Krankenkassenreport Ärzte verordnen zu oft unnötig teure Medikamente

Wenn Ärzte die Wahl haben, verschreiben sie von zwei gleich wirksamen Medikamenten häufig das teurere. Die Bundesregierung müsse handeln, fordern die Autoren einer neuen Studie.

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Arzneimittel: Günstige Mittel wirken häufig so gut wie teure
Corbis

Arzneimittel: Günstige Mittel wirken häufig so gut wie teure


Zwei Medikamente haben die gleiche Wirkung, nur ist das eine viel teurer als das andere. Welches sollte der Arzt verschreiben? Die Antwort auf diese Frage ist schwerer, als sie scheint. Das zeigt der aktuelle Arzneimittelreport der Barmer GEK. Ärzte verschreiben demnach mitunter neuere, teure Mittel, statt auf etablierte, genauso gute Medikamente zu setzen, deren Patentschutz abgelaufen ist.

Für den Bericht, der heute in Berlin vorgestellt wurde, werteten die Autoren um Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen die Daten der rund neun Millionen Versicherten der Krankenkasse aus. Insgesamt 4,2 Milliarden Euro gab die Barmer GEK 2013 für Arzneimittel aus. Pro männlichem Versicherten beliefen sich die Kosten auf 441 Euro; pro weiblicher Versicherter durch ein etwas höheres Durchschnittsalter auf 467 Euro.

Mehr als 200 Millionen Euro Einsparpotenzial

Ein großes Problem sehen die Autoren des Berichts in sogenannten Me-too-Medikamenten - Mitteln, die neu auf den Markt kommen, aber die Versorgung der Patienten im Vergleich zu gängigen Medikamenten nicht verbessern. Da die Unternehmen die Moleküle der Wirkstoffe leicht verändern, erhalten die Mittel trotzdem Patentschutz.

Rund elf Prozent der Ausgaben der Barmer GEK flossen 2013 in die Finanzierung solcher Me-too-Medikamente, kritisiert der Bericht. Würden diese teuren Mittel durch bewährte Generika ersetzt, ließen sich allein bei der Barmer GEK rund 50 Prozent dieser Ausgaben - etwa 220 bis 250 Millionen Euro - einsparen. Bei zwei von drei Verpackungen, die Apotheker im Jahr 2013 an Versicherte der Barmer Krankenkasse aushändigten, handelt es sich hingegen um Generika - also günstige Nachahmerpräparate von Wirkstoffen, deren Patent ausgelaufen war.

Eigentlich sollte das 2011 in Kraft getretene Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, kurz Amnog, unnötige Ausgaben für Me-too-Medikamente deutlich senken. Seitdem müssen Pharmafirmen den Zusatznutzen neu eingeführter Medikamente nachweisen, um hohe Preise fordern zu dürfen. Laut einer ersten Bilanz des höchsten Gremiums des Gesundheitswesens, des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), bringt tatsächlich nur jedes fünfte der neuen Medikamente im Vergleich zu etablierten Mitteln wesentliche Vorteile für den Patienten.

Das System birgt jedoch ein entscheidendes Problem: Bei der Einführung des Amnogs war geplant, auch Mittel neu zu bewerten, die vor dem 1. Januar 2011 eingeführt wurden und noch dem Patentschutz unterliegen. Diese Regelung wurde mit dem Koalitionsvertrag der neuen Regierung abgeschafft - damit gehen laut dem Report der Barmer GEK enorme Einsparpotenziale verloren.

Teures Epilepsie-Medikament

Als ein Beispiel nennen die Autoren den Wirkstoff Pregabalin, der unter anderem bei Epilepsie eingesetzt wird und für den die Krankenkasse 2012 mehr als 41 Millionen Euro ausgab. Das Medikament steht auf der Liste der 30 teuersten Präparate für die Krankenkasse auf dem sechsten Platz - obwohl Studien laut Report den Vorteil des Mittels nicht eindeutig belegen konnten. Bereits 2007 habe die Kassenärztliche Bundesvereinigung gefordert, Effektivität und Effizienz des Mittels zu überprüfen.

Während eine Tagesdosis Pregabalin bei 4,29 Euro liegt, kostet die des ähnlichen Lamotrigin laut Report nur 73 Cent, die von Gabapentin 1,65 Euro. Ähnlich sei die Situation unter anderem bei Cholesterinsenkern mit der Wirkstoffkombination Simvastatin und Ezetimib (Platz 19 auf der Barmer-Kostenliste, Ausgaben von mehr als 20 Millionen Euro) sowie Schmerzmittel mit einer Kombination aus Oxycodon und Naloxon (Platz 21 auf der Barmer-Kostenliste, Ausgaben von knapp 20 Millionen Euro).

Die Kritik der Barmer GEK, die auch ein finanzielles Interesse an der Neubewertung der Medikamente hat, deckt sich mit dem Standpunkt der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). Diese hatte die Bundesregierung scharf für ihre Pläne kritisiert, die Überprüfung des Bestandsmarkts zu stoppen.

Josef Hecken, Chef des G-BA, verteidigte hingegen seinen Entschluss, keine Bestandsmarktbewertung durchzuführen, im Januar in einem SPIEGEL-Interview mit Pragmatismus. Es habe sich angedeutet, dass Pharmafirmen unter Umständen gegen den G-BA klagen könnten, wenn einer ihrer Blockbuster bei der Überprüfung schlecht abschneide, sagte er im SPIEGEL-Interview. "Meine Rechtsabteilung wäre jahrelang mit Prozessen beschäftigt. Es gibt Wichtigeres zu tun", so Hecken. Die meisten der Patente seien in fünf Jahren sowieso abgelaufen.

Die Autoren des Barmer-Berichts sehen das freilich anders und fordern mehr Transparenz: Daten wie die ihres Reports sollten genutzt werden, damit "industrieunabhängige Informationen für die Vertragsärztinnen und Vertragsärzte erarbeitet werden, um die Entscheidungssicherheit bei der Patientenversorgung zu verbessern", schreiben sie.

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insgesamt 67 Beiträge
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LDaniel 27.05.2014
1. Mhh
Bei aller berechtigten Kritik an teuren Arzneimitteln... . Man darf nicht vergessen, dass auch die Krankenkassen eine Interessensgruppe und mit Nichten neutral sind... .
orthos 27.05.2014
2. Vielleicht sollte man
statt den Menschen ihre Medikament zu verbieten dafür sorgen, dass sich die Pharmafirmen nicht hemmungslos an den Patenten auf die Wirkstoffe bereichern können! Aber hier ist - mal wieder - das Geld wichtiger als die Gesundheit...
Niederbayer 27.05.2014
3.
Das ist wohl auch ein Kundenbindungsprogramm der Ärzte. Verschreibts Du mir als Patient nicht das was ich will, gehe ich eben zu einem anderen. Da wird so mancher an seine schrumpfende Kartei denken und weich werden.
Niederbayer 27.05.2014
4.
Und warum sollte ein Unternehmen Millionen in die Entwicklung investieren, wenn ich das Resultat nicht mal patentieren darf? Das was da in die Forschung investiert wird muß auch wieder reinkommen. Das kann nicht die Lösung sein.
DieButter 27.05.2014
5. schön einseitig
"[...]bringt tatsächlich nur jedes fünfte der neuen Medikamente im Vergleich zu etablierten Mitteln wesentliche Vorteile für den Patienten." Auch mal an die Nachteile gedacht, die man dem Patienten antut, indem man das billigere Produkt mit den vielen Nebenwirkungen verschreibt?? Hauptsache die Krankenkassen müssen nichts für ihre Patienten zahlen, wer ist aber der Böse - natürlich der Doktor, weil er dem Patienten zu teure Medikamente (wohlgemerkt für die Kassen zu teuer!) antut. Neuerdings sind also die Kassen wieder schützenswert, sind ja vom Staat in letzter Zeit unglaublich geschröpft worden. Ach nicht? Naja, hirnloser Artikel halt.
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