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Brustkrebs-Screening: Forscher fordern Neubewertung der Mammografie

Patientin bei Untersuchung der Brust: Aufklärung über Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs in der Kritik Zur Großansicht
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Patientin bei Untersuchung der Brust: Aufklärung über Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs in der Kritik

Um Brustkrebs früh zu erkennen, unterziehen sich Millionen Frauen jährlich einer Mammografie. Dabei ist der Nutzen des Screeningprogramms umstritten. Im SPIEGEL fordern jetzt Mediziner, endlich fair über die Risiken aufzuklären.

Die regelmäßige Untersuchung der Brust, der sich in Deutschland jährlich 2,7 Millionen Frauen unterziehen, stößt unter Wissenschaftlern zunehmend auf Ablehnung. So geht der dänische Medizinforscher der angesehenen Cochrane Collaboration Peter Gøtzsche davon aus, dass eine von 200 Frauen, die über zehn Jahre hinweg regelmäßig zur Mammografie gehen, unnötigerweise die Diagnose Brustkrebs erhält, anschließend operiert und häufig strahlenbehandelt wird. (Lesen Sie mehr zum Thema hier im aktuellen SPIEGEL).

2002 gewährte der Bundestag allen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren einen Anspruch auf eine regelmäßige Röntgenuntersuchung der Brust. Gemeinsam mit der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt war der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach an der Einführung des Mammografieprogramms beteiligt.

Lauterbach räumt gegenüber dem SPIEGEL inzwischen ein: "Alle neuen Erkenntnisse sprechen in der Tendenz eher gegen das Screening." Es sei an der Zeit, den Brustkrebscheck neu zu bewerten. Auch Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, sagt: "Dass man nach zwölf Jahren sagt, wir schauen uns das Mammografie-Screening noch mal genau an und bewerten es neu, ist sicher vernünftig."

In Deutschland erhalten Frauen der betreffenden Altersgruppe bisher regelmäßig ein Merkblatt der "Kooperationsgemeinschaft Mammographie" und des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), das für die Teilnahme am Screening wirbt. Dieses Merkblatt stößt auf massive Kritik, weil darin der Nutzen der Mammografie völlig übertrieben werde. Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, sagt: "Es schweigt sich darüber aus, dass die Gesamtsterblichkeit in der Screening-Gruppe gleich hoch ist wie in der Nicht-Screening-Gruppe. Durch Mammografie wird überhaupt kein Leben gerettet." Das Merkblatt werde "derzeit überarbeitet", heißt es inzwischen beim G-BA.

Eine Umfrage der Barmer GEK und der Bertelsmann-Stiftung hatte im Februar gezeigt, dass offenbar jede zweite Frau falsch oder unzureichend über das Screening-Programm informiert ist. 30 Prozent der Befragten glaubten demnach, dass eine Mammografie vor Brustkrebs schützt. Ein Fehler, der immer wieder gemacht wird: Das Screening ist eine Methode zur Früherkennung von Krebs, es kann die Entstehung von Tumoren jedoch nicht verhindern.

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), fordert, die Frauen endlich fair über Nutzen und Risiken aufzuklären. "Wenn dann am Ende nur noch die Hälfte zur Mammografie geht, wäre das im Sinne einer freien, informierten Entscheidung in Ordnung." Bisher nehmen rund 54 Prozent aller eingeladenen Frauen am Screening teil. Die Krankenkassen geben für die umstrittenen Untersuchungen 220 Millionen Euro im Jahr aus.

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1. Wenn sich Fakten und Ideologie beissen, ist das schlecht für die Fakten
suedbaden6 20.07.2014
Die Kritiker-Argumente gegen das Massenscreening sind so alt wie dieses Programm selber. Sie haben keinerlei Aussicht auf Gehör, weil sie gegen eine unbesiegbare Allianz aus Ideologie und Profit anrennen. Dieses lukrative Projekt wurde seinerzeit von Rot-Grün mit zusammengelogenen Fakten angeschoben, weil man mal wieder "an der Spitze des Frauenpolitischen-Fortschritts" reiten wollte und dafür das durch diese schlimme Krankheit verursachte Leid schamlos instrumentalisierte. Bereits bei der Einführung dieses Programms war es so, dass die Lebenserwartung erkrankter Frauen in Deutschland höher war als in den screenenden Ländern. Heute ist nicht nur die Lebenserwartung höher, sondern auch das durch dieses Programm generierte Einkommen.
2. MRT oft zusätzlich notwendig
marnix 20.07.2014
Zur Evaluierung eines Mammographie Befundes ist ab und an eine zusätzliche MRT Untersuchung sinnvoll. Die ist aber nach GBA Beschluss keine Kassenleitung und wird deshalb oft nicht gemacht. Der Fehler liegt, wie so oft, im System
3. @ suedbaden6
rubberduck59 20.07.2014
Meiner Angetrauten (und somit auch mir) ist es, mit Verlaub gesagt, scheißegal wer an welcher Stelle wieviel mehr verdient. Wir sind mehr als glücklich, daß nach einer Routinemmammographie, rechtzeitig entdeckt und richtig befundet, Schlimmeres vermieden werden konnte. Daher können die allgegenwärtigen Kostenbremser (und um nichts Anderes geht es u.E. nach) soviel rumnölen, wie sie wollen.
4. Andere Vorsorgeuntersuchungen besser
speedi66 20.07.2014
Wesentlich besser als die Mammografie ist eine gescheite Ultraschalluntersuchung. Diese liefert sehr gute Aufnahmen der Brust, v.a. wenn ein Ertasten von Knoten aufgrund der vorhandenen Gewebestruktur kaum möglich ist. Aber ausgerechnet diese effektive Vorsorgeuntersuchung von Brust und im Idealfall Unterleib ist natürlich keine Kassenleistung. Ich finde unser Gesundheitssystem an dieser Stelle ausgesprochen fragwürdig. Vielleicht sollte man einfach mal die Sinnhaftigkeit von Ultraschall und Mammografie neu gegeneinander abwägen.
5. Anspruch
_thilo_ 20.07.2014
Zitat von suedbaden6Die Kritiker-Argumente gegen das Massenscreening sind so alt wie dieses Programm selber. Sie haben keinerlei Aussicht auf Gehör, weil sie gegen eine unbesiegbare Allianz aus Ideologie und Profit anrennen. Dieses lukrative Projekt wurde seinerzeit von Rot-Grün mit zusammengelogenen Fakten angeschoben, weil man mal wieder "an der Spitze des Frauenpolitischen-Fortschritts" reiten wollte und dafür das durch diese schlimme Krankheit verursachte Leid schamlos instrumentalisierte. Bereits bei der Einführung dieses Programms war es so, dass die Lebenserwartung erkrankter Frauen in Deutschland höher war als in den screenenden Ländern. Heute ist nicht nur die Lebenserwartung höher, sondern auch das durch dieses Programm generierte Einkommen.
Frauen haben einen Anspruch auf Mammographie-Screening, aber sie müssen diesen Anspruch nicht wahrnehmen. Die umfangreichen Studien lassen tatsächlich bezweifeln ob der Nutzen des "Massen-Screenings" die Risiken (und die Kosten) aufwiegt. Aber Frauen mit einer sogenannten "familiaren Belastung" oder anderen Risikofaktoren profitieren gemäss aller Studien ganz eindeutig vom Screening. Tatsächlich ist und bleibt es damit (idealerweise ..) Aufgabe des Arztes hier zu beraten und insbesondere über die Risiken aufzuklären. Und damit bleibt es auch an den Ärzten hängen gegen unangemessene Werbung für Screening-Programme anzureden.
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