Diskussionen über das Gesundheitssystem leiden an der Komplexität des Themas. Das Durcheinander von Patienten, Ärzten, Krankenhäusern, Versicherungen, Krankenkassen, Pharmafirmen, Zubehörherstellern und der Politik verleitet dazu, sich unabhängig von der Ausgangsfrage nach kurzer Zeit darauf zu einigen, dass das System unübersichtlich, mutmaßlich unreformierbar und, eben, zu komplex sei - mithin unrettbar verloren.
Die Runde bei Maybrit Illner war kurz davor, die Komplexität zu ignorieren und zu einem, wenn nicht dem Kernproblem durchzudringen, das für viele Behandlungsfehler in deutschen Kliniken verantwortlich sein dürfte: die Fehlerkultur. Denn eigentlich sollte es um die Frage gehen, wie man Behandlungsfehler vermeiden könnte.
Letztlich verhinderte die Sprunghaftigkeit der Runde diese Diskussion. Für Ärzte, Juristen und Gesundheitsökonomen war die Runde recht unterhaltsam, der Rest der Zuschauer dürfte verwirrt gewesen sein: Es ging munter hin und her zwischen Patientenschicksalen, Schadenszahlen, dem Fallpauschalensystem, daraus resultierenden Bonusverträgen für Ärzte, dem geplanten Patientenrechtegesetz, dem irgendwie auch damit zusammenhängenden CE-Siegel, bis hin zum Fall eines niederländischen Arztes, der trotz lange verlorener Zulassung in Deutschland praktiziert hat.
Dabei waren die Gäste auf der richtigen Spur: Immer wieder streifte die Diskussion die Frage der archaischen Strukturen deutscher Krankenhäuser und der dort herrschenden - oder besser: nicht herrschenden - Fehlerkultur.
Allmächtige Chefärzte erhöhen das Risiko von Fehlern
Die deutsche Paralympics-Goldmedaillengewinnerin Birgit Kober erzählte nicht nur, wie sie wegen eines Behandlungsfehlers im Rollstuhl gelandet war, sondern auch, wie die Klinik damit umging: Mauern, Verweigerung, Sprachlosigkeit. Ähnliches berichtete die Anwältin Anja Prinzt, die nach einem Schilddrüseneingriff die Sprache verloren hatte und bis heute unter den Folgen leidet. Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery war sich mit dem jungen Allgemeinmediziner Paul Brandenburg, CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn und der Rechtsanwältin und Ärztin Britta Konradt einig, dass ein auf den allmächtigen Chefarzt ausgerichtetes Kliniksystem das Risiko für Fehler erhöhen kann.
Dieses Thema hätte es verdient gehabt, eine volle Stunde lang diskutiert zu werden. Doch die technischen Details stehen der viel grundsätzlicheren Auseinandersetzung über die Unkultur in der deutschen Ärzteschaft zuverlässig im Weg. Es ist einfacher, sich gegenseitig vorzuwerfen, das Fallpauschalensystem sei schuld an den Bonusverträgen für Operateure und damit auch für steigende OP-Zahlen verantwortlich.
Der unvermeidliche Verweis auf die Luftfahrt
Allgemeinmediziner Brandenburg hat eine Karriere als Chirurg abgebrochen, weil er das Kliniksystem nicht mehr ertragen konnte. Er wies mehrfach darauf hin, dass am von Abhängigkeiten und Ängsten geprägten Arbeitsplatz Krankenhaus allein dadurch Fehler passieren, weil sich niemand traut, auf offensichtliche Missstände hinzuweisen. Ärztekammerchef Montgomery warb zwar tapfer für mittlerweile in vielen Kliniken praktizierte Fehlermanagementsysteme - die sind allerdings in der Realität von dem, was in anderen Ländern oder gar anderen Branchen üblich ist, weit entfernt.
Irgendwann kam von Jens Spahn der unvermeidliche Verweis auf die Luftfahrt, auf die die Medizin sich gerne beruft, selbst wenn sie deren Fehlerkultur noch nicht einmal in Ansätzen auf die eigene Branche zu übertragen schafft: In vielen Kliniken ist es nach wie vor unvorstellbar, dass ein Assistenzarzt seinen Oberarzt analog der Situation in einem Cockpit damit konfrontiert, dass er eine Entscheidung seines Vorgesetzten für falsch hält - und dass der Oberarzt diesen Einwand dann auch noch ernst nimmt.
Und genau hierum hätte sich eine spannende Diskussion entwickeln können, wenn man nicht noch über OP-Zahlen, Medizinprodukte und niederländische Berufsbetrüger hätte reden müssen.
Um die Frage nämlich, wie es eigentlich sein kann, dass eine hochtechnisierte Industrie von grundsätzlicher gesellschaftlicher Bedeutung es seit Jahrzehnten schafft, sich Innovationen zu verweigern: Wieso können Chefärzte gerade in der Chirurgie die ihnen zur Ausbildung anvertrauten Assistenzärzte nach wie vor weitgehend wie Leibeigene behandeln? Wer in diesem System auf Missstände aufmerksam macht, kann schnell kaltgestellt werden - dann dauert es ein paar Jahre länger bis zum Facharzt. Wieso sind in anderen Branchen übliche Sicherheitssysteme von der Einfachheit und Effizienz einer Checkliste (Luftfahrt!) bis heute keine Selbstverständlichkeit in Krankenhäusern? Wieso regiert bei Behandlungsfehlern im Umgang mit den sonst als vermeintliche Kunden umworbenen Patienten nach wie vor das antiquierte paternalistische Verständnis einer Arzt-Patienten-Beziehung, in dem der allwissende Arzt dem ungebildeten Laien keine Rechenschaft schulden muss?
Dass es auch und gerade den betroffenen Patienten genau um dieses Thema der Kultur in deutschen Krankenhäusern geht, wurde am Schluss der Sendung deutlich. Mit nahezu identischen Worten schilderten sowohl Birgit Kober als auch Anja Prinzt, was sie als besonders schlimm erlebt hatten: Nicht, dass Fehler gemacht worden waren - Fehler passieren. Sondern der Umgang mit ihnen, die Sprachlosigkeit. Eben die Kultur, die der deutschen Medizin schrecklich fehlt.
Dem Autor auf Twitter folgen:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Gesundheit | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH