Magersucht Wieso (ver)hungert jemand freiwillig?

Schlank, schlanker - Magersucht? Glaubt man Boulevardmedien, wollen Betroffene dünn sein, weil unser Schönheitsideal es so befiehlt. Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit.

Von Nora Burgard-Arp

Nicht bloß zu dünn: "Viele Leute sehen nur das Äußere, aber nicht, was dahinter steckt", sagt eine Magersüchtige
Corbis

Nicht bloß zu dünn: "Viele Leute sehen nur das Äußere, aber nicht, was dahinter steckt", sagt eine Magersüchtige


Fünf Jahre lang litt Helene* an Magersucht. In der Zeit hatte sie immer das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Kaum einer nahm ihre Essstörung als ernste Krankheit wahr. Meistens sagten die anderen: "Du siehst doch hübsch aus, wenn du mehr wiegst." Dabei ging es Helene nie darum, hübsch zu sein. Im Gegenteil: "Ich wollte mich gezielt hässlich machen", sagt die 30-Jährige heute. In den extremsten Phasen vernachlässigte sie sich komplett. Sie aß und trank nicht mehr, wusch sich nicht mehr. Sie zerkratzte ihre Arme, ihre Beine und sogar ihr Gesicht.

Woher kommt dieses verzerrte Bild der Magersucht in unserer Gesellschaft? Eine Antwort darauf ist die zum Großteil eindimensionale Berichterstattung der Medien, insbesondere der Boulevardmagazine: "Germany's Next Topmodel" als Sündenbock, Size Zero als Ansporn zu hungern. Doch so einfach ist es nicht: Schließlich schaffen es Magersüchtige, einem fundamentalen Lebenstrieb zu entsagen: Nahrungsaufnahme.

Für Gesunde ist das kaum zu verstehen. Wieso (ver)hungert jemand freiwillig? Auch Helene erlebte, wie ihre Mitmenschen händeringend nach einer Erklärung suchten. "Ständig sollte ich die Frage nach dem Warum beantworten", erzählt sie. "Aber ich hatte keine Antwort. Wahrscheinlich hätten sie gerne gehört, dass ich mich einfach zu fett fühle. Das wäre zumindest eine greifbare Begründung gewesen."

Das sagen Betroffene

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Viele Medien liefern genau diese Erklärung mit reißerischen Schlagzeilen wie "Tödlicher Schlankheitswahn" oder "Falsche Schönheitsideale machen die Jugend krank". Sie befeuern das einseitige Bild der Magersucht in der Öffentlichkeit. Auch Heidi Klum, die junge Mädchen angeblich massenweise in die Anorexie treibt, musste sich jüngst der Ferndiagnose eines Klatschmagazins stellen: Im Juni 2014 titelte die "InTouch", Heidi Klum sei nun selber der Magersucht verfallen.

Zwar ist der Einfluss des westlichen Schönheitsideals auf die Körperwahrnehmung ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für die Entwicklung einer Essstörung: In seinem Buch "Magersucht in Therapie" erklärt der Schweizer Arzt und Psychiater Jürg Liechti, dass sich das Gewichtsideal in den westlichen Industrienationen in den vergangenen hundert Jahren deutlich zu einem dünneren, schwerer zu erreichenden entwickelt hat. Mit Folgen: 2006 ergab eine Studie des Robert Koch-Instituts, dass in Deutschland mehr als 20 Prozent der Mädchen und Jungen bereits im Alter von elf Jahren eine auffällige Einstellung zum Essen haben. "Obwohl nur fünf bis zehn Prozent der Frauen über die konstitutionellen Voraussetzungen zur erklärten 'Model-Idealfigur' verfügen, stellt der dünngliedrige, fett- und faltenfreie Körper das Leitmotiv heutiger Mädchen und junger Frauen dar", sagt Liechti. "Die Botschaft lautet: Bist du dünn, so bist du jemand!"

Magersucht ist keine Modekrankheit

Doch dieses Leitmotiv ist nicht der alleinige Auslöser einer Magersucht, vielmehr erhöht es lediglich das Risiko dafür. Dazu sei die Krankheit viel zu komplex, sagt Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. Obwohl viele junge Frauen und Männer in unserer Gesellschaft ein besonders schlankes Schönheitsideal verfolgten, sei die Häufigkeit der Magersucht nach ihrer Definition (siehe Kasten zur Anorexia nervosa) in den vergangenen 20 Jahren nicht gestiegen. Zudem sei Magersucht keinesfalls eine neue Erkrankung, sagt Zipfel. 1869 wurde sie bereits das erste Mal in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" beschrieben. Seitdem habe sich das Bild dieser Erkrankung nicht wesentlich geändert. "Die Motive dahinter mögen sich gewandelt haben", sagt Zipfel, "aber die Magersucht ist keine Modekrankheit, sondern schon lange bekannt."

MERKMALE DER ANOREXIE
Die Internationale Klassifikation der Krankheiten ICD-10 nennt folgende Punkte als Merkmale der Magersucht (Anorexia nervosa):

  • BMI unter 17,5:
    Das tatsächliche Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unter dem erwarteten Körpergewicht oder unter einem Body-Mass-Index (BMI) von 17,5.

    Der BMI wird nach einer einfachen Formel berechnet: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern.

  • Gewichtsverlust:
    Die Gewichtsabnahme wird von den Betroffenen absichtlich selbst herbeigeführt durch die
    Vermeidung von hochkalorischen Speisen.
    Dazu können folgende Verhaltensweisen kommen:
    a) selbst herbeigeführtes Erbrechen,
    b) selbst herbeigeführtes Abführen,
    c) übertriebener körperlicher Aktivität, und/oder
    d) Gebrauch von Appetitzüglern oder Diuretika.

  • Körperschemata-Störung:
    Die eigene Gewichtsschwelle wird sehr niedrig angelegt. Die tiefverwurzelte Angst, dick zu werden, ist stark ausgeprägt.
  • Endokrine Störungen:
    Die Hormonproduktion ist verringert. Das führt bei Frauen zu einem Aussetzen der Regelblutung (Amenorrhö) und bei Männern zu einem Verlust von sexuellem Verlagen und der Potenz.

    Beginnt die Erkrankung vor Einsetzen der Pubertät, sind wichtige Entwicklungsschritte gehemmt, es kommt beispielsweise zu einem Wachstumsstopp, oder die Regelblutung setzt nicht ein.
Boulevardmedien sehen das offenbar anders, sie haben das Thema Magersucht immer wieder im Programm. Dabei ist die Anorexia nervosa eine seltene Krankheit. Schätzungsweise 0,3 bis 1 Prozent der jungen Frauen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren leiden tatsächlich daran. "Der Großteil der Menschen in den westlichen Industrienationen will abnehmen, dauerhaft schlank bleiben und kriegt es nicht hin", sagt Zipfel. "Da stellt sich die große Frage: Warum ist das bei dieser ganz kleinen Gruppe anders? Sie geraten in einen Teufelskreis, in dem sie von Diäten nicht genug bekommen. Wie schaffen sie es, evolutionäre Mechanismen zu umgehen? An dieser Frage werden wir sicherlich noch einige Jahrzehnte forschen."

Seit drei Jahren und nach vier Klinikaufenthalten hält Helene ihr Normalgewicht. Erzählt sie anderen von ihrer Vergangenheit, schlagen ihr immer noch oft Unverständnis und Vorurteile entgegen. Doch sie hat gelernt, nicht hinzuhören. Ihren Körper mag sie immer noch nicht sonderlich gern. Geht es ihr nicht gut, sei Essen das Erste, was sie vergesse, erzählt sie. "Aber mittlerweile schrillen meine Alarmglocken, sobald ich mehr als eine Mahlzeit ausfallen lasse."

ZUR AUTORIN
  • Sebastian Isacu
    Nora Burgard-Arp arbeitet als freie Journalsitin in Hamburg. Ihr Projekt "Anorexie - Heute sind doch alle magersüchtig" soll eine Gegenbewegung zum aktuellen Trend der Berichterstattung sein und die wissenschaftliche Sichtweise auf die Krankheit in den Vordergrund stellen. Das Projekt wurde vom VOCER Innovation Medialab mit Förderung des Programms "Neue Wege im Wissenschaftsjournalismus" der Robert Bosch Stiftung ermöglicht und war 2015 für den Grimme Online Award nominiert.

    Homepage des Projekts: Anorexie - Heute sind doch alle magersüchtig

*Name von der Redaktion geändert

Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags aus dem Projekt anorexie-heute.de

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
majestic12 10.07.2014
1. Ok...
Das Magersucht nicht unbedingt mit dem Schönheitsideal zu tun hat, dass Betroffene nicht einfach nur "dünn/schlank" sein wollen, habe ich jetzt begriffen. Aber was dann? Das sagt weder der Text noch die Antworten der Betroffenen... Da hätte man doch mal drauf eingehen können...
steinbock8 10.07.2014
2. Magersucht
Essen heißt Leben nicht essen heißt Tod wir wiederholen was wir kennen über Generationen wer nicht isst will nicht schlank sein er hat eine Todessehnsucht nur eine psychologische Therapie kann da helfen dazu gehört auch die familienaufstellung
frubi 10.07.2014
3. .
Zitat von steinbock8Essen heißt Leben nicht essen heißt Tod wir wiederholen was wir kennen über Generationen wer nicht isst will nicht schlank sein er hat eine Todessehnsucht nur eine psychologische Therapie kann da helfen dazu gehört auch die familienaufstellung
Die Gründe für eine Magersucht sind breit gefächert. Das Motiv "dünn, schlank und damit sexy" zu sein ist sicherlich ein Hauptgrund. Das dahinter eine generell depresive Einstellung zum Leben steht, ist wieder ein anderes Thema.
cherrypicker 10.07.2014
4.
sagte mir ein befreundeter Therapeut. "Eine Essstörung ist immer Ausdruck einer tiefen Bindungs- und Beziehungsstörung." Klassisches Beispiel wäre ein junges Mädchen, dass hungert, weil die Eltern sich scheiden lassen wollen. Die Gefühle der Eltern kann sie nicht kontrollieren, aber über das Hungern kann sie den Eltern Angst machen und sie so dazu zwingen, weiter zusammenzuarbeiten. Und: Eine Magersucht kann auch aus einer invertierten Fresssucht entstehen. Ein Mensch isst zunächst, um sich zu beruhigen, wird dick und hasst sich dafür. Danach erfolgt die Umkehr: rigide Selbstkontrolle und der Triumph, willensstärker zu sein, als die "fetten" um ihn herum. Und um diesen Triumph ständig zu spüren, muss immer weiter gehungert werden. Dieses Verhalten ist z.B. typisch für Menschen, die als Kinder zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben und sich beweisen müssen, dass sie "stark" und "leistungsfähig" sind, denn das verlangt unsere Gesellschaft -- auch wenn die Magersucht nur die Karikatur davon ist. Natürlich treten Essstörungen nur dort auf, wo es ein Übermaß an Essen gibt. Sonst wirkt der psychologische Effekt ja nicht. Insofern ist es auch eine Zivilisationskrankheit. Hm, vielleicht hätte ich den Artikel schreiben sollen, was?
kanadasirup 10.07.2014
5. Psyche
Gleiches Problem wie bei Cuttern: Eine tiefe Unzufriedenheit mit sich selbst und ihrer Umwelt. Familiäre Probleme, sexuelle Probleme, Minderwertigkeitskomplexe. Der eine frisst sich tot, die andere hungert sich tot.
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