwartet an einer Lungenentzündung. Seinem Arzt lässt der Fall keine Ruhe. Die Nachforschungen ergeben: Irgendetwas ist auf der Flucht übers Mittelmeer geschehen.

Flüchtlinge in einem Boot vor der Küste Libyens
AFP

Flüchtlinge in einem Boot vor der Küste Libyens

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Atemnot, Schleim in der Lunge und zu wenig Sauerstoff im Blut: Mit diesen Symptomen kommt ein 18-jähriger Äthiopier in die Notaufnahme des Klinikum rechts der Isar in München. Die behandelnden Ärzte vermuten eine durch Bakterien verursachte Lungenentzündung und verordnen Antibiotika.

Doch die schlagen nicht an, dem jungen Mann geht es immer schlechter. Die Ärzte untersuchen den Teenager auf Bakterien, Parasiten, Viren, Pilze, Autoimmunerkrankungen sowie Tumore. Sie werden nicht fündig. Der Patient ist mittlerweile sterbenskrank. Er wird auf die Intensivstation verlegt. Über Wochen liegt er dort, wird künstlich beatmet und muss schließlich an die Herz-Lungen-Maschine. Die Ärzte verabreichen ihm Kortison, ohne Erfolg. Der 18-Jährige stirbt, weil seine Organe versagen. Die Ursache kennen die Ärzte nicht.

Auch ein Arzt aus New York kennt die Symptome

Einer der behandelnden Ärzte ist Christoph D. Spinner. Der Fall beschäftigt ihn so sehr, dass er bei mehreren internationalen Kongressen Kollegen von dem Patienten erzählt. Und zwei von ihnen kommt der schwere Verlauf erschreckend bekannt vor.

Ahmed al-Chalabi ist Arzt in einer Klinik in New York. Er hat einen 21-jährigen Eritreer behandelt, der die gleichen Symptome zeigte wie der Patient aus München. Auch bei diesem verlief die Lungenentzündung so schwer, dass er beatmet werden musste. Die herkömmlichen Medikamente schlugen nicht an. Erst nach Wochen ging es dem Mann besser, er überlebte.

Der andere Fall wurde ebenfalls in München bekannt. Ein Somalier kam mit einer schweren Lungenentzündung ins Klinikum München Schwabing. Auch er überwand die Infektion nur mühevoll.

Das CT zeigt die entzündete Lunge eines Geflüchteten
MRI-TUM/ Klinikum München/ Jamaica Hospital NY

Das CT zeigt die entzündete Lunge eines Geflüchteten

Einziger Anhaltspunkt: die Flucht über das Mittelmeer

"Die Fälle ähnelten sich so auffallend, dass wir all unsere Erkenntnisse zusammentrugen und analysierten", erzählt Spinner SPIEGEL ONLINE. Schnell wurde den Medizinern klar, dass alle drei Patienten Wochen vor der Infektion über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet waren. Der Eritreer reiste danach weiter in die USA, wo er erkrankte.

Die Flucht über das Mittelmeer war der wichtigste Anhaltspunkt, aber die lag bei Ausbruch der Krankheit schon 12 bis 16 Wochen zurück. Wie konnte sie also die Infektionen auslösen?

Die Ärzte befragten den Somalier mithilfe von Dolmetschern detailliert nach seiner Flucht. Dabei gab er den entscheidenden Hinweis: Während der Flucht über das Mittelmeer hatten die Schlepper die Flüchtlinge gezwungen, ein Benzingemisch zu trinken. Das sollte sie ruhigstellen. "Tatsächlich kann Benzin ähnlich berauschend wirken wie Alkohol", erklärt Spinner.

"Wir kennen das von Feuerschluckern"

Die Nebenwirkungen sind jedoch schwerwiegend. Gelangen mineralische Öle wie Benzin in den Blutkreislauf, können sie sich in der Lunge ablagern. Die Substanzen können dann eine Entzündung verursachen, eine sogenannte Lipidpneumonie.

Warum die Reaktion erst Wochen nach dem Kontakt mit Benzin auftritt, ist noch unklar. "Wir kennen aber ähnliche Symptome bei Feuerschluckern, die kleine Mengen von Benzin versehentlich einatmen", erklärt Spinner. Die toxische Wirkung von Benzin sei auch deshalb bekannt, weil es in einigen Ländern als billige Droge missbraucht werde.

Wie weit das Phänomen unter Flüchtlingen verbreitet ist, wissen die Mediziner nicht. Laut dem Somalier mussten jedoch alle auf dem Schiff das Benzingemisch trinken. Spinner und seine Kollegen wollen mit ihrem Fallbericht, den sie nun im Fachblatt "Lancet" veröffentlicht haben, andere Ärzte sensibilisieren. "Wird eine toxische Lungenentzündung festgestellt, empfehlen wir die Gabe von Kortison, um eine Überreaktion des Immunsystems auf das Benzin zu verhindern und die Selbstheilungskräfte zu ermöglichen", so Spinner. Zudem müssten Ärzte damit rechnen, dass der Patient intensiv medizinische Behandlung wie mechanische Beatmung benötigt.

Korrektur: Entgegen einer früheren Version konnten die Ärzte bei dem Patienten keine Hinweise auf Infektionen mit verschiedenen Erregern finden. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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