Riskanter Eingriff: Wann eine Mandel-OP bei Kindern sinnvoll ist

Sie sind wichtig für die Immunabwehr, dennoch plagen entzündete Gaumenmandeln häufig Kinder und Jugendliche. Nicht immer müssen die Organe dann komplett entfernt werden, denn der Eingriff birgt auch gefährliche Risiken. Die wichtigsten Fragen zur Mandel-OP im Überblick.

Gaumenmandeln: Bereiten vielen Kindern Probleme Zur Großansicht
Bertesmann Stiftung/ Dalkowski

Gaumenmandeln: Bereiten vielen Kindern Probleme

Die Entfernung der Gaumenmandeln ist eine der häufigsten Operationen im Kinder- und Jugendalter. Ob ein Kind seine Mandeln behält oder nicht, hängt allerdings nicht nur von seiner Gesundheit ab, sondern auch von seinem Wohnort: Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung werden Kinder in manchen Regionen Deutschlands achtmal häufiger operiert als in anderen Gebieten.

Bei der Entscheidung für oder gegen einen Eingriff sollten Arzt, Kind und Eltern immer den Nutzen gegen die Gefahren der Operation abwägen. Vor allem Nachblutungen können mitunter lebensbedrohlich sein. Nur wenn der Leidensdruck hoch ist, und das Kind etwa häufig in der Schule fehlt, schlecht schläft oder starke Schmerzen hat, ist eine Operation gerechtfertigt. Die Antwort auf die wichtigsten Fragen im Überblick:

Wann werden die Gaumenmandeln hauptsächlich entfernt?

Schwere Mandel- beziehungsweise Halsentzündungen sind der häufigste Grund für eine Entfernung der Gaumenmandeln. Viele Mediziner orientieren sich bei der Entscheidung für eine Operation an den sogenannten "Paradise-Kriterien". Demnach kann es sinnvoll sein, die Mandeln zu entfernen, wenn jemand in einem Jahr mindestens sieben Halsinfektionen hatte, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren pro Jahr mindestens fünf oder in drei aufeinanderfolgenden Jahren pro Jahr mindestens drei.

"Das Problem ist, dass auch die 'Paradise-Kriterien' nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert sind, weil sie nicht auf klinischen Studien beruhen", sagt Frank Waldfahrer, Oberarzt der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Erlangen. Eine genaue und bindende Anleitung für Ärzte, bei welchen Beschwerden sie operieren müssen, fehlt in Deutschland.

Zumindest für das Jahr nach der Operation gilt der Nutzen des Eingriffs allerdings als belegt, die Zahl der Halsinfektionen geht zurück. Dabei profitieren Kinder mit häufigen und starken Infektionen deutlich mehr als Patienten mit seltenen Entzündungen. Bei leichteren Beschwerden reicht es in der Regel aus, die Entzündungen zu beobachten und mit Antibiotika zu therapieren. Typischerweise verringern sich die Infektionen der oberen Atemwege bei Kindern mit dem Alter - unabhängig davon, ob sie die Mandeln entfernt bekommen haben oder nicht.

Vergrößerte Gaumenmandeln sind der zweithäufigste Grund für eine Mandelentfernung. Auch hier existieren keine objektiven Bewertungskriterien dafür, welche Größe als bedenklich gilt. Es kommt darauf an, welche Beschwerden der Patient hat. Mitunter können die vergrößerten Gaumenmandeln die Atemwege stark verengen. "Die Kinder schnarchen dann wie die Weltmeister und bekommen nicht mehr richtig Luft", sagt Jochen Windfuhr, der als Facharzt für HNO-Heilkunde an den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach arbeitet.

Bei vergrößerten Mandeln ist es allerdings nicht immer notwendig, die kompletten Organe herauszunehmen: Sind sie nur vergrößert, aber nicht entzündet, wird mittlerweile häufig nur ein Teil entfernt und mit einem Laser abgeschnitten. Der Eingriff gilt im Vergleich zur Komplettentfernung als wesentlich sanfter. Da der Laser die Wunde verschließt, ist das Risiko einer Nachblutung gering. Außerdem bleibt die Funktion der Gaumenmandeln erhalten. Allerdings erstattet noch nicht jede Krankenkasse die Kosten der Behandlung.

Was für Risiken und Beschwerden bringt der Eingriff mit sich?

Nach dem Eingriff kann es zu Wundschmerzen und Schluckbeschwerden kommen. Das größte Risiko besteht neben der Vollnarkose allerdings durch Nachblutungen, die prinzipiell zu jedem Zeitpunkt nach der Operation und bei jedem Patienten auftreten und lebensgefährlich werden können. Die Angaben zur Nachblutungsrate schwanken je nach Studie zwischen einem und zehn Prozent - auch, weil der Begriff "Nachblutung" nicht eindeutig definiert ist. Während manche schon bei einer leichten Blutung von einer Nachblutung sprechen, ist bei anderen erst eine Transfusion notwendig.

Aufgrund der Nachblutungen müssen die Kinder nach dem Eingriff noch ein paar Tage (in der Regel fünf) in der Klinik bleiben. Doch auch nach der Entlassung ist das Risiko der Nachblutungen nicht gebannt. Späte Blutungen treten häufig noch zwischen dem fünften und dem achten Tag nach der Operation auf. "Ich sage immer, dass ein vollgetanktes Auto Richtung Klinik bereitstehen sollte", sagt Waldfahrer. "Noch besser ist bei einer Nachblutung, wenn direkt ein Notarzt kommt." Bei Kindern unter vier Jahren sieht Waldfahrer den Eingriff generell kritisch. Da sie weniger Blut besitzen, sind Nachblutungen bei ihnen noch gefährlicher. "Außerdem können Kinder in dem Alter noch keine Mandelkarriere gehabt haben, die den Eingriff rechtfertigt", sagt der Mediziner.

Wie kann ich mich und mein Kind vor einer unnötigen Operation schützen?

Am wichtigsten ist das Gespräch mit dem Arzt. Aufgrund der Risiken sollten die Mandeln nur entfernt werden, wenn der Leidensdruck wirklich groß ist und das Kind etwa häufig in der Schule fehlt oder große Beschwerden beim Atmen hat. Erörtern Sie gemeinsam mit dem Arzt, wie das Krankheitsbild aussieht, was für Alternativen zur Operation es gibt und was für Beschwerden und Risiken der Eingriff mit sich bringt. Falls Sie das Gefühl haben, dass der Arzt nicht auf Sie eingeht und vorschnell urteilt, suchen Sie sich einen anderen Mediziner. Auch sonst kann es hilfreich sein, eine zweite Meinung einzuholen.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Im Zweifel: Je schneller raus, desto besser
TheLurch 08.05.2013
Die enorm hohe Zahl von lebensbedrohlichen Infektionen innerer Organe wie dem Herz hat ihre Ursache leider zu oft in der "kleinen Mandelentzündug", wie es Haus-, aber auch HNO-Ärzte verniedlicht bezeichnen. Spätestens nach der driten Entzündung in 18 Monaten gibt es nur die OP. Wenn man es ernst mit dem Kinderwohl meint.
2. Irgendwie
forumgehts? 08.05.2013
Zitat von sysopSie sind wichtig für die Immunabwehr, dennoch plagen entzündete Gaumenmandeln häufig Kinder und Jugendliche. Nicht immer müssen die Organe dann komplett entfernt werden, denn der Eingriff birgt auch gefährliche Risiken. Die wichtigsten Fragen zur Mandel-OP im Überblick. Mandelentfernungen: Wann eine Mandel-OP bei Kindern sinnvoll ist - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/mandelentfernungen-wann-eine-mandel-op-bei-kindern-sinnvoll-ist-a-898516.html)
muss man ja die Zeit bis zur Hüft- und Knieoperation überbrücken - und die Organspenden sind ja auch noch zurückgegangen! Wovon soll man denn da leben?
3. Keine Veränderung
deklemens 08.05.2013
Vor ca. 50 Jahren wurde ich, während ich wegen Scharlach im Krankenhaus lag, an meinen Mandeln operiert. Sie waren scheinbar auch zu gross. Heute glaube ich, dass ich und viele andere zu Unrecht operiert wurden und werden. Meine Meinung ist, alles muss kritisch hinterfragt werden.
4. stimmt schon..
Fusselkopf 08.05.2013
Meine Mandeln waren in einem Jahr mal ca. 10 Mal angeschwollen, wurden nicht rausgenommen und mittlerweile geht es auch alles wieder.. Die Gefahr ist aber auch, dass manche Ärzte bei einer Mandelentzündung sofort Antibiotikum verschreiben.
5. Raus mit den Mandeln!
hansulrich47 08.05.2013
Meine Erfahrung: Selbst mit ü 30 war es sinnvoll diese Dinger zu entfernen. Nach drei bis sechs Halsentzündungen im Alter zwischen 20 und 30 jeden Herbst/Winter hat die OP dazu geführt, dass ich weder Halsentzündung noch Grippe habe! Seit Jahren!
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