Magersüchtige Lieber dünn als gesund

In Internetforen und sozialen Netzwerken verherrlichen junge Frauen und Männer das Dünnsein und stacheln sich gegenseitig zum Hungern an. Das ist lebensgefährlich - eine Aussteigerin berichtet.

Celine war lange magersüchtig
NDR/ Benjamin Arcioli

Celine war lange magersüchtig

Von Johanna Leuschen


"Ich hab immer von den anderen Lob bekommen, dass ich es schaffe, so viel abzunehmen und so dünn zu sein. Das war wie ein Hobby für mich." Celine (21) war lange aktiv in Pro-Ana-Foren im Internet. Pro-Ana steht für Pro-Anorexia nervosa, also Magersucht, und in diesen Gruppen versammeln sich Mädchen und Jungs, die die Essstörung verherrlichen, sie zum "Lifestyle" erklären und sich gegenseitig zum Hungern anstacheln.

Die Pro-Ana-Bewegung schwappte vor etwa zehn Jahren aus dem englischsprachigen Raum nach Deutschland. Die Mitglieder nennen sich liebevoll "Anas", Beiträge beginnen mit "Dear Skinny Ladies" oder enden mit dem Credo "Stay Strong. Starve on", also "Bleibt stark. Hungert weiter".

Das als "Hobby" zu bezeichnen, mag für die dort verbrachte Zeit zutreffen, verharmlost aber die Gefahr, die von solchen Foren ausgeht. Magersucht ist lebensgefährlich. Wenn sich Betroffene gegenseitig noch zusätzlich unter Druck setzen, treiben sie sich womöglich in den Tod.

"Ich war zwar nicht die, die andere fertiggemacht hat. Aber ich war die, die alles mitgemacht hat", erzählt Celine und meint damit den Gruppenzwang zum Hungern, Abnehmen und Dünnsein. Der Wettbewerb und die Anerkennung für erreichte Ziele kann dabei richtige Sogwirkung entfalten.

Statt als Gruppenzwang habe sie das aber als Zusammengehörigkeit empfunden: "Das war so eine kleine Gemeinschaft, und wir haben uns beim Abnehmen unterstützt, also zum Beispiel Bilder von richtig dünnen Menschen als Ansporn hochgeladen." Pro-Ana-Foren haben oft einen Chat-Bereich, der nur für Mitglieder zugelassen ist, die sich dazu bekennen, bestimmte Regeln einhalten. Zum Beispiel nur 800 Kalorien pro Tag zu sich nehmen - oder den zehn Pro-Ana-Geboten folgen wie "Dünn sein ist wichtiger als gesund sein".

Riskante Dünn-Sein-Wettbewerbe

Doch unter den Hashtags #proana oder #thinspiration finden sich auch in für alle zugänglichen sozialen Netzwerke wie Instagram, Twitter oder Facebook diverse Bilder knochiger Schlüsselbeine, hervorstehender Hüftknochen oder sich abzeichnender Rippenbögen.

Celine: "Ich war die, die alles mitgemacht hat"
NDR/ Benjamin Arcioli

Celine: "Ich war die, die alles mitgemacht hat"

Immerhin löscht Instagram seit einigen Jahren Hashtags wie "Thinspiration" (eine Kombination aus "Thin" und "Inspiration"), doch die dürren Selfie-Posterinnen finden trotzdem immer wieder Wege, ihren gefährlichen Magerwahn öffentlich zu zelebrieren.

Natürlich ist nicht jede, die im Netz ihr Dürrsein zur Schau stellt, eine "Ana" oder klinisch magersüchtig, also psychisch krank. Die Anorexia nervosa ist eine schwerwiegende psychosomatische Störung und weitaus komplexer, als dass sie ausschließlich durch ein paar Fotos dünner Menschen im Netz hervorgerufen werden könnte.

Bedrohliche Sucht

Dennoch: Pro-Ana-Foren und #thinspiration-Fotos können durch ihr darin verherrlichtes Schönheitsideal, das Schönsein mit Dünnsein gleichsetzt, als eine Art Einstiegsdroge in die Krankheit fungieren, wie Psychologe Andreas Schnebel warnt. Als therapeutischer Leiter von ANAD, einem Verein für Menschen mit Essstörungen, beobachtet er den Trend zu immer unnatürlicher aussehenden Idealen in Netzwerken wie Instagram. Was auf den ersten Blick wie ein harmloses Spiel Jugendlicher erscheinen mag, kann lebensbedrohlich enden.

Große Sorgen machen ihm die Dünn-sein-Wettbewerbe, die schon seit Jahren regelmäßig im Netz stattfinden. Es mag zunächst bizarr erscheinen, wenn Betroffene sich so viele Münzen wie möglich in die angestrebt tiefe Schlüsselbeinkuhle stapeln. Oder wenn sie ihre Taille vollständig mit einen DinA4-Blatt abdecken wollen. Doch diese Challenges sind eine große Gefahr, weil sie Betroffene noch tiefer hineinziehen in eine bedrohliche Sucht.

Celine: "Ich bin froh, dass ich von diesem Schwachsinn weg bin"
NDR/ Benjamin Arcioli

Celine: "Ich bin froh, dass ich von diesem Schwachsinn weg bin"

Besonders widersinnig war der "Trend" dieses Sommers mit dem Namen "Ab Crack". Ziel dabei ist, die senkrechte Linie zwischen Brustkorb und Nabel sichtbar zu machen, im Fachjargon auch "Linea Alba" genannt.

Film zum Thema
    In dem Film "7 Tage ... gegen die Essstörung" begleiten Johanna Leuschen und Benjamin Arcioli Celine und zwei weitere junge Frauen im Kampf gegen ihre Essstörung; Die Reportage läuft am 8. Januar 2017 um 15.15 Uhr im NDR Fernsehen.

Das Vorhaben widerspricht den Regeln der Anatomie: Die "Ab Crack" ist laut Sportwissenschaftler Ingo Froböse nur zu sehen, wenn ein (bei Frauen) gefährlich geringer Körperfettanteil auf eine extrem durchtrainierte Bauchmuskulatur trifft und selbst dann nur bei denjenigen, die die genetische Veranlagung dazu haben. Wem die Veranlagung fehlt, kann noch so wenig essen und noch so viel trainieren. Der Bauch bleibt ohne Mittellinie.

Celine ist schon lange nicht mehr aktiv in Pro-Ana-Foren: "Ich bin froh, dass ich von diesem Schwachsinn weg bin." Doch auch ohne die Anstachelungsgruppen im Netz hat die Krankheit sie seit sechs Jahren fest im Griff: Erst kürzlich hungerte sie sich auf 37 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,71 Meter herunter und wurde wieder ins Krankenhaus eingeliefert.

Die Magersucht ist für Celine längst kein "Hobby" mehr: Während im Netz immer neue, bisweilen lächerliche "Challenges" entstehen, kämpft sie jeden Tag mit der tatsächlichen Herausforderung, den Weg aus der Krankheit zu finden.



insgesamt 27 Beiträge
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sammilch 06.01.2017
1. Stark bleiben
Mittlerweile geht der Trend gefühlt von der Magersucht zur Sportbulemie über. Man kann den Betroffenen nur raten sich Hilfe zu suchen - und Celine stark zu bleiben. Nicht stoffgebundene Süchte sind sehr schwer zu besiegen.
ikom 06.01.2017
2.
Ob bei Spon, SZ oder anderen wichtigen Medien. Ich lese und höre immer nur von Magersucht. Interessant wäre doch auch mal ein Bericht über Bulimie oder Binge-Eating! Die physischen und psychischen Folgen werden da anscheinend gesellschaftlich unterschätzt und abgetan. Es wird argumentiert, dass hier nur Disziplin und Willenskraft fehlen würden und die Betroffenen jederzeit einfach aufhören könnten so maßlos zu sein! Dabei handelt es sich ebenso um schwerwiegende psychische Krankheiten! Essstörungen sind nicht nur Magersucht!
**Kiki** 06.01.2017
3. Kollateralschäden.
Das sind die Kollateralschäden des Kampfs gegen die sogenannte Fettleibigkeitsepidemie. Die entstehen, weil dieser Kampf so geführt wird, wie er nun einmal geführt wird, nämlich teils offen, teils unterschwellig als moralisch zu lösendes Problem - regelmäßig auch in mehrheitlich dümmlich-arroganten Forenbeiträgen zum Thema zu besichtigen. Es ist deshalb Heuchelei, über solche gefährlichen Modewellen bei jungen Mädchen erstaunt zu tun, die sind eine logische Folge der Tatsache, daß Kindern, auch solchen, deren Gewicht völlig normal ist, schon in der Grundschule ein negatives Körpergefühl vermittelt wird. Was man bräuchte, ist eine neue gesundheitspolitische Herangehensweise.
held_der_arbeit! 06.01.2017
4. Anorexie ist lebensbedrohlich
und schon jetzt äußerst schwer zu therapieren. Das uns das Internet auch hier (und nicht nur beim politischen Extremismus aller Coleur) eine Gegenöffentlichkeit beschert, die sogar bisherige Kernargumente einfach ins Gegenteil verdreht ("Dünn sein ist wichtiger als gesund sein") ist hochproblematisch. Vor allem da hier nicht einfach ein Schönheitsideal glorifiziert, sondern auch gezielt der Sinn von Hilfe dementiert wird.
Rubyconacer 06.01.2017
5. Traurig
Es gab schon immer Starver und Feeder. Couch Potatoes und Fitnesswahnsinnige. Das macht offensichtlich die Bandbreite menschlichen Lebens aus.
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