Magersucht bei Erwachsenen "Dann ist sie halt ein bisschen dünn"

Anorexie ist eine Erkrankung, die nur Teenager betrifft? Falsch: Auch Erwachsene können eine Essstörung entwickeln. Dies wird oft spät erkannt.

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Nach ihrer Hochzeit kam der Absturz. Nele Becker (Name geändert) war damals 34. Es war ihre Traumhochzeit: Sie trug ein weißes, bodenlanges Kleid mit feiner Spitze, all ihre Freunde waren da. Der Mann, der sie am Altar liebevoll auf den Mund küsste, war ihre große Liebe. Nele Becker war glücklich - und dennoch hungerte sie ihren Körper immer weiter aus: Wenige Wochen nach der Trauung wog sie nur noch 34 Kilo.

Da sagte ihr Mann: "So geht das nicht weiter. Ich habe Angst um dich." Ihre Frauenärztin empfahl ihr dringend, sich wegen ihres Untergewichts behandeln zu lassen. Da begriff Becker, dass es so nicht weiter geht und wies sich selbst in die Klinik ein. Zu sagen, dass sie eine Essstörung hat, fiel ihr schwer. "Magersüchtig werden Teenager, keine gestandenen Frauen, die ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, berufstätig sind und mitten im Leben stehen", dachte sie.

Die meisten kommen zunächst mit einer Depression

Diese Idee sei weitverbreitet, sagt Elisabeth Rauh, Chefärztin der Schön Klinik Bad Staffelstein: Die meisten betroffenen Frauen über 30 kommen zu ihr in die Klinik zunächst wegen einer Depression. Stellt sich dann heraus, wie niedrig ihr Gewicht ist, fragen die Ärzte für gewöhnlich, ob sie auch ein Problem mit dem Essen haben. Die typische Antwort: Nein, mit dem Essen gebe es keine Schwierigkeiten. "Auf den Gedanken, dass die Depression nur eine Begleiterkrankung ist und dass sie eigentlich magersüchtig sind, kommen viele gar nicht", so Rauh - auch weil sie sich mit der vermeintlichen Jugendkrankheit nur schwer identifizieren können.

Ähnlich sieht es bei Männern aus. "Schon in der Pubertät tritt Magersucht bei ihnen deutlich seltener auf", sagt Rauh. Entwickeln sie die Anorexie dann erst im Erwachsenenalter, fällt es ihnen in der Regel doppelt schwer, sich Hilfe zu suchen. Auslöser ist bei Männern meist auch nicht eine Diät, sondern Sport - verbunden mit dem Wunsch nach einem muskulären, fettlosen Körper.

Dass auch erwachsene Frauen eine Anorexie entwickeln können, zeigen Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): Im Jahr 2017 wurden demnach mehr als 10.000 Frauen zwischen 30 und 40 Jahren wegen Magersucht behandelt. Bei den 40- bis 50-Jährigen waren es etwa 6400. Bei wie vielen Betroffenen sich die Essstörung tatsächlich erst im Erwachsenenalter entwickelt hat und bei wie vielen sie im Alter erneut ausbrach, lässt sich anhand der Daten allerdings nicht beurteilen.

"Vermutlich ein Problem mit der Schilddrüse"

"Natürlich gibt es Frauen, die ihr Leben lang mit einer Essstörung zu kämpfen haben und deswegen auch immer wieder stationär behandelt werden müssen", sagt Chefärztin Rauh. Dennoch gibt es auch solche, die die Krankheit erst im Erwachsenenalter entwickeln. Weil auch viele Ärzte das nicht auf dem Schirm haben, geht Rauh von einer hohen Dunkelziffer aus. Gerade bei Frauen über 50 heiße es oft: "Gut, dann ist sie halt ein bisschen dünn. Vermutlich ein Problem mit der Schilddrüse."

Von Freunden und Familie bekommen die Frauen mitunter noch Komplimente dafür, dass sie es schaffen, trotz zunehmenden Alters so dünn zu bleiben. "All das führt dazu, dass die Krankheit bei vielen Erwachsenen zu spät - oder gar nicht - erkannt wird", so Rauh. Das Problem: Je später die Essstörung behandelt wird, desto größer das Risiko, dass sie chronisch wird. Das sei bei älteren Frauen nicht anders als bei jüngeren.

Die Gründe, warum Frauen eine Anorexie entwickeln, sind unterschiedlich. In der Regel tritt die Essstörung auf, wenn die Verletzbarkeit im Leben besonders groß ist und Veränderungen passieren, die überfordern. "Für junge Menschen ist das meist die Pubertät", sagt Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. In dieser Zeit verändert sich der Körper, Jugendliche müssen zunehmend Verantwortung übernehmen und haben das Bedürfnis, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Kommen dazu familiäre Probleme, Mobbing in der Schule und fühlt jemand sich mit sich und seinem Körper nicht wohl, gibt die Fokussierung aufs Essen das Gefühl, wenigstens eine Sache im Griff zu haben. "Magersucht ist damit auch ein Kontrollversuch", so Zipfel.

Doch auch im Erwachsenenalter gibt es Lebensereignisse, die den Alltag ins Wanken bringen können. Etwa die Trennung vom langjährigen Partner, der Auszug der Kinder, die Angst vorm Altwerden. Eine einschneidende Phase ist für Frauen außerdem die Menopause. Ähnlich wie die Pubertät sind die Wechseljahre eine Phase der biologischen oder emotionalen Veränderung. Der Körper produziert weniger Östrogene, die Stimmung schwankt, irgendwann bleibt die Menstruation aus. Das Bindegewebe wird schwächer, die Muskelmasse nimmt ab und die meisten Frauen nehmen automatisch zu. "Je mehr sich die Frauen dann Gedanken übers Essen machen und versuchen, mit Diäten gegenzusteuern", weiß Rauh, "desto größter ist das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln."

Die Heilpraktikerin riet Becker, die Ernährung umzustellen

Bei Nele Becker war der auslösende Moment eine Diät: Mit Anfang 30 hatte sie immer wieder starke Migräne-Attacken. Auf Anraten ihrer Heilpraktikerin stellte sie ihre Ernährung um. Innerhalb weniger Wochen hatte die ohnehin schon schlanke Becker gut sieben Kilo abgenommen. Die Reaktion ihrer Freunde war nicht: "Mensch, ist mit dir alles in Ordnung?", sondern "Tolle Figur. Weiter so!" Der Zuspruch tat Becker gut. Denn in ihrem Leben hatte sie stets das Gefühl, um Aufmerksamkeit kämpfen zu müssen. In ihrer Kindheit um die ihrer Eltern, später um die ihrer Partner.

Als Becker ihren jetzigen Mann kennenlernte, fühlte die sich zum ersten Mal "wirklich gesehen" - "spätestens jetzt hätte eigentlich alles in Ordnung sein können", sagt die mittlerweile 40-Jährige. War es aber nicht: Das Gefühl plötzlich alles zu haben, was sie sich wünschte, plötzlich nicht mehr kämpfen zu müssen, brachte Becker völlig aus dem Gleichgewicht. Sie war glücklich, doch anstelle ihres Kampfgeistes, ihres Ringens um Aufmerksamkeit, spürte sie eine Leere - und sie merkte: Je weniger sie aß, desto mehr ließ ihre innere Anspannung nach. "Ich habe meine Gefühle quasi weggehungert", sagt Becker.

Dass Menschen mit Anorexie ihre Emotionen immer weniger wahrnehmen, ist tatsächlich typisch. "Über ihr Gefühlsleben legt sich eine Art Schleier", beschreibt Zipfel das Phänomen. Was genau die emotionale Abstumpfung verursacht, ist nicht vollständig geklärt. Zipfel vermutet jedoch, dass dahinter auch biologische Ursachen stecken.

Die Therapie von erwachsenen Frauen mit Magersucht unterscheidet sich indes nicht wesentlich von der Jugendlicher. "Wichtig ist zuerst mal die Akzeptanz", sagt Zipfel. Das heißt, das Eingeständnis, dass sie eine Essstörung haben sowie die Motivation, diese überwinden zu wollen. Dann folgen Gruppen- und Einzeltherapie.

Mit Teenagern in der Gruppentherapie

Ein Problem, dass Oberärztin Rauh in der Behandlung erwachsener Patientinnen sieht, ist, dass es für diese Altersgruppe kaum Gruppenangebote gibt. Statt sich über Ehe, Job und das Älterwerden zu unterhalten, drehten sich die Gespräche der Gruppentherapie um die Abgrenzung von den Eltern, den ersten Freund, die Noten in der Schule. "Für manche Frauen ist das schwierig", hat Rauh erfahren, "auch, weil sie sich mit ihren Problemen nicht ernst genommen fühlen."

Nele Becker saß ebenfalls mit 16- und 18-Jährigen zusammen. Auch sie hat der Altersunterschied anfangs gestört. Geholfen hat die Therapie ihr dennoch. Denn hinter den Problemen des Alltags steckten letztendlich oft dieselben Unsicherheiten: Mangel an Selbstvertrauen, die Unzufriedenheit mit dem Körper und der Wunsch, von den Menschen um sich herum gesehen zu werden.

Ganz überwunden hat Becker die Essstörung noch nicht. Aber sie hat gelernt, mit ihr umzugehen. Ihr Leben bestimmt die Magersucht heute nicht mehr.

Im Video: Wenn der eigene Körper zum Feind wird - Dünn, dünner, magersüchtig

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Seite 1
Rassek 12.09.2018
1. Danke
Leider werden viele Magersuchtkarrieren geradezu befördert: Eine Patientin eines Kollegen wurde trotz anderslautender Empfehlung der vorher besuchten Kliniken, statt mit 48 Kilo erst mit 35 Kilo bei 1.72 wieder in eine Klinik gebracht. Trotz Gesundheitssorge des Jugendamtes. Begründung: Sie müsse freiwillig gehen. DAS ist aber der Irrtum: Unter einem gewissen Gewicht ist eine Freiwilligkeit eben überhaupt nicht mehr möglich: Der Suchtdruck nimmt überproportional stark mit sinkendem Gewicht zu. Die Folgen dieses falschen Verständnisses dieser speziellen Sucht sind für die Betroffenen dramatisch: Sie kommen erst in Behandlung, wenn sie mehr tot als lebend sind, da dann zur Rettung des Lebens eingeschritten werden muss. Bis dahin wird auf die Freiwilligkeit abgewartet. Herzschäden, Nierenschwäche etc. manifestieren sich unabänderbar und eine Therapie kann erst gar nicht beginnen, weil es a priori um das nackte Überleben geht. Für die Betroffenen dramatisch. Für die Gesellschaft sehr teuer. Hier müssen per Gesetz klare Richtlinien her, die Ärzte, Lehrer etc. dazu zwingen im Vorfeld zu melden und nachfolgend Handlung erzwingen.
aae 12.09.2018
2. Nicht vorschnell urteilen
Ich wurde jahrelang als Magersüchtige bei Ärzten abgestempelt. Der erste Eindruck reichte und eine Diagnostik wurde nicht gemacht. Bei 1,74 m wiege ich seit Jahrzehnten 48-51 kg. Ich esse viel und gerne kalorienreiches. Seit über fünfzehn Jahren leide ich an extremen Brechdurchfällen nach dem Essen bis zur Bewußtlosigkeit. Es wurde nicht weiter untersucht. Vor zwei Monaten fand ich eine Ärztin, die aufgrund der Vorbefunde schon eingenommen war, aber ich habe nicht locker gelassen und ihr dargelegt wie sehr mich meine Brech-Durchfall-Attacken belasten. Hurra, es wurde festgestellt, dass ich Histaminintoleranz habe. Erstmal bin ich mit der Ernährungsumstellung/ - unsicherheit auf 46 kg runter. Seit dem habe ich keine Bauchkrämpfe, keine Brech-Durchfälle mehr und nehme langsam zu. Nicht alles ist Magersucht.
santacatalina 12.09.2018
3. Henne und Ei
Natürlich kann eine Magersucht eine Depression zur Folge haben. Aber es geht auch andersherum: Eine Depression mit Antriebsmangel kann dazu führen, daß man nicht ißt - insbesondere bei Alleinstehenden, die sich erst etwas zu essen machen müßten. Also können auch Depressive abnehmen, ohne daß eine echte Magersucht dahintersteckt. Probleme mit der Schilddrüse, die auch gern übersehen werden, kann man mühelos abklären.
angst+money 12.09.2018
4.
Was mir im Artikel nicht ganz klar wird: wo fängt die Magersucht an? Ich habe mir mein Gewicht von vor 20 Jahren zurück erarbeitet und viele Freunde sagen "jetzt ist aber mal gut", während ich noch von ein paar Pölsterchen genervt bin. Aber auch wenn ich es mir meistens verbeisse, habe ich keine Problem damit, mir hin und wieder mal "was Richtiges" reinzuschieben. Gefährdet oder nicht?
ohjeee 12.09.2018
5. 1
Zitat von angst+moneyWas mir im Artikel nicht ganz klar wird: wo fängt die Magersucht an? Ich habe mir mein Gewicht von vor 20 Jahren zurück erarbeitet und viele Freunde sagen "jetzt ist aber mal gut", während ich noch von ein paar Pölsterchen genervt bin. Aber auch wenn ich es mir meistens verbeisse, habe ich keine Problem damit, mir hin und wieder mal "was Richtiges" reinzuschieben. Gefährdet oder nicht?
Gemeinhin spricht man von einer Essstörung oder Erkrankung wenn Ihre Essgewohnheiten Ihren Alltag vereinnahmen. Wenn Sie sich den ganzen Tag über damit beschäftigen, was das richtige Essen zum Frühstück, Mittag, Snackpausen,... ist, dann dürfte es schon krankhafte Züge annehmen. Wird Ihnen Unwohl, wenn Sie mit Kollegen zum Mittagstisch gehen und auf der Mittagskarte kein Salatteller steht und Sie ein kalorienreiches Gericht essen müssten? Oder auch (meist bei den Männern) die Kontrolle nach Eiweißreicher Ernährung, etc
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