Experten-Interview Diese Medikamente helfen bei Heuschnupfen

Sollten Allergiker Pollen meiden? Welche Medikamente helfen gegen Heuschnupfen und Augenjucken? Allergologe Jörg Kleine-Tebbe erklärt, welche Antihistaminika nicht müde machen und warum viel öfter Kortison eingesetzt werden sollte.

Allergikerin im Grünen: So richtig entgehen kann man dem Pollenflug nicht
Corbis

Allergikerin im Grünen: So richtig entgehen kann man dem Pollenflug nicht


Zur Person
    Jörg Kleine-Tebbe hat zum Thema Allergien habilitiert, ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Allergologie sowie Mitbegründer des Allergie- und Asthma-Zentrums Westend in Berlin-Charlottenburg. Außerdem ist er Autor des Fachbuchs "Allergologie in Klinik und Praxis" (Thieme).
SPIEGEL ONLINE: Sollte man als Pollenallergiker jetzt, in der Hochsaison, nur mit Schutzmaske nach draußen gehen?

Kleine-Tebbe: Leider können wir den Pollen in der warmen Jahreszeit kaum entgehen - selbst Schutzmasken können nicht verhindern, dass die Allergene unsere Schleimhäute erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Am besten wäre es dann, man verließe als Allergiker gar nicht mehr das Haus…

Kleine-Tebbe: Manche Allergiker tun das aus purer Verzweiflung! Ich halte das für keine gute Lösung. Schließlich lassen sich Allergien gut behandeln.

SPIEGEL ONLINE: In der Apotheke gibt es viele Mittel gegen Heuschnupfen - was hilft schnell?

Kleine-Tebbe: Es kommt darauf an, ob es sich um leichte oder schwerere Beschwerden handelt. Bei leichten Symptomen wie gelegentlichem Niesen, Nasenlaufen und Augenjucken helfen Antihistaminika als Augentropfen und Nasenspray. Zum Beispiel mit den Wirkstoffen Azelastin, Ketotifen oder Levocabastin. Sie wirken bei leichteren Beschwerden rasch, können mehrfach am Tag anwendet werden und haben kaum Nebenwirkungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die gängigen, rezeptfrei erhältlichen Antihistamin-Tabletten mit den Wirkstoffen Cetirizin und Loratadin zu bewerten?

Kleine-Tebbe: Bei leichteren bis mittleren Beschwerden sind beides zuverlässige Medikamente. Sie unterliegen keinem Patentschutz mehr und werden von vielen Generika-Herstellern günstig angeboten.

SPIEGEL ONLINE: Antihistaminika stehen aber in dem Ruf, müde zu machen…

Kleine-Tebbe: Der Ruf täuscht. Diese nicht-sedierenden Antihistaminika zählen zur zweiten Generation, die deutlich weniger Nebenwirkungen hat und kaum müde macht. Die Präparate sind nicht vergleichbar mit Vorgängern wie Dimetinden (Fenistil) oder Clemastin (Tavegil). Diese alten Präparate haben in der Behandlung von Allergikern eigentlich nichts mehr zu suchen, werden aber immer noch frei verkäuflich in der Apotheke angeboten. Sie können so müde machen, dass es unter ihrem Einfluss immer wieder zu Verkehrsunfällen gekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Wirkstoff ist besser: Ceterizin oder Loratadin?

Kleine-Tebbe: Beide wirken rasch nach spätestens 2 Stunden und werden meist einmal am Tag angewandt. Ceterizin wirkt etwas stärker, macht aber eher müde.

SPIEGEL ONLINE: Was ist von verschreibungspflichtigen Medikamenten mit dem Wirkstoff Desloratadin zu halten?

Kleine-Tebbe: Es gehört ebenfalls zu den nicht-sedierenden Antihistaminika. Loratadin ist die Vorstufe und wird im Körper zu Desloratadin umgebaut. Der Wirkstoff macht kaum müde, reicht aber vielen Betroffenen nicht aus. In dem Fall würde ich morgens und abends eine Tablette empfehlen. Oder umsteigen auf ein anderes nicht-sedierendes rezeptpflichtiges Antihistaminikum.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ein bisschen unheimlich, das Immunsystem im gesamten Körper durch Antihistaminika zu drosseln?

Kleine-Tebbe: Es wird ja nur die Histaminbindung am sogenannten Histamin-H1-Rezeptoren blockiert. Der entzündliche Botenstoff vermittelt dort Juckreiz in den Augen, in der Nase, verursacht Naselaufen, Niesanfälle und manchmal sogar Gaumen- und Ohrenjucken. Was viele nicht wissen: Antihistaminika gehören zu den sichersten Präparaten, die wir überhaupt kennen in der Medizin. Sie können zum Beispiel bei chronischer Nesselsucht in der vierfachen Tagesdosis angewendet werden! Dann machen sie aber eher müde als bei einer Tablette pro Tag. Andere Nebenwirkungen sind selten.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es nicht sein, dass man das noch gar nicht überblickt? Es gibt ja auch Forscher, die der Meinung sind, Allergien könnten auch positive Effekte haben.

Kleine-Tebbe: Diese Medikamente blockieren ja nur einen kleinen Teil der allergischen Reaktion, nämlich den, der durch Histamin vermittelt wird. Wir kennen diese Histamin-H1-Blocker seit Jahrzehnten und sie werden weltweit millionenfach angewandt. Von daher haben wir einen guten Überblick über die potenziellen Nebenwirkungen.

SPIEGEL ONLINE: Nimmt der Effekt der Tabletten ab, wenn man sie über einen langen Zeitraum nimmt?

Kleine-Tebbe: Nein, ein Gewöhnungseffekt ist bislang nicht bekannt. Allerdings hat ein Umdenken in der Therapie stattgefunden: Wir behandeln heute sehr viel früher mit kortisonhaltigen Nasensprays. Wenn das ausreicht, um die Symptome zu lindern, kann man sich die Tabletten sparen.

SPIEGEL ONLINE: Nun sind Kortisonverbindungen nicht eben eine Wirkstoffgruppe, die man sich gerne verabreicht…

Kleine-Tebbe: Es kommt darauf an wie: Kortison-Depotspritzen ins Gesäß sind zur Allergiebehandlung nicht zu empfehlen, denn sie bügeln für ein paar Wochen die innere Hormonachse platt. Die Nasensprays haben dagegen auch bei dauerhafter Anwendung nicht die gefürchteten Kortison-Nebenwirkungen, weil die Dosis sehr klein ist, sie nur in die Nase gegeben wird und der Wirkstoff nur in minimalen Mengen im Blut auftaucht. Wenige Patienten bekommen davon eine trockene Nase, sonst treten kaum Nebenwirkungen auf. Übrigens führen diese Sprays nicht zu einer Schleimhautschädigung wie durch schleimhautabschwellende Nasensprays, die häufig gegen verstopfte Nase bei einem Erkältungsschnupfen angewandt werden.

SPIEGEL ONLINE: Ab welchen allergischen Symptomen sollte man ein kortisonhaltiges Nasenspray in Betracht ziehen?

Kleine-Tebbe: Bei stärkeren Beschwerden, insbesondere, wenn die Nase nicht nur läuft, sondern zusätzlich verstopft ist, und wenn zum Beispiel rezeptfreie Antihistaminika allein nicht ausreichend geholfen haben. Die Kortisonhaltigen Nasensprays gelten als unbedenklich und sind daher auch bei Kindern ab sechs Jahren zugelassen. Kortison-Nasensprays mit etwas geringerer Dosierung gibt es übrigens auch ohne Rezept - die Apotheker trauen sich nur häufig nicht, sie an Allergiker abzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell wirken die Kortisonsprays?

Kleine-Tebbe: Sie haben nur eine mäßige Sofortwirkung. Der volle Effekt stellt sich erst nach zwei bis drei Tagen ein.

SPIEGEL ONLINE: Ist es besser, Heuschnupfen zu ertragen anstatt sofort Medikamente zu nehmen?

Kleine-Tebbe: Manche Allergiker leiden lieber, statt Medikamente einzunehmen, andere wollen dagegen nur eins: rasche Hilfe. Die Symptombekämpfung mit Antihistaminika kann übrigens einen "Etagenwechsel", den Beginn von Bronchialasthma infolge der Allergie, nicht verhindern. Dagegen hilft nur eine Hyposensibilisierung mit den verursachenden Allergenen.

Das Interview führte Frederik Jötten.

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beegee 05.06.2014
1.
Zitat von sysopCorbisSollten Allergiker Pollen meiden? Welche Medikamente helfen gegen Heuschnupfen und Augenjucken? Allergologe Jörg Kleine-Tebbe erklärt, welche Antihistaminika nicht müde machen und warum viel öfter Kortison eingesetzt werden sollte. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamente-gegen-heuschnupfen-von-antihistaminika-bis-kortison-a-973225.html
Also, bisher haben mich alle Antihistamine müde gemacht. Loratandin oder Ceterizin kann ich schlucken wie Drops, die helfen gar nicht mehr, antiallergisches Nasenspray hilft auch nicht bei mir. Mittlerweile nehme ich - nach einem heftigen Kampf mit meiner gesetzlichen Kasse - Mizolastin, macht müde, hilft aber auch. Denn die Kassen stellen sich zuerst auf den Standpunkt: Loratandin oder Ceterizin sind frei verkäuflich und preiswert, ergo müssen wir nichts teureres verschreiben! Dazu bekomme ich alle paar Monate Cortison-Spritzen, das hilft, damit ich das Jahr überstehe. Bei mir geht es mit den Frühblühern im März los, geht über Gräser und Bäume im Sommer bis in den Oktober mit Ragweed. Dazu noch Hausstaub, Tierhaare etc., das ganze Jahr. Hyposensibilisierung habe ich schon zwei hinter mir: Bei Hausstaub hat es geholfen, bei Frühblühern nicht. Was noch hilft? Antihistamine abends nehmen, dann hat man die Nacht zum müde sein ;-). Vor dem zu Bett gehen kurz abduschen. Eine Nasendusche ist auch hilfreich. Mit beiden Maßnahmen kriegt man Pollen aus den Haren, der Nase und vom Körper.
haltetdendieb 05.06.2014
2. Das einzige was wirklich hilft ist Reactine Duo
Wieso wird dieses Medikament in diesem Beitrag nicht erwähnt. Sprechen Sie doch mal mit Allergikern in akuter Lage. Reactine Duo ist für viele das Medikament. Ceterizin oder Loratadin helfen Null! Reactine Duo wurde leider im Preis mehr als verdoppelt, weil es nur noch kleine Packungen gibt. Ich kann nicht verstehen, dass in solch einer Diskussion das für viele Allergiker wichtigste Mittel fehlt.
Sibylle1969 05.06.2014
3. Bei mir...
... Hilft Cetirizin leider überhaupt nicht. Kortisonhaltiges Nasenspray half super, allerdings habe ich da nach kurzer Zeit ständig so starkes Nasenbluten gehabt, dass ich es absetzen musste. Schade, denn damit hatte ich eine freie Nase. Aber das Nssenbluten als Nebenwirkung war leider noch viel schlimmer.
spezialdm 05.06.2014
4. Reactine=Cetirizin
Zitat von haltetdendiebWieso wird dieses Medikament in diesem Beitrag nicht erwähnt. Sprechen Sie doch mal mit Allergikern in akuter Lage. Reactine Duo ist für viele das Medikament. Ceterizin oder Loratadin helfen Null! Reactine Duo wurde leider im Preis mehr als verdoppelt, weil es nur noch kleine Packungen gibt. Ich kann nicht verstehen, dass in solch einer Diskussion das für viele Allergiker wichtigste Mittel fehlt.
Das klingt jetzt wie schlechte PR. Sie wissen wohl nicht, dass der antiallerigsche Wirkstoff von Reactine ebenfalls Cetirizin Dihydrochlorid ist. Also das was in allen Tablette drin ist die irgendwie Cetirizin im Namen haben.
Klanggenuss 05.06.2014
5. Hypnose
Ich hab seit 32 Jahren Heuschnupfen. Nichts hat geholfen. Keine Desensibilisierung, Medikamente haben spätestens nach 3 Jahren Ihre lindernde Wirkung verloren. Vor drei Jahren hab ich eine Hypnosebehandlung gemacht, seit dem komme ich ganz ohne jede Medikamente aus. 6 Sitzungen á 50,- € waren es, die ich selbst bezahlen musste aber es hat sich gelohnt. Von 2-3 Nießatacken am Tag mal abgesehen, hab ich keine Einschränkungen mehr. An sehr schlimmen Tagen kribbelt es auch mal am Gaumen und die Nase läuft etwas, aber alles auf einem viel geringeren Niveau im Vergleich mit Früher. In den ersten beiden Jahren hab ich mir kurz vor meiner Allergiezeit noch eine Auffrischungshypnose geben lassen, selbst dass war dieses Jahr nicht nötig.
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