Masernimpfung Was Deutschland von Tansania lernen kann

Weltweit wünschen sich Eltern gesunde Kinder. Dabei treffen sie vor allem beim Thema Impfungen ganz unterschiedliche Entscheidungen, wie der Vergleich von Deutschland und Tansania zeigt.

Josephin Mosch

Von Josephin Mosch


Das Baby muss zur dritten Vorsorgeuntersuchung. Stefanie F. bringt ihren vier Wochen alten Sohn zu Hansjörg Melcher. Die U3 ist für den Kinderarzt oft der erste Kontakt mit Baby und Eltern, denn die ersten beiden Vorsorgeuntersuchungen finden häufig noch in der Klinik statt. Er muss jetzt auch über das Impfen sprechen. In seiner Praxis bei Frankfurt informiert Melcher über das Impfschema, das die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt.

Stefanie F. kommen erste Bedenken. "Ich weiß nicht, ob das alles sein muss", sagt sie. Sie habe so viel Widersprüchliches gelesen. Impfungen seien ein Segen, sagen die einen, die Spritzen schadeten dem Immunsystem, meinen die anderen. "Welche Sorgen haben Sie denn konkret?", erkundigt sich der Arzt. Das weiß sie allerdings auch nicht so genau. Ähnlich wie die junge Mutter sieht etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland Impfungen skeptisch.

Gut 6500 Kilometer weiter südöstlich hört man solche Gespräche kaum. In einem kleinen Dorf in der Nähe von Arusha im Nordwesten von Tansania ist Impfen für Charles Mwene Alltag. An der Wand der kleinen Gesundheitsstation hängt eine Tafel mit dem Impfschema von Tansania. Daran erklärt Gesundheitshelfer Mwene den Müttern, welche Impfungen bei ihren Kindern anstehen und wann sie zur nächsten Impfung wiederkommen sollen.

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Masernimpfung: Keine Spur von Skepsis in Tansania

Skepsis? Keine Spur. Das hat einen Grund: Noch in den Siebzigerjahren starben hier viele Kinder an Masern, weil Impfungen entweder noch nicht überall verfügbar waren oder als unnütz galten. Die Aufklärungsarbeit der Regierung und des Kinderhilfswerks Unicef war mühsam. Als immer mehr geimpfte Kinder von der Krankheit verschont blieben, erkannten die Menschen, dass die Spritzen tatsächlich Leben retten.

Die geimpften Kinder überlebten

Das hat auch Patrick Patten beobachtet. Der Amerikaner leitet seit über 30 Jahren in Arusha die Organisation Flying Medical Service, deren Piloten in entlegene Gebiete fliegen, um Dörfer der traditionellen Volksgruppe der Massai medizinisch zu versorgen. "Alle wollten, dass das Flugzeug kommt", erzählt Patten, aber in vielen Fällen habe es keine Landebahn gegeben.

In den Achtzigerjahren gab es in einem Jahr eine schlimme Dürre, auf die eine Masernepidemie folgte. Eine ganze Generation von Kindern starb. "Außer in den Dörfern, in denen wir angefangen hatten zu impfen", sagt Patten. "Diese Kinder starben nicht."

In Deutschland ist die Zahl der Masern-Fälle bereits seit der Einführung der Impfung Anfang der Siebzigerjahre erheblich zurückgegangen. Mittlerweile haben die wenigsten der jüngeren Erwachsenen die Krankheit durchgemacht oder gesehen. Für viele ist die Bedrohung daher abstrakt. Impfnebenwirkungen erscheinen - obwohl sie nur gelegentlich auftreten - deutlich gefährlicher als die tatsächlich mitunter lebensbedrohlich verlaufenden Infektionskrankheiten, vor denen die Impfstoffe schützen: Die Risikowahrnehmung ist verzerrt.

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Verhext oder infiziert?

In Tansania ist die Angst vor Infektionskrankheiten allgegenwärtig. Auch bei Catissima William. Die 54-Jährige arbeitet als Köchin in der Mission von Flying Medical Service und versorgt die Mannschaft von Patrick Patten, wenn sie sich nach getaner Arbeit in der großen Küche der Gemeinschaftsunterkunft versammelt. "Wir haben eine Frau in der Nachbarschaft, die ihre Kinder nie zum Impfen gebracht hat", erzählt die fünffache Mutter. "Drei ihrer Kinder sind an Masern gestorben. Sie hat einfach nicht geglaubt, dass es die Masern sind, sie glaubte, ihre Kinder seien verhext."

Schließlich hat die Frau ihre anderen drei Kinder doch impfen lassen. Sie sind noch am Leben. "Mittlerweile weiß sie, wie wichtig es ist zu impfen", sagt Catissima. Für sie sind Impfungen selbstverständlich. Aus dem Gedächtnis zählt sie die Krankheiten auf, gegen die sie ihre Kinder hat immunisieren lassen. Sie erinnert sich genau, in welchem Monat welche Impfung an der Reihe war.

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"Bei uns hier sieht man immer noch Kinder, die behindert sind wegen der Kinderlähmung", erzählt sie. "Wenn man dann fragt, warum sie die bekommen haben, sagen die Eltern: Wir haben unser Kind damals nicht impfen lassen."

Patrick Patten hat in Tansania oft erlebt, wie Kinder an Infektionskrankheiten sterben. "Wer mitbekommt, wie ein Baby mit Keuchhusten qualvoll nach Luft ringt und schließlich einen Erstickungstod stirbt, wer erlebt, wie ein Kind im Rahmen einer Maserninfektion an einer Hirnentzündung erkrankt, der zögert nicht lange mit der Spritze," sagt Patten.

Wissenschaftliche Beweise reichen hierzulande nicht

Die Situation ist absurd: Tansania ist ein Entwicklungsland mit vielen Problemen - aber einer hohen Impfbereitschaft. Deutschland hat im Vergleich dazu ein hochmodernes Gesundheitssystem, doch zu viele Menschen entscheiden sich gegen eine Impfung. Zwischen Rostock und München stellen die Masern daher nach wie vor eine ernst zu nehmende Bedrohung dar.



Allein im Jahr 2015 erkrankten nach Angaben des Robert Koch-Instituts knapp 2500 Menschen an Masern, 2017 waren es 929 registrierte Fälle. In Einzelfällen endet die Infektion tödlich. Selbst im medizinisch hochentwickelten Deutschland kann die Krankheit nicht immer geheilt werden. Weltweit sterben jeden Tag etwa 400 Kinder an Masern.

Wie verlässlich sind offizielle Impfquoten?

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation hat Tansania für die erste Masernimpfung eine Impfquote von 99 Prozent. Das ist besser als in Deutschland. Die Daten beruhen allerdings auf Hochrechnungen der Bevölkerungszahlen einer Volkszählung von 2012, denn nur etwa 30 bis 40 Prozent der Kinder werden in Gesundheitseinrichtungen geboren. Der Rest wird nicht zwangsläufig registriert. Wie viele Menschen überhaupt in Tansania leben, ist unklar. Diese Unsicherheit über die zu impfende Zielbevölkerung hat auch Auswirkungen auf die Impfprogramme.

Auch in Deutschland ist nicht klar, wie viele Menschen eigentlich gegen Masern geimpft sind. Die Daten der Impfquoten in Deutschland stammen aus den Schuleingangsuntersuchungen der Gesundheitsämter, bei der Kinder- und Jugendärzte die Impfpässe kontrollieren. Demnach sind etwa 97 Prozent der fünf- bis sechsjährigen Kinder einmal gegen Masern geimpft. Die nötige zweite Impfung haben nur 93 Prozent erhalten.

Allerdings bringen etwa sieben bis acht Prozent der Kinder, die zur Schuleingangsuntersuchung kommen, gar keinen Impfpass mit. "Bei ihnen kann man davon ausgehen, dass der Impfschutz schlechter ist, weil nicht einmal die Impfunterlagen vorliegen", sagt Sabine Wicker, Mitglied der Ständigen Impfkommission. Bei der Auswertung werden diese sieben bis acht Prozent aber nicht berücksichtigt.

Die zweite Impfung haben nur 93 Prozent jener Kinder erhalten, die überhaupt einen Impfpass vorlegen konnten. Der tatsächliche Prozentsatz der zweiten Impfung liegt wahrscheinlich deutlich darunter - im schlechtesten Fall bei schätzungsweise nur 86 Prozent.

Impfen ist in Deutschland ein hochemotionales Thema. Manche Eltern befürchten, bevormundet zu werden und sich nicht mehr frei entscheiden zu können. Die Tatsache, dass der Nutzen der Masernimpfung eindeutig bewiesen ist, reicht hierzulande nicht aus, um eine Impfquote zu erreichen, die eine Ausbreitung des Erregers verhindern könnte. Das gefährdet insbesondere Neugeborene, die noch zu jung sind, um geimpft zu werden und manche chronisch Kranke, die nicht geimpft werden können.

Dass Menschen in Europa ihre Kinder nicht impfen lassen, will Catissima nicht in den Kopf. Sie ist eine einfache Frau, hat keine umfassende Schulbildung. Ihr Englisch hat sich die Köchin selbst mit einem Kochbuch beigebracht.

Aber sie hat eine Idee, wie sich die Situation in Deutschland verbessern könnte: eine Abschreckungskampagne - ähnlich den Schockbildern auf den Zigarettenschachteln. Statt Raucherlunge zeigt sie ein fieberndes Kind mit Ausschlag. "Dann können die Leute überlegen, welche Entscheidung wohl die richtige ist."

Ob so etwas Menschen wie Stefanie F.* überzeugen würde, ist fraglich. Dass es hierzulande aber einer neuen Strategie bedarf, um bessere Impfquoten zu erreichen, steht außer Frage.



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Seite 1
lachina 29.01.2018
1. In tropischen armen Ländern....
ist Impfen nicht umstritten, denn da geht es an die Substanz, da steht kein Hightech-Krankenhaus mit Gratis-Ärzten zur Verfügung, dass das ungeimpfte Kind mal eben wieder mit schnöder Schulmedizin gesund macht - da STIRBT das Kind eventuell an einer Erkrankung, die man hätte vorbeugen können, zumal es ja auch noch tropische Krankheiten gibt, die man nicht vorbeugen kann , wie Dengue. Und es gibt kein Sozialsystem - Prophylaxe und Gesunderhaltung sind buchstäblich überlebenswichtig . Solange wir hier Netz und doppelten Boden haben ( gottseidank, niemand wünscht sich hoffentlich ernsthaft diese anderen Zustände zurück) wird es auch Menschen geben, die andere Entscheidungen treffen.
Newspeak 29.01.2018
2. ...
Die Impfverweigerung von Eltern ist ein allgemeingesellschaftliches Problem. Diese Menschen riskieren das Leben ihrer Kinder und das der Kinder von anderen Eltern und das von Erwachsenen, die die Krankheit entweder nicht durchgemacht haben oder ueber ein anfaelliges Immunsystem verfuegen. Wieso man unter diesem Gesichtspunkt nicht endlich eine Impfpflicht einfuehrt, erschliesst sich mir nicht. Es gibt eine Gurtpflicht, es gibt eine Schulpflicht, es gibt tausend Verordnungen des Staates, die viel weniger wichtige Dinge regeln und dabei in das Persoenlichkeitsrecht von Irgendjemandem eingreifen, aber bei einer Sache, die Leben rettet, da kann jeder nach Gusto entscheiden, und das auch noch fuer andere Menschen gleich mit. Haette es frueher keine Impfpflicht gegeben, waeren Pocken, Diphterie und Polio wahrscheinlich auch noch weit verbreitet.
Nania 29.01.2018
3.
Zitat von lachinaist Impfen nicht umstritten, denn da geht es an die Substanz, da steht kein Hightech-Krankenhaus mit Gratis-Ärzten zur Verfügung, dass das ungeimpfte Kind mal eben wieder mit schnöder Schulmedizin gesund macht - da STIRBT das Kind eventuell an einer Erkrankung, die man hätte vorbeugen können, zumal es ja auch noch tropische Krankheiten gibt, die man nicht vorbeugen kann , wie Dengue. Und es gibt kein Sozialsystem - Prophylaxe und Gesunderhaltung sind buchstäblich überlebenswichtig . Solange wir hier Netz und doppelten Boden haben ( gottseidank, niemand wünscht sich hoffentlich ernsthaft diese anderen Zustände zurück) wird es auch Menschen geben, die andere Entscheidungen treffen.
Das Problem sehe ich darin, dass vielen Impfgegnern und Impfkritikern nicht klar ist, dass es zwar in Deutschland eine bessere medizinische Versorgung gibt als in Tansania (um bei dem Beispiel zu bleiben), aber es ihnen nicht klar ist, dass trotzdem Kinder sterben können, Kinder an Polio erkranken und nicht geheilt werden können, Kinder an den Spätfolgen von Masern sterben oder sogar am Virus selbst. Den Eltern ist nicht klar, dass sie durch das Nichtimpfen nicht nur die eigenen Kindern ernsthaft gefährden, sondern auch die Menschen, die nicht geimpft werden können, weil sie zu jung oder zu krank sind, weil sie tatsächlich auf Impfstoffe allergisch reagieren oder einen Immundefekt haben. Ich bezeichnen Impfgegener und Impfkritiker (und zwar nicht solche, die die Grippeimpfung ablehnen, sondern solche, die sofort bei einem Ruf nach Impfflicht aufheulen, weil man ja nicht weiß, welche Folgen möglicherweise der gut erforschte Maserimpfstoff in 100 Jahren haben kann) daher gerne als Menschen, die nicht weit genug denken wollen.
wiese 29.01.2018
4. Bildmaterial und Dokumente
Geeignetes Bildmaterial, um zu veranschaulichen wie schlecht es Kindern (meist den eigenen) gehen kann, wenn sie nicht geimpft werden, gibt es in einer Vielzahl von entsprechenden Fachbüchern im Gesundheitsbereich. Viele Jahre hat man darum gerungen, dass man impfen konnte, da Kinder durch die Erkrankungen (z. B. Pocken) qualvoll starben oder ihr Leben lang entstellt, gelähmt oder anderweitig behindert waren.
fatherted98 29.01.2018
5. Nutzlos...
....mit Impfgegnern zu diskutieren.....es bringt einfach nix. Habe selbst so jemanden im Kollegenkreis....Dipl. Ing. ....trotzdem von Hause aus Impfgegner....drei Kinder...keines wurde je geimpft. Masernparties....klar doch....was will man da noch sagen. Natürlich auch gleichzeitig überzeugter Homöopath. Seine Kids sind jetzt alle im fortpflanzungsfähigen Alter...mal sehen ob man dann, wenn schwanger, bei einer Rötelnerkrankung immer noch so "dagegen" ist....aber das Ergebnis ist dann halt "Gottgewollt".
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