Erkältung Was ist dran am Mythos Männerschnupfen?

Schlimmes Kopfweh, fieser Husten: Viele Männer leiden massiv unter Erkältungen. Tatsächlich arbeitet das Immunsystem von Frauen anders. Aber reicht das als Grund?

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Er liegt schwer in den Kissen, er röchelt, er stöhnt: Wenn ein Mann eine Erkältung hat, leidet er. Sehr sogar. Vielmehr als Frauen es tun würden, sagen zumindest die Frauen. Das Klischee vom Mann, der bei einer kribbeligen Nase und leichtem Halskratzen gleich schwere Qualen erleidet, hält sich hartnäckig.

Doch während sich die männliche Furcht vor kleinsten Erkältungen in jedem Herbst als vergnügliches Smalltalk-Thema eignet, bleiben die Ursachen für den sogenannten "Männerschnupfen" ungeklärt. Könnte am Klischee wissenschaftlich etwas dran sein? Werden Männer tatsächlich leichter oder stärker von Erkältungs- und Grippeviren angegriffen als Frauen?

Wer solchen Fragen nachgeht, landet früher oder später bei Beatrix Grubeck-Loebenstein. Die Immunologin von der Universität Innsbruck untersucht seit Langem, wie sich die Immunsysteme von Frauen und Männern unterscheiden. "Grob vereinfacht lässt sich feststellen, dass Männer durch die Unterschiede in der Immunantwort häufiger krank werden können als Frauen", sagt Grubeck-Loebenstein.

Wie die Hormone das Immunsystem beeinflussen

Um diese Schwäche zu verstehen, muss man in die Tiefen des menschlichen Immunsystems eintauchen. Dringen Krankheitserreger in den Körper ein, werden sie durch körpereigene Immunzellen bekämpft. Es gibt grundsätzlich zwei Arten dieser Helfer in der Not: spezifische und unspezifische Immunzellen. Erstere sind nur gegen ganz bestimmte Krankheitserreger wirksam - sie sind quasi die Experten auf ihrem Gebiet. Müssen zum Beispiel Grippeviren bekämpft werden, kommen andere spezifische Immunzellen zum Tragen als bei einer Herpesinfektion. Auf diese Weise kann sich der Mensch gegen eine Vielzahl von Viren, Bakterien oder Parasiten zur Wehr setzen.

Doch die Vielfalt der spezifischen Immunzellen hat einen Haken: Um diese Experten zu produzieren, braucht der Körper eine Weile. Damit eindringende Krankheitserreger tatsächlich besiegt werden können, müssen sich die Zellen millionenfach vermehren. Hier kommt der Unterschied zwischen Frauen und Männern zum Tragen.

Während das weibliche Hormon Östrogen die Vermehrung der spezifischen Immunzellen unterstützt, wirkt sich das männliche Hormon Testosteron genau gegenteilig aus: "Östrogen stimuliert das Immunsystem, Testosteron hingegen unterdrückt es", erklärt Marcus Altfeld vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg. "Das Immunsystem von Frauen reagiert deshalb schneller und aggressiver gegen Krankheitserreger als das von Männern." Hinzu kommt: Je höher der Testosteron-Spiegel ist, desto mehr wird das männliche Immunsystem geschwächt.

Weibliche Abwehr muss ungeborenes Kind schützen

Über die Ursachen dieses Unterschieds zwischen den Geschlechtern können die Forscher nur vage Aussagen machen. Altfeld verweist darauf, dass sich das menschliche Immunsystem über Jahrmillionen entwickelt habe. Eine mögliche Erklärung müsse daher weit zurückblicken: "Unsere Vorfahren in der Steinzeit lebten in gemeinsamen Höhlen und setzten sich Gefahren aus. Die Aufgabe des weiblichen Immunsystems war es schon damals, das ungeborene oder neugeborene Kind besonders zu schützen."

Dieser Zusammenhang könnte auch den Einfluss der Hormonaktivität erklären. "Der Effekt des durch Östrogen gestärkten Immunsystems ist bei jungen Frauen ab der Pubertät besonders ausgeprägt und wird bei Frauen nach der Menopause schwächer", erklärt Grubeck-Loebenstein.

Doch die Anfälligkeit allein mit dem Testosteron-geschwächten Immunsystem zu erklären, würde zu kurz greifen. "Auch weitere Faktoren spielen eine Rolle, die sich stärker auf das Verhalten und die Umwelt beziehen. Männer leben immer noch risikoreicher, sie ernähren sich ungesünder und sie lassen sich weniger diszipliniert impfen", sagt Grubeck-Loebenstein. Kurzum: Gänzlich können sich Männer nicht auf die Natur berufen - sie haben ihr Schicksal zumindest teilweise selbst in der Hand.

Gilt das auch für Erkältungsviren?

Hinzu kommt: Belegt sind die Unterschiede bislang nur für bestimmte Infektionskrankheiten. An Lungenentzündungen, die etwa durch Pneumokokken verursacht werden, erkranken Männer öfter. Ebenso an Malaria, die durch Parasiten verursacht wird. Allein: Bei Erkältungsviren gibt es noch andere Faktoren, die offenbar eine gewichtige Rolle spielen. Und die sprechen dafür, dass Frauen ebenfalls ziemlich heftig leiden - das möglicherweise nur anders ausdrücken.

Während Männer zwar vermutlich stärker von Viren befallen werden, und daher einen guten Grund haben fürs Jammern, fällt die Qual bei Frauen nicht unbedingt kleiner aus: Das stärker reagierende weibliche Immunsystem könnte sogar dazu führen, dass sich Frauen besonders elend fühlen. Nach Grippeimpfungen etwa klagen Frauen häufiger als Männer über Niedergeschlagenheit oder Kopfschmerzen. Ähnlich wie Fieber oder Entzündungen entstehen diese Beschwerden nicht allein, weil Krankheitserreger (oder Impfstoffe) in den Körper gelangen, sondern durch die Reaktion des Immunsystems auf diese. Die Beschwerden sind sozusagen die Nebenwirkungen der gesunden Immunabwehr.

Geht man davon aus, dass das Immunsystem der Frauen nicht nur im Labor sehr heftig auf Erkältungsviren reagiert, wäre sogar denkbar, dass sie stärker unter einer Erkältung leiden als Männer. Allerdings ist auch das nicht belegt. Eine Studie, in der die Erkältungssymptome von 76 Paaren erfasst wurden, ergab, dass Männer und Frauen an Erkältungen gleich häufig, gleich lang und gleich stark erkranken.

Fürsorge ist die beste Medizin

Marcus Altfeld hält den Stand des Wissens über Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Krankheitsabwehr daher immer noch für unzureichend: "Es wird heutzutage viel über personalisierte Medizin geredet, das Individuum soll immer stärkere Berücksichtigung in der Forschung finden. Dabei wissen wir noch nicht einmal genug über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern."

Aber egal, ob die Anzahl der Viren größer ist oder kleiner als beim anderen Geschlecht: Wer so röchelt, stöhnt und rotzt, der leidet nun mal. Und Leid sich lässt gut lindern - wenn auch nicht verkürzen - durch Fürsorge: mit einem heißen Tee, einer Wärmflasche, frisch gepresstem Orangensaft, mit Zuhören. Das gilt übrigens für beide Geschlechter.

hei/dpa

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