Masern in Deutschland Gesundheitsminister Gröhe droht mit Impfzwang

Mehr als 1000 Menschen haben sich seit Oktober in Berlin mit Masern infiziert. Nun droht die Bundesregierung mit einer Impfpflicht - und lässt sich offenbar von Australien inspirieren. Dort greift man zu finanziellen Druckmitteln.

Impfbuch: Seit Oktober mehr als 1000 Masernfälle in Berlin
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Impfbuch: Seit Oktober mehr als 1000 Masernfälle in Berlin


Lasst ihr euch nicht impfen, so brauch' ich Gewalt - so oder so ähnlich könnte man die jüngsten Vorstöße von Politikern in Sachen Masern-Impfschutz beschreiben. Gesundheitsminister Hermann Gröhe droht angesichts der nach wie vor hohen Anzahl an Masern-Erkrankungen mit einem Impfzwang. In Australien sollen Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, Sozialleistungen gestrichen werden.

Nicht zu impfen sei verantwortungslos, sagte Gröhe der Deutschen Presse-Agentur und dem NDR. "Wir müssen auch der Panikmache einiger Impfgegner entgegentreten." Der CDU-Politiker erläuterte: "Wer ohne medizinische Notwendigkeit seinem Kind den Impfschutz verweigert, schadet nicht nur diesem Kind, sondern auch Kindern, die zum Beispiel zu klein sind, um geimpft zu werden, oder Kindern, die tatsächlich aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können."

In Deutschland wird die Durchimpfungsrate von 95 Prozent, die eine Ausbreitung der Masern verhindern würde, in vielen Regionen nicht erreicht. Um die Impfquote zu steigern, will die Regierung ein Präventionsgesetz erarbeiten, in dem unter anderem die Beratung vor dem Besuch einer Kindertagesstätte (Kita) verpflichtend festgelegt werden soll. Auch solle bei jeder Jugend- oder Erwachsenenuntersuchung der Impfstatus abgefragt werden.

Welche Konsequenzen bei einer Impfverweigerung zu ziehen seien, müsse auch mit den Ländern erörtert werden, damit diese auch Regelungen in ihren Kindergartengesetzen umsetzen könnten, sagte Gröhe. "Wir werden diese Fragen sorgfältig, aber konsequent im Rahmen der jetzt anstehenden parlamentarischen Beratungen zum Präventionsgesetz debattieren und dann entscheiden."

Mehr als 1000 Masern-Fälle in Berlin

In Berlin infizieren sich derzeit besonders viele Menschen mit Masern, vor allem Jugendliche und Erwachsene. Seit Oktober wurden dort mehr als 1000 Fälle gemeldet. Den Behörden zufolge wurden mindestens 330 Kinder zeitweilig von Kitas und Schulen ausgeschlossen. Mindestens 80 Fälle wurden außerdem in Thüringen registriert, hier insbesondere in Erfurt, 75 in Bayern.

In Bayern stieß Gröhes Impfpflicht-Vorstoß bereits auf Zustimmung. Das Land setze zwar vor allem auf Beratung und Aufklärung, um die Menschen zur Impfung zu bewegen, sagte Landesgesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). "Falls dies aber nicht ausreicht, darf die Möglichkeit einer Impfpflicht bei Masern nicht ausgeschlossen werden. Denn es geht auch um das Wohl der Allgemeinheit."

Drastische Maßnahmen in Australien

Auch Australien geht zunehmend hart gegen Impfverweigerer vor. Die Regierung hat bekannt gegeben, Eltern Steuervergünstigungen und Hilfen zur Kindesbetreuung zu streichen, die ihre Kinder nicht impfen lassen. Bisher konnten Familien, die ihre Kinder nicht impfen ließen, dennoch Kindergeld bekommen, wenn es religiöse oder philosophische Gründe für die Impfverweigerung gab.

Laut "Sydney Morning Herald" reichten Eltern Zehntausender Kinder solche Einwände ein, aus persönlichen, philosophischen, religiösen oder medizinischen Gründen. Von 2016 an solle es deshalb nur noch eine geringe Anzahl von religiösen oder medizinischen Ausnahmen geben, die einen Impfverzicht rechtfertigten.

Auch in Australien haben Ausbrüche von Masern, Keuchhusten und anderer vermeidbarer Erkrankungen eine Impfdebatte entfacht.

jme/dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 417 Beiträge
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herzblutdemokrat 12.04.2015
1. Wunderbar
Bitte einführen. Gegen renitente Impfverweigerer hilft nur Zwang. Am besten auch den Kitaplatz blockieren. An vermeidbaren Krankheiten wie Masern darf kein Kind mehr sterben.
rakatak 12.04.2015
2. Warum ...
Warum gibt es mit einemal soviele Infektionen wie seit Jahren nicht mehr? Eigentlich sollte dieses Jahr das Jahr sein, in dem die Masern ausgerottet sein sollten in Deutschland. Die Antwort liegt in Rumänien und Bulgarien ...
miruwa 12.04.2015
3. Endlich
Für die Eltern all der Kinder die (noch) nicht geimpft werden konnten und nun mit Spätschäden oder auch garnicht mehr leben dürfen, wird dieser späte Vorstoss wie purer Hohn sein. Ich hoffe inständig, dass dieser Esotherikspuk bald vorbei ist. MMS war ein Anfang, Impfzwang wäre eine gute Fortsetzung.
alexanderschulze 12.04.2015
4. Absolut nachvollziehbar
Das Nicht-Impfen von Kindern ist im Wortsinn asozial. Wer das nicht einsieht, muss eben zahlen. Das ist dann persönliches Pech.
der_durden 12.04.2015
5.
Wenn die Aufklärung nicht ausricht, soll die Impfpflicht gerne kommen. Ich sehe es nämlich nicht ein, warum die Gesellschaft den Egoismus einzelner mittragen soll, wenn diese Einstellung zur Gefährdung Dritter führt. Wer nicht impfen möchte, muss eben auf Einrichtungen wie Kitas, Schulen etc. verzichten, da es aber eine Schulpflicht gibt, muss geimpft werden.
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