Brustkrebs-Früherkennung Wie oft schlägt die Mammografie falsch Alarm?

Große Verunsicherung: Über 17.000 Frauen erhielten nach einem Mammografie-Screening die Diagnose Brustkrebs. Zuvor mussten sich aber fast 130.000 Sorgen machen - wegen eines zunächst unklaren Befundes.

Mammografie-Befund: gutartige Fettzellen-Verkalkung
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Mammografie-Befund: gutartige Fettzellen-Verkalkung


Durch das Mammografie-Screening in Deutschland entdecken Ärzte innerhalb eines Jahres bei sechs von 1000 Frauen zwischen 50 und 69 Jahren Brustkrebs. Das teilt die Kooperationsgemeinschaft Mammographie mit.

Rund drei Prozent der Teilnehmerinnen wurden nach einem Screening-Termin erneut eingeladen, weil ein Verdacht auf Brustkrebs bestand. Von diesen fast 129.000 Frauen erhielten 17.430 die Diagnose Brustkrebs. Die Daten finden sich im jüngsten Qualitätsbericht des Screenings für das Jahr 2013. Die Quote der falsch-positiven Befunde liege damit unter dem Grenzwert von fünf Prozent, den die europäischen Leitlinien empfehlen.

Das Mammografie-Programm steht immer wieder in der Kritik, weil neben dem positiven Ziel, der Brustkrebsfrüherkennung, Frauen verunsichert werden: Die Aufforderung zur Abklärung ist für viele ein Schock. Außerdem ziehen unklare Befunde weitere Untersuchungen nach sich, die mitunter invasiv und daher mit gewissen Risiken behaftet sind wie etwa eine Biopsie. Klar ist auf der anderen Seite: Liegt ein begründeter Verdacht vor, müssen die Spezialisten dem nachgehen, um kein Karzinom zu übersehen.

Gewebeprobe nach Verdachtsdiagnose

Bei zwei Drittel der erneut eingeladenen Frauen konnten Ärzte 2013 nach kurzer Zeit durch weitere Untersuchungen wie etwa Ultraschall Entwarnung geben. Bei rund 35.000 Frauen blieb der Verdacht jedoch weiter bestehen. Ihnen wurde die Entnahme einer Gewebeprobe durch eine Mini-Operation empfohlen. Rund die Hälfte von ihnen erhielt danach die Diagnose Brustkrebs.

Beim Screening würden heute 75 bis 80 Prozent der Brustkrebserkrankungen entdeckt, sagt Corinna Heinrich, Sprecherin der Kooperationsgemeinschaft Mammographie. Dass es nicht 100 Prozent sein können, liege vor allem daran, dass Tumoren auch zwischen den Untersuchungen im Abstand von zwei Jahren wachsen können. Und sie könnten auch übersehen werden.

Bei Frauen sind Karzinome in der Brust die häufigste Krebsart. In Deutschland gab es 69.550 Neuerkrankungen im Jahr 2012, 17.748 Frauen starben.

Weniger Frauen sterben an Brustkrebs

Das Screening-Verfahren, das zwischen 2005 und 2009 flächendeckend in Deutschland eingeführt wurde, ist mit Blick auf Kosten und Nutzen umstritten. Denn sichere Ergebnisse, ob Frauen durch das Verfahren wirklich einen Überlebensvorteil haben, können frühestens nach zehn Jahren vorliegen. Dafür wären Teilnehmeraten von 70 Prozent wünschenswert, in Deutschland liegen sie im Moment bei 57 Prozent. Oft haben Frauen Angst vor der Untersuchung - sie ist nicht immer schmerzlos.

Nach den Statistiken des Robert Koch-Instituts (RKI) stiegen die Brustkrebs-Neuerkrankungsraten in Deutschland seit 2005 zunächst sprunghaft an. Seit 2009 sind sie leicht rückläufig. Das deute darauf hin, dass in der ersten Phase des Programms viele Tumoren deutlich früher entdeckt wurden als ohne Screening, heißt es im RKI-Zentrum für Krebsregisterdaten. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden allerdings auch einige Tumoren diagnostiziert, die sonst lebenslang unerkannt geblieben wären und keine Beschwerden verursacht hätten (Überdiagnose)", schreibt das RKI.

Trotz gestiegener Erkrankungszahlen sterben heute weniger Frauen an Brustkrebs als noch vor zehn Jahren, heißt es beim RKI. Die Überlebenschancen hätten sich vor allem durch Fortschritte in der Therapie deutlich verbessert.

Das Strahlenrisiko bei der Röntgenuntersuchung wird heute von Experten wegen modernen Geräte als deutlich geringer eingeschätzt als noch vor 20 Jahren. Doch die Frage bleibt, ob die Vorteile der Untersuchung das Risiko überwiegen, vorwiegend gesunde Frauen überhaupt Röntgenstrahlung auszusetzen.

Tücken der Statistik

hei/wbr/dpa

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