Verblüffende Statistik Schadet Putzen der männlichen Gesundheit?

Männer, lasst das Putzen sein! Denn es bringt euch früher ins Grab. Das folgern Forscher aus Gesundheitsdaten von 1,6 Millionen Belgiern. Eine gewagte These, meinen die Statistikexperten Björn und Sören Christensen.

Mann reinigt Spiegelschrank
Getty Images

Mann reinigt Spiegelschrank


Für putzfaule Männer kam die Studie aus Belgien wie gerufen. Nervige Diskussionen im Haushalt, wer denn nun bitteschön das Bad auf Hochglanz bringen soll, schienen sich damit ein für allemal erledigt zu haben. Denn sofern man den Ergebnissen der Untersuchung glauben darf, weisen Männer, die häufig putzen, ein höheres Sterberisiko auf!

Bevor das männliche Geschlecht sich aber zurücklehnt und den Frauen den Haushaltsputz überlässt, lohnt es, die Ergebnisse der Studie einmal im Detail anzugucken. Dabei lässt sich wenig über putzende Männer, dafür aber viel über die voreilige Interpretation von Statistiken lernen.

Die Brüsseler Forscher Laura Van den Borre und Patrick Deboosere haben in einer aktuellen Studie untersucht, ob Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des belgischen Reinigungsgewerbes im Vergleich zu Büroangestellten ein erhöhtes Sterberisiko aufweisen.

Basis dafür waren Daten von knapp 1,6 Millionen Belgiern - erhoben zwischen 1991 und 2011. Die Forscher haben analysiert, wie sich die berufliche Tätigkeit auf das Sterberisiko auswirkt.

Auch Teilzeit und Art der Tätigkeit berücksichtigt

Und tatsächlich lässt sich dabei beobachten, dass Mitarbeiter aus dem Reinigungsgewerbe ein bis zu 45 Prozent höheres Sterberisiko aufwiesen als ihre männlichen Kollegen mit Bürojobs. Für Frauen fiel dieser Unterschied deutlich geringer aus. Für beide Geschlechter wurde dabei sogar unterschieden, welcher Art die Reinigungstätigkeit war.

Nun lernt jeder Statistiker, dass solche Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind. Schließlich kann sich der Lebenswandel eines durchschnittlichen Beschäftigten im Reinigungsgewerbe ja von dem eines Büroangestellten unterscheiden.

Im gewissen Rahmen haben die Studienautoren dem auch Rechnung getragen. Es wurden das Alter, das Geschlecht, der Umfang der Tätigkeit (Vollzeit oder Teilzeit) und der Ausbildungsstand der Probanden berücksichtigt. Eingang in die Studie fand auch der Fakt, ob eine Person Raucher ist oder in der Vergangenheit war - allerdings nur indirekt, weil die Informationen darüber aus anderen Datenquellen stammten.

Gesundheitsrisiko Mann?

Das Ergebnis der Studie, wonach Männer des Reinigungsgewerbes ein höheres Sterberisiko haben, war eine Steilvorlage für die Medien. "Warum Männer beim Putzen ein hohes Sterberisiko haben" oder "Wer viel putzt, stirbt früher" - so lauteten die Überschriften zur Studie.

Die Autorin Laura Van den Borre vermutet, dass unsachgemäßer Umgang von Männern mit Putzmitteln Ursache für die höhere Sterbewahrscheinlichkeit sein könnte. Dann, so wird die Autorin zitiert, sei in Privathaushalten die Gefahr noch größer, weil dort Reinigungsmittel oft noch bedenkenloser eingesetzt würden.

Hausmann bei der Arbeit (Archivbild)
DPA

Hausmann bei der Arbeit (Archivbild)

Dass bedenkenloser Umgang mit Reinigungsmitteln der Gesundheit nicht eben dienlich ist, mag man unbesehen unterschreiben. Ob die belgische Studie aber tatsächlich ergeben hat, dass Männer gedankenloser mit Reinigungsmitteln umgehen und deshalb ein höheres Sterberisiko aufweisen, ist jedoch fraglich.

Dazu braucht es keine tiefergehenden Statistikkenntnisse. Erst einmal reicht es, im Kopf durchzugehen, welche Faktoren sich sonst noch auf die Lebenserwartung auswirken könnten. Sofort fällt einem ein: Ernährung, Sport, Stress. Da könnte es signifikante Unterschiede zwischen Putzmännern und -frauen geben. All dies wurde gar nicht berücksichtigt, weil dazu einfach keine Daten vorlagen.

Vielleicht strengt die berufliche Reinigungstätigkeit Männer auch derart an, dass für gesundheitsfördernden Sport weniger Muße als bei einer Bürotätigkeit bleibt. Oder dass der Job für sie im Vergleich zu ihren Kolleginnen schlicht stressiger ist.

Wichtige Daten nicht vorhanden

Auch könnte es sein, dass männliche Mitarbeiter des Reinigungsgewerbes weniger auf gesunde Ernährung achten, zum Beispiel, weil die geringere Entlohnung weniger Möglichkeiten hierzu lässt. Weibliche Reinigungskräfte hingegen leben womöglich gesünder, weil sie dank gut verdienendem Ehemann wohlhabender sind.

Denkbar ist auch, dass Männer aus dem Reinigungsgewerbe deutlich mehr Zigaretten konsumieren als Raucher aus einem Bürojob und als Raucherinnen ganz allgemein, denn die Studie hat ja nur berücksichtigt, ob eine Person raucht oder in der Vergangenheit geraucht hat, nicht jedoch wie viel.

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Man weiß es nicht. Aber all dies erscheint mindestens nicht weniger plausibel als der Einfluss von Reinigungsmitteln speziell auf die Gesundheit von Männern.

In jedem Fall lässt die belgische Studie nicht den Schluss zu, dass der unachtsame Umgang mit Chemikalien für das höhere Gesundheitsrisiko bei Männern im Reinigungsgewerbe verantwortlich ist.

Im Gegenteil, in der Studie wurde sogar nachgewiesen, dass Mitarbeiter des Reinigungsgewerbes, die in Teilzeit arbeiten, ein höheres Sterberisiko aufweisen als Vollzeitbeschäftigte. Dies würde der Erklärung, dass der bedenkenlose Umgang mit Reinigungsmitteln für die Ergebnisse verantwortlich sei, eher widersprechen.

Männer müssen also stark sein: Den Putzlappen zu Hause abzulehnen, weil dies der schnelle Weg ins Grab ist, diese Argumentation lässt die belgische Studie mit Sicherheit nicht zu.


Trau keiner Statistik, die du nicht verstanden hast: Die Brüder Björn und Sören Christensen hinterfragen Umfragen und Studien, denen wir täglich begegnen. Mehr Kolumnen finden Sie auf der Themenseite "Angezählt - die Statistikkolumne".



insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
Olaf 07.09.2017
1.
Denn er folgert Messerscharf, das nicht sein kann was nicht sein darf. Wir haben keine Ahnung warum Männer im Putzgewerbe früher sterben, sind aber sicher, dass es nichts mit dem Putzen zu tun hat, sondern an den Männern liegt. Auf solch feine Differenzierungen kann man beim Gender-Pay-Gap natürlich verzichten, da werden fröhlich die 21% immer und immer wiederholt und selbstverständlich liegt dies nicht an den Frauen, sondern wieder an den Männern.
BettyB. 07.09.2017
2. Keine Statistik, aber...
Abgesehen von beruflichen Dauerputzern scheint das Putzen im eigenen Haushalt ja lebensverlängernd zuwirken, denn Frauen - und die putzen ja wohl zumeist die Wohnungen - leben im Durchschnitt einige Jahre länger als Männer. Somit: Jungs ran ans eigene Klo...
zaungast2013 07.09.2017
3. sei es wie es sei
... besser Mann lässt die Finger vom Putzeimer
Spiegelleserin57 07.09.2017
4. die Putzfirmen geben ihren Leuten ganz andere Mittel an die Hand!
Zitat von OlafDenn er folgert Messerscharf, das nicht sein kann was nicht sein darf. Wir haben keine Ahnung warum Männer im Putzgewerbe früher sterben, sind aber sicher, dass es nichts mit dem Putzen zu tun hat, sondern an den Männern liegt. Auf solch feine Differenzierungen kann man beim Gender-Pay-Gap natürlich verzichten, da werden fröhlich die 21% immer und immer wiederholt und selbstverständlich liegt dies nicht an den Frauen, sondern wieder an den Männern.
die Putzmittel der Firmen sind weitaus aggressiver als normale Putzmittel im Privathaushalt. Auch weiß niemand was die Männer vor ihrer Anstellung für Jobs hatten und wie sie gelebt haben. Es sind so viele Fragen offen dass ein Urteil eigentlich schon fast unmöglich erscheint.
lafari 07.09.2017
5.
Quoten und leistungsgesellschaft passen nicht zusammen. Außerdem kann meine frau besser kochen und putzen. Dafür bin ich im nageln ganz gut. Haha.
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