Reihenuntersuchung Brustkrebs-Screening führt zu vielen unnötigen Therapien

Was bringt das Brustkrebs-Screening für Frauen? Mediziner hegen seit langem den Verdacht, dass die Mammografien insgesamt mehr schaden als nutzen. Eine neue Studie verstärkt die Zweifel: Die Reihenuntersuchungen führen demnach zu zahlreichen unnötigen und schmerzvollen Krebstherapien.

Von

Mammografie: Eine Röntgenaufnahme sollen kleinste Tumore sichtbar machen
dapd

Mammografie: Eine Röntgenaufnahme sollen kleinste Tumore sichtbar machen


Das Mammografie-Screening soll Frauen vor einem Tod durch Brustkrebs bewahren. In Deutschland werden alle 50- bis 69-Jährigen im Abstand von zwei Jahren zur Reihenuntersuchung eingeladen, viele andere europäische Staaten haben ähnliche Programme.

Das Screening soll dazu führen, dass Brustkrebs möglichst früh erkannt wird, wenn der Tumor noch klein und gut behandelbar ist. Nach mehreren Jahren des Mammografie-Programms müssten Ärzte nun theoretisch immer weniger größere Tumore entdecken, da solche Krebsfälle in der Reihenuntersuchung aufgefallen sind.

Möglich ist aber auch, dass beim Screening kleine Tumore auffallen, die extrem langsam wachsen, den Betroffenen zeitlebens keine Probleme bereiten und ohne die Reihenuntersuchung nie entdeckt worden wären. Dennoch müssten diese Frauen mit allen Konsequenzen der Diagnose Brustkrebs leben - Chemotherapie, Bestrahlung und eventuell Operationen, um den Tumor zu beseitigen. Hinzu kommt die psychische Belastung durch eine Krebsdiagnose. Als überdiagnostiziert gelten auch Frauen, die an etwas anderem sterben, ehe der Krebs gefährlich wird.

Einige Forscher zweifeln deshalb am Sinn des Screenings. Eine jetzt im Fachmagazin "Annals of Internal Medicine" veröffentlichte Studie bestärkt die Bedenken: Sie kommt zu dem Schluss, dass die Reihenuntersuchung zu einer stattlichen Anzahl unnötiger Brustkrebstherapien führt. Ein Einfluss auf die Zahl der spät entdeckten Tumore wurde nicht festgestellt.

Die Wissenschaftler um Mette Kalager vom Telemark-Hospital im norwegischen Skien haben Daten aus Norwegen analysiert, wo das Screening zwischen 1996 und 2005 eingeführt wurde. Wie in Deutschland können Frauen zwischen 50 und 69 Jahren teilnehmen. Da das Programm erst nach und nach in verschiedenen Landesteilen etabliert wurde, konnten die Forscher Frauen, die das Screening schon hinter sich hatten, mit denen vergleichen, die noch nicht untersucht worden waren.

"Möglicherweise nicht als Screening-Methode geeignet"

Bei knapp 7800 untersuchten Frauen wurde demnach Brustkrebs entdeckt. 15 bis 25 Prozent von ihnen hätte der Tumor jedoch nie Probleme bereitet, schreiben die Forscher. Das wären 1170 bis 1950 Frauen, die in den ersten zehn Jahren des Screenings unnötig eine Krebsdiagnose erhielten und behandelt wurden. Im gleichen Zeitraum habe das Screening 47 Frauen vor dem Tod bewahrt.

Um einen Brustkrebs-Todesfall zu verhindern, müssten 2500 Frauen zehn Jahre lang am Screening teilnehmen, berechnete die Gruppe aus norwegischen, schwedischen und US-amerikanischen Forschern. Zwischen 2470 und 2474 der Frauen würden beim Screening nie die Diagnose Brustkrebs erhalten. 30 bis 36 bekämen eine Tumordiagnose, wobei der Brustkrebs bei sechs bis zehn Frauen überdiagnostiziert würde, so dass die Betroffenen ein unnötige Therapie erhielten.

Die deutlich höhere Zahl an Frauen, die bei der Mammografie einen auffälligen Befund erhält, der sich aber in späteren Untersuchungen nicht bestätigt, ist hier nicht eingeflossen - als überdiagnostiziert gelten nur Patientinnen mit einem bestätigten Krebsbefund.

"Mammografie ist möglicherweise nicht als Screening-Methode für Brustkrebs geeignet, weil es nicht zwischen fortschreitenden und nicht fortschreitenden Tumoren unterscheiden kann", urteilt Mette Kalager. "Radiologen sollen auch die kleinsten Tumore finden und so viele wie möglich, um Brustkrebs zu heilen. Aber die Studie fügt sich in eine Reihe von Hinweisen, dass diese Methode für die Frauen problematisch ist - weil Brustkrebs diagnostiziert wird, der nie Probleme ausgelöst hätte oder tödlich gewesen wäre." Die Forscherin fordert, dass Frauen vor der Teilnahme am Screening besser über den möglichen Nutzen und Schaden des Programms aufgeklärt werden.

Zweifel am Mammografie-Screening hatte bereits eine europäische Studie geweckt, für die Forscher Zahlen aus mehreren Staaten verglichen hatten. Demnach sank die Sterblichkeit durch Brustkrebs in vergleichbaren Ländern zur gleichen Zeit - unabhängig davon, wann die Reihenuntersuchung eingeführt wurde. Dass weniger Frauen an Brustkrebs sterben, liege demnach an besseren Therapien, nicht an der Früherkennung.

Eine sogenannte Meta-Analyse, in der Forscher die Daten mehrerer Studien mit insgesamt 600.000 Teilnehmerinnen zusammengefasst haben, endete dagegen mit der Feststellung, dass es schwer zu sagen sei, ob das Screening mehr Nutzen oder mehr Schaden bringe.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.