Gesundheitsbericht: Ärzte ignorieren seelisches Leid der Männer

Von Jana Hauschild

Depression, Ängste, Sucht: Männer geraten wie Frauen in seelische Notlagen. Doch sie gelten gemeinhin nur als krank, wenn der Körper krank ist. Denn sie verschweigen häufig ihre Probleme - und Ärzte fragen selten nach. Das offenbart eine aktuelle Studie.

Depression beim Mann: Häufig bleiben Symptome unerkannt Zur Großansicht
Corbis

Depression beim Mann: Häufig bleiben Symptome unerkannt

Männer gelten nur als krank, wenn ihr Körper krank ist. Dass sie aber ebenso wie Frauen an Depressionen, Ängsten oder anderen psychischen Störungen leiden können, ist nach wie vor ein Tabuthema. Darauf macht jetzt der "Männergesundheitsbericht 2013" aufmerksam, den die Stiftung Männergesundheit und die Deutsche Krankenversicherung DKV am Mittwoch in Berlin vorgestellt haben. Im Fokus des Reports steht die psychische Gesundheit.

Psychische Erkrankungen bei Männern würden von Angehörigen wie von Ärzten häufig übersehen, fehlgedeutet und nicht oder falsch behandelt, beklagen die Experten darin. Am deutlichsten zeige sich das bei der Depression. Als Beweis führt der Bericht zahlreiche Statistiken und Studien auf: Demnach gibt es deutlich weniger depressiv erkrankte Männer als Frauen. Gleichzeitig begehen aber dreimal mehr Männer als Frauen einen Suizid. In den meisten Fällen ging dem eine Depression voraus, die oftmals unerkannt blieb.

Depressionsblindheit

Die Autoren sprechen von einer "Depressionsblindheit", die eine ganze Reihe von Ursachen hat: Auf der einen Seite verhalten sich Männer mit einer Depression eher aggressiv, risikofreudig und greifen zu Alkohol und Drogen. Doch diese sogenannten externalisierten Symptome übertünchen oft die klassischen Anzeichen einer Depression wie Niedergeschlagenheit und Selbstzweifel. Auf der anderen Seite verhindert ein maskuliner Kommunikationsstil zwischen Arzt und Patient, dass psychische Sorgen überhaupt zu Tage kommen. Zudem neigen Männer dazu, solche ihrem Arzt vorzuenthalten. Männliche Mediziner wiederum agieren gegenüber männlichen Patienten eher autoritär und weniger einfühlsam.

Fotostrecke

5  Bilder
Statistiken: Die kranke Männerpsyche
Und: Nach wie vor seien psychische Erkrankungen vor allem unter Männern ein Stigma. Das vermeintlich starke Geschlecht hat den Autoren zufolge mehr Vorurteile gegenüber Menschen mit seelischen Schwächen. Depressionen etwa gelten in Männerkreisen immer noch häufig als Ausdruck persönlichen Versagens.

Die Folge: Männer rutschen mit ihren Problemen in der psychischen Versorgung oft durch. Das gelte nicht nur für Depressionen, so die Experten für Männergesundheit. Sie kommen beispielsweise zu dem Schluss, dass Stress am Arbeitsplatz die männliche Seele deutlich stärker belastet, als es bei Frauen der Fall ist. Zudem werden Männer öfter in ihrem Leben mit Gewalt konfrontiert - sowohl als Täter als auch als Opfer. Jungen erleben demnach deutlich öfter als Mädchen Gewalt durch ihre Eltern und sind doppelt so häufig Opfer schwerer Gewalt außerhalb ihrer Familie. Auch Angststörungen äußern sich bei Männern meistens durch Gewaltausbrüche - und werden deshalb wie die Depression oft übersehen.

"Männergesundheit geht noch nicht über die Urologie hinaus"

Es sind sehr deutliche Worte, die die Studienautoren in ihrem Bericht finden, um auf die zahlreichen Missstände aufmerksam zu machen: "In weiten Teilen der Medizin und des öffentlichen Bewusstseins geht Männergesundheit noch nicht über die Urologie hinaus", beklagt die Sozialwissenschaftlerin Anne Maria Möller-Leimkühler. Sie leitet an der Psychiatrischen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU München die Forschungsabteilung Psychiatrische Soziologie. Nur wenn Männer durch Morde oder schwere Gewaltdelikte auffallen, werde die Möglichkeit einer psychischen Störung ins Auge gefasst.

Dabei könnten auch gesundheitliche Probleme zu psychischem Leid führen, heißt es in der Studie. Doch obwohl dieser Zusammenhang lange bekannt sei, frage kaum einer etwa nach einer Diabetes oder einem Schlaganfall, der den Patienten psychisch belasten könnte - oder ob umgekehrt ein seelisches Tief als Krankheitsauslöser in Betracht kommen könnte.

Die Folgen sind gravierend: Männer, die sowohl psychisch als auch körperlich erkrankt sind, verlieren im Vergleich zu rein chronisch körperlich erkrankten Männern im Durchschnitt zwanzig Lebensjahre - auch das zeigen die Statistiken.

Für Matthias Stiehler, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit besteht deshalb dringender Handlungsbedarf - er fordert ein Umdenken. Von den Medien, so schreibt er, würden Männer gerne als Vorsorgemuffel oder Gesundheitsidioten dargestellt. Ja, Männern falle es schwer, sich als seelisch verletzt zu akzeptieren. Zwar seien Männer sehr wohl in die Pflicht zu nehmen, Sorge für ihre Gesundheit zu übernehmen. Doch seiner Meinung nach müssen sich dafür auch die gesellschaftlichen Männlichkeitsvorstellungen ändern. Nur so könne es gelingen, die Männergesundheit jenseits der Apparatemedizin voranzubringen.

"Aktivitäten in Prävention und Gesundheitsförderung müssen von Empathie getragen sein, da sie sonst Abwehr erzeugen", schreibt Stiehler. Den Kassen zufolge sind Frauen generell gesundheitsbewusster als Männer, die für Präventionsmaßnahmen nur schwer zu gewinnen sind. Eines ist für Stiehler daher besonders wichtig: "Nicht die Männer müssen den Angeboten schmecken, sondern die Angebote müssen zu den Männern passen." Denn bisher, so Stiehler, "entsprechen die Angebote nicht der Lebenswirklichkeit von Männern."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 129 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
_muskote 24.04.2013
Wieso „vermeintlich“? Männer SIND das starke Geschlecht. Übrigens sehe ich seit einem Jahr mehr oder weniger regelmäßig eine Therapeutin.
2. Ein deutscher Junge...
fritzlothar 24.04.2013
...weint nicht. Haben wir das nicht oft gehört? Man hört es leider immer noch.
3. optional
wieeinspatz 24.04.2013
Männer und Frauen, wir sind doch alle Menschen.
4. Der Mann muß es halt alleine schaffen.
prince62 24.04.2013
Zitat von fritzlothar...weint nicht. Haben wir das nicht oft gehört? Man hört es leider immer noch.
... und vor allem, der Mann ist der Macher und löst seine Probleme ganz alleine!
5. Wie wahr
mikra54 24.04.2013
Als selbst Betroffener kann ich hier wohl die Diskussion eröffnen. Meine Depression begann so etwa vor 27 Jahren. Damals hatte ich eine Chemotherapie nach operiertem Darmkrebs. Der Beipackzettel des Medikaments verriet: Psychische veränderungen, meist reversibel. Ich will hier niemanden mit meiner Krankengeschichte langweilen, aber seit ich im letzten Jahr erkannt habe, depressiv zu sein hat mir psychologische Hilfe und ein Klinikaufenthalt so weit geholfen, dass ich wieder einigermaßen 'normal' leben kann. Nur mein Arbeitgeber - der hat mir gekündigt. Man kann nicht Alles haben. Ganz bestimmt hat die Sudie recht, dass Männer sich in Agressivität und Alkohol flüchten. Ich weiss, wovon ich schreibe... Man kann dagegen etwas tun, aber das ist nicht sehr 'macho'.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Männergesundheit
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 129 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Autorin
  • Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: