Medikamente Was das Haltbarkeitsdatum aussagt

Medikamente sind nicht unbegrenzt verwendbar. Manche Mittel sind nach gewisser Zeit sogar gefährlich. Das Festlegen des Haltbarkeitsdatums ist für Experten eine Gratwanderung zwischen zu sorglos und zu vorsichtig.

Hausapotheke: Im Zweifel Arzneimittel lieber fachgerecht entsorgen
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Hausapotheke: Im Zweifel Arzneimittel lieber fachgerecht entsorgen


Wegwerfen oder doch einnehmen? Die Frage stellt sich, wenn das Haltbarkeitsdatum eines Medikaments überschritten ist. Was tun?

Ist eine Arznei abgelaufen, kann es sein, dass die enthaltenen Wirkstoffe nur noch vermindert wirken, wie der Pharmazeut Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg erklärt. "Darüber hinaus können beim Abbau Stoffe entstehen, die gefährlich sein können."

Zwar gebe es Medikamente, die nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums problemlos weiter verwendet werden könnten. "Aber aus rechtlichen Gründen wird niemand sagen, welche Medikamente man trotz abgelaufener Haltbarkeit noch verwenden kann und welche nicht."

Krebserregendes Abbauprodukt

Ein Beispiel für einen Wirkstoff, der sich auf harmlose Weise zersetzt, ist Acetylsalicylsäure (ASS). Hier bilden sich Essigsäure und Salicylsäure. Letztere ist weiterhin als schwaches Schmerzmittel wirksam. Der Geschmack verschlechtert sich vermutlich, und die Tablette verfärbt sich leicht rostfarben.

Ein gegenteiliges Beispiel: Hydrochlorothiazid, ein entwässernder und dadurch blutdrucksenkender Wirkstoff. Baut sich der Wirkstoff ab, entsteht unter Wasser- oder Feuchtigkeitseinfluss Formaldehyd. Es ist toxisch und krebserregend.

Wie wird das Haltbarkeitsdatum für Medikamente überhaupt ermittelt? "Die Herstellerfirmen prüfen anfangs die Stabilität des jeweiligen Medikaments und der Hilfsstoffe in relativ kurzen Abständen. Dadurch wird erkennbar, ob ein Stoff zuzusetzen ist, der die Haltbarkeit verlängert. Mithilfe von chemischen Überlegungen ist es möglich, auf die Gesamthaltbarkeit zu schließen", sagt Sörgel.

Diese Daten werden an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn oder die Europäische Arzneimittelagentur Ema weitergeleitet. Diese Institutionen legen das endgültige Haltbarkeitsdatum fest.

Mitunter steht explizit im Beipackzettel, dass ein Medikament nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums nicht mehr verwendet werden darf. "Daran sollte man sich halten", rät Pharmazeut Sörgel.

Nach 70 Jahren noch wirksam

Die Haltbarkeit von Medikamenten ist also in gewisser Weise eine Gratwanderung. "Bei manchen Medikamenten wäre es sicher möglich, die Haltbarkeit zu verlängern", sagt Sörgel.

Das haben die zuständigen Behörden in den USA und Europa beispielsweise beim Grippemedikament Tamiflu getan, das für den Fall einer Grippe-Pandemie von Staaten eingelagert wird. Vor einigen Jahren wurde dessen Haltbarkeit von fünf auf sieben Jahre verlängert.

Tatsächlich sind manche Medikamente sehr viel länger haltbar, als man zunächst denkt. Sörgel hat in seinem Labor testen lassen, inwieweit Proben eines im Zweiten Weltkrieg von den US-Streitkräften eingesetzten Antibiotikums, die inzwischen gut 70 Jahre alt sind, noch haltbar sind. "Zu meiner Verblüffung haben alle Tests ergeben, dass das Antibiotikum noch zu 100 Prozent wirksam ist", sagt der Pharmazeut. Offenbar könnten die Krankenkassen - zumindest bei manchen Präparaten - viel Geld sparen.

Andere Mittel verlieren deutlich schneller ihre Wirksamkeit. Salben beispielsweise zerfallen bei längerer Lagerung in ihre Bestandteile. Weil Bakterien darin siedeln können, sollten sie nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums unbedingt entsorgt werden. Wer einem Bakterienbefall aktiv entgegenwirken möchte, kann übrigens die gewünschte Salbenmenge mit dem Spatel statt mit dem Finger abnehmen.

Feuchtigkeit, höhere Temperaturen und in bestimmten Fällen Licht können zudem dazu führen, dass sich ein Wirkstoff schneller zersetzt. Deshalb raten Experten, das Apothekenschränkchen nicht im warmen und oft feuchten Bad, sondern in einem kühlen Teil des Hauses oder der Wohnung aufzuhängen.

Ist ein Medikament eindeutig abgelaufen und will man es nicht mehr einnehmen, kommt es in aller Regel in den Restmüll.

insgesamt 12 Beiträge
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raber 30.06.2014
1. Haltbarkeitsdatum bei Aufbewahrung im Auto-Kofferraum
Wie sieht es denn mit Medikamenten aus, die im Hochsommer von den Ärztebesuchern bei sehr hohen Temperaturen im Kofferraum des Autos aufbewahrt werden? Selbst wenn das Verfallsdatum noch lange nicht eingetreten ist, müssten diese Produkte schnell unwirksam oder schädlich werden. Bei vielen steht als Aufbwahrungstemperatur lediglich 25 Grad Celsius!
Reziprozität 01.07.2014
2.
Zitat von raberWie sieht es denn mit Medikamenten aus, die im Hochsommer von den Ärztebesuchern bei sehr hohen Temperaturen im Kofferraum des Autos aufbewahrt werden? Selbst wenn das Verfallsdatum noch lange nicht eingetreten ist, müssten diese Produkte schnell unwirksam oder schädlich werden. Bei vielen steht als Aufbwahrungstemperatur lediglich 25 Grad Celsius!
Ganz richtig. Mich interessiert zudem auch, wie lange jeweils ein Medikament, speziell Salben, *nach Anbruch der Packung* noch verwendbar ist. Diese Angabe fehlt auf nahezu allen medizinischen Produkten.
hornisse.04 01.07.2014
3. Das Haltbarkeitsdatum bei Aufbewahrung im Auto-Kofferraum
Zitat von raberWie sieht es denn mit Medikamenten aus, die im Hochsommer von den Ärztebesuchern bei sehr hohen Temperaturen im Kofferraum des Autos aufbewahrt werden? Selbst wenn das Verfallsdatum noch lange nicht eingetreten ist, müssten diese Produkte schnell unwirksam oder schädlich werden. Bei vielen steht als Aufbwahrungstemperatur lediglich 25 Grad Celsius!
finde ich besonders bei den Verbandsmaterialien im Verbandskasten interessant - niemand kann mir explizit erklären, warum (außer des Umsatzes wegen) ich den unbenutzten alle paar Jahre erneuern muss. Besteht eventuell die Gefahr einer Mullbindenvergiftung?
der.tommy 01.07.2014
4. @propagare
Oh da bin ich gespannt, nennen sie mir ein Medikament was eindeutig vom Patentschutz ausgeschlossen ist?
makromizer 01.07.2014
5.
Zitat von hornisse.04finde ich besonders bei den Verbandsmaterialien im Verbandskasten interessant - niemand kann mir explizit erklären, warum (außer des Umsatzes wegen) ich den unbenutzten alle paar Jahre erneuern muss. Besteht eventuell die Gefahr einer Mullbindenvergiftung?
Tja, die Verbandskastenpflicht... Ich habe auch schon Studien gesucht, die irgend etwas darüber aussagen, wie viele Leben dadurch gerettet werden, aber nichts gefunden.
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