Ein rätselhafter Patient Diät mit üblen Nebenwirkungen

Eine stillende Mutter leidet unter Herzrasen und Muskelkrämpfen. Drogen oder Medikamente hat sie keine genommen. Erst eine Blutgasuntersuchung bringt die Mediziner auf die richtige Spur.

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Nicht zu empfehlen: Strenge Diät während des Stillens
Corbis

Nicht zu empfehlen: Strenge Diät während des Stillens


Übelkeit, Erbrechen, Herzrasen, Zittern und Muskelkrämpfe zwingen eine junge Frau in das schwedische Helsingborg Lasarett. Die 32-Jährige gibt an, keinen Alkohol getrunken zu haben und auch keine anderen Drogen zu nehmen. Sie hat eine Schilddrüsenunterfunktion, nimmt aber keine Medikamente, außer gelegentlich etwas Paracetamol bei Schmerzen.

Die Untersuchung ergibt nichts Besonderes: Sie atmet ruhig, ihre Sauerstoffsättigung im Blut ist normal, sie hat kein Fieber, Herzschlag und Blutdruck sind unauffällig. Herz, Lunge und Bauch geben keine Hinweise auf die Ursache der Beschwerden.

Allerdings stillt die Patientin ihren zehn Monate alten Sohn. Und sie hat vor wenigen Tagen eine strenge Diät begonnen. Sie folgt einer so genannten Low-Carb-Diät, also einer kohlenhydratarmen, aber fettreichen Ernährung. Seit sie sich in den letzten zehn Tagen auf weniger als 20 Gramm Kohlenhydrate täglich beschränkt, hat sie vier Kilogramm abgenommen - und fühlt sich von Tag zu Tag schlechter.

Die Ärzte um Louise von Geijer und Magnus Ekelund haben einen Verdacht, wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten. Deshalb untersuchen sie das Blut in einer Blutgasanalyse. Dabei stellen sie fest, dass das Blut der Frau zu sauer ist, andere Werte deuten darauf hin, dass der Körper versucht, die Störung zu beheben. Um ihren Verdacht zu bestätigen, untersuchen die Mediziner das Blut auf Ketonkörper, organische Verbindungen, die der Körper in Notsituationen bildet. Das Ergebnis: Der Wert ist deutlich zu hoch.

Körper in Not

Das Gehirn und die Muskulatur benötigen zum Funktionieren Glucose, den Blutzucker, allein das Gehirn ist normalerweise auf 120 Gramm Blutzucker am Tag angewiesen. Bei Nahrungsmangel ist der Körper in der Lage, aus Fetten Energie zu gewinnen, wozu ein niedriger Insulinspiegel bei Hunger beiträgt. Dazu werden die Fette abgebaut, wobei Ketonkörper entstehen - und die können den in engen Grenzen gehaltenen pH-Wert des Blutes entgleisen lassen. Das Phänomen ist eigentlich von Typ-1-Diabetikern bekannt, denen Insulin weitgehend oder vollständig fehlt.

Sicherheitshalber untersuchen die Ärzte das Blut noch auf eine Reihe von Medikamenten wie Paracetamol, ASS und auch Alkohol - doch wie von der Patientin angegeben, hat sie nichts davon genommen. Die Frau bekommt eine Vitamin-B-Spritze und über zwei Tage eine Glucoseinfusion, zusätzlich etwas Insulin, um die Aufnahme des Blutzuckers in die Zellen zu ermöglichen.

Tatsächlich geht es der Patientin bereits am nächsten Tag besser, ihre Übersäuerung im Blut ist verschwunden. Schon am dritten Tag kann sie nach Hause entlassen werden.

Strapazierter Stoffwechsel

Tests auf einen Typ-2-Diabetes bleiben ebenso negativ wie die Untersuchung der Nierenfunktion und der Schilddrüse. Die Ärzte gehen davon aus, dass die Frau tatsächlich durch die Kombination aus der Diät und dem gleichzeitigen Stillen eine Ketoazidose - wie Fachleute diesen Zustand bezeichnen - ausgelöst hat.

Der Stoffwechsel der Frau ist während des Stillens natürlich höheren Anforderungen als normalerweise ausgesetzt - schließlich muss Muttermilch für den Säugling produziert werden. Üblicherweise essen Frauen in dieser Phase normal oder sogar mehr als sonst. Wenn dem Körper in dieser Phase aber der Kraftstoff ausgeht, dann ist die Reserve offenbar rasch aufgebraucht und er muss die Fettreserven angreifen. Das Phänomen, so schreiben die schwedischen Ärzte, ist übrigens aus der Tiermedizin wohlbekannt: Bei stillenden Kühen ist die Übersäuerung ein häufiges Problem.

ZUM AUTOR
  • Dennis Ballwieser arbeitet für den Verlag der "Apotheken-Umschau" und ist Arzt. Von 2011 bis 2013 war er Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Spiegelleserin57 10.10.2015
1. nicht ohne Grund soll man solche Diäten nicht ohne Arzt
machen. Blutgase können sich innerhalb Minuten verändern und gehören in der Notfallmedizin wie auch auf Intensivstationen zum Standard. Schon Medizinstudenten werden im Staatsexamen nach den Blutgasen gefragt. Viele Parameter wie auch die Nierenfunktion beeinflussen sie und man sollte diese Relevanz keinesfalls unterschätzen. Allerdings gehören die Blutgase zum Basiswissen eines jeden Mediziners, daher ist die Überprüfung nichts Außergewöhnliches.
darkview 10.10.2015
2. Kinder gefährden
Warum denken solche Leute nicht mal einen Schritt weiter als bis zur Waage? Solange man das Kind stillt sollte man so einen Unsinn lassen. Abgesehen davon: Diät sowieso besser mit Arzt.
sawn1979 10.10.2015
3.
Ein interessanter Fall. Soweit ich weiß, wird Ketose sogar für einige Low-Carb-Diäten propagiert, weil es die Diät besonders effizient machen soll. Das kann sehr gut sein, aber offensichtlich ist der Körper nicht unter allen Umständen in der Lage, die fehlenden Kohlenhydrate zu kompensieren. Einfache Kalorienreduktion ohne weitere Änderungen im Ernährungsverhalten scheint immer noch die vernünftigste Diät zu sein. Vielen Dank auch für die Nebenbemerkung zu stillenden Kühen. Mehr Kooperation zwischen medizinischen Fachdisziplinen würde sicher noch so manch Überraschendes zu Tage bringen.
cyoulater 10.10.2015
4. Kühe stillen nicht
sondern säugen. Davon abgesehen, fragt man sich schon, wie die Frau auf die Idee kommt; ausgerechnet in der Stillzeit, in der ihr Körper enormen Anforderungen ausgesetzt ist, eine Diät zu beginnen..
CancunMM 10.10.2015
5. @spiegelleserin57
was soll ihr beitrag eigentlich aussagen? soso wird also im staatsexamen abgefragt. ja wie alle anderen laborparameter auch. und die nierenfunktion beeinflusst also die blutgase ? stellen sie sich vor: auch die funktion von herz, leber, lunge beinflussen die blutgase.
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