Therapieverweigerung "Sie halten Medikamente für Gift"

Viele Kranke nehmen Medikamente nicht, die ihnen der Arzt verschreibt. Das hat oft gefährliche Folgen. Experten fordern, Patienten gründlicher aufzuklären - und bei der Therapiewahl mit einzubinden.

Pillendose: Oft wird die Einnahme schlicht verweigert
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Pillendose: Oft wird die Einnahme schlicht verweigert


Für den Kardiologen Timm Bauer gehört das zum Alltag: Bluthochdruckpatienten, die mit Luftnot ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil sie Entwässerungsmedikamente nicht nehmen. Oder Herzkranke, die ihre Medizin einfach absetzen, und so ihr Risiko für einen Schlaganfall um ein Vielfaches erhöhen. "Ein großer Anteil der Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen nimmt seine Medikamente nicht so ein wie verschrieben", sagt Bauer, der am Universitätsklinikum Gießen und Marburg tätig ist.

Viele gäben das in der Sprechstunde nicht einmal zu, sondern würden lügen, weil sie ein schlechtes Gewissen haben. "Ärzte halten die Therapie dann für unwirksam und verschreiben ständig neue Präparate." Darum nimmt sich Bauer besonders viel Zeit, um seinen Patienten eines zu erklären: Zwar machen manche der Medikamente sie schlapp, andere führen dazu, dass sie häufiger zur Toilette müssen oder leichter blaue Flecken bekommen. Aber der Nutzen überwiegt das in der Regel bei Weitem.

Das Problem betrifft längst nicht nur Herzkranke. Am Institut für Pharmakoökonomie und Arzneimittellogistik (IPAM) erforscht Thomas Wilke die allgemeine Therapietreue von Patienten. "Unseren Studien zufolge werden 35 bis 50 Prozent der verschreibungspflichtigen Medikamente nicht richtig eingenommen", sagt er. Das kann bei manchen Krankheiten verheerende Folgen haben. "Bei Typ-2-Diabetikern konnten wir zum Beispiel beobachten, dass es häufiger zu krankheitsbedingten Komplikationen wie Herz-Kreislauf-Ereignissen und sogar Fußamputationen kommt, wenn sie ihre Medikamente nicht wie verschrieben einnehmen."

Bewusste Entscheidung gegen die Therapie

Wenn Patienten ihre Medizin nicht nehmen, liegt das selten an Schusseligkeit - auch das hat das IPAM herausgefunden. "Vergesslichkeit spielt eher eine untergeordnete Rolle", sagt Wilke. Auch die Kosten seien nicht entscheidend: Die meisten Menschen könnten sich die in Deutschland üblichen Zuzahlungen leisten. 60 bis 80 Prozent der Patienten die ihre Tropfen, Pulver und Tabletten nicht wie verschrieben schlucken, entschieden sich ganz bewusst dafür.

"Sie halten Medikamente für Gift, vertrauen ihrer Wirkung nicht und setzen sie aus Angst vor Nebenwirkungen ab", sagt Wilke. "Einige hören auch auf, ein Mittel zu nehmen, wenn es ihnen besser geht - selbst wenn der Arzt es anders empfiehlt." Das ist bei Antibiotika besonders gefährlich: Wer die Therapie frühzeitig abbricht, riskiert, dass Bakterien in seinem Körper resistent gegen das Antibiotikum werden.

Es gibt noch weitere Gründe, aus denen Kranke ihre Medizin verweigern, sagt Martin Härter vom Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. "Es kommt vor, dass Patienten eine Diagnose nicht gut bewältigen können und ihre Krankheit zunächst nicht wahrhaben wollen. Wenn sie dann ihre Medikamente nicht nehmen, ist das Teil einer Verleugnungsstrategie." Und es gibt depressive Patienten, denen schlichtweg der Antrieb fehlt, eine Medizin regelmäßig einzunehmen.

Hauptursache: Kommunikationsproblem

"In den allermeisten Fällen sehe ich aber ein Kommunikationsproblem zwischen Arzt und Patienten als Grund", sagt Härter. Aus psychologischer Sicht sei das sogenannte "Shared Decision Making" bei der Wahl einer Therapie wichtig. "Ärzte sollten gründlich über Vor- und Nachteile verschiedener Alternativen aufklären und können natürlich auch eine Empfehlung aussprechen - aber der Patient sollte bei der Entscheidungsfindung aktiv mit eingebunden werden", sagt Härter. Das nehme den Kranken häufig die Skepsis und könne die Therapietreue steigern. Und natürlich hätten informierte Patienten auch das Recht, ein bestimmtes Medikament nicht nehmen zu wollen.

Das IPAM hingegen testet Programme, bei denen Apotheker besser über den Nutzen von Medikamenten aufklären und mit den Patienten über ihre Bedenken diskutieren sollen. Bezahlt werden die Studien des Instituts hauptsächlich von der Pharmaindustrie: Die Konzerne fürchten um den Ruf ihrer Präparate, wenn die Heilung bei falscher Einnahme ausbleibt. Und natürlich senkt es auch ihren Umsatz, wenn weniger von einem Mittel eingenommen wird als medizinisch empfohlen.

Mit Krankenkassen arbeitet das IPAM ebenfalls zusammen. Das Interesse der Versicherer könne aber insgesamt größer sein, sagt Wilke. Schließlich könnten die sogar Geld sparen, wenn Patienten ihre Medikamente wie verschrieben einnehmen würden. So koste es die gesetzlichen Krankenkassen nach IPAM-Berechnungen zwischen 200 und 400 Euro mehr pro Jahr, wenn sich etwa Diabetiker nicht an Therapievorgaben halten: "Die Patienten müssen so nämlich öfter ins Krankenhaus."

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Rumgeseier 08.09.2014
1. Ähhh
200 bis 400 Euro mehr im Jahr, sollte keine Krankenkasse groß belasten. Irgendwie scheint es mir, da wurde irgendwas im Artikel vergessen.
DieButter 08.09.2014
2. Kommunikationsproblem zwischen Arzt und Patienten als Grund?
Ich seh den Grund ganz woanders. Er liegt vielmehr an reißerischen Presseartikeln, in denen undifferenziert vor angeblichen "Missständen", Gefahren/Nebenwirkungen gewarnt wird, ohne aber gleichzeitig darzustellen, warum diese in Kauf genommen werden. Somit wird der Patient verunsichert und das Arzt-Patienten-Verhältnis empfindlich gestört, da den Patienten dann auch oft der Mut fehlt, beim Arzt nachzufragen. Leider lassen diese journalistischen Ergüße oft jede Sachkenntnis außen vor, konzentrieren sich auf vermeintliche Fehler im Detail, ohne den größeren Zusammenhang zu kennen und im übrigen ist dieses Magazin hier einer der Vorreiter dieser Praxis.
mfins 08.09.2014
3. alternativloses Pillenschlucken
Da es beispielsweise gegen "Bluthochdruck" alternative Möglichkeiten gibt, z. B. Aderlass sowie Rauchen einstellen, täglich Sport treiben, Ernährung umstellen (salzarm), sollten vielleicht verschiedene Ärzte sich vielleicht einmal mit der Frage auseinandersetzen, ob sie noch innnerhalb der Heilkunde dienen oder sich mittlerweile im Lager der Pharmaziekonzerne befinden und beim schnellen Geldverdienen die notwendige Aufklärung des Patienten inzwischen praktisch abgehakt haben. Viele Ärzte sehen sich als "Pillen-Heilbringer" deren Aufgabe darin besteht, Menschen mit Pillen über Pillen EINZUSTELLEN, statt gezielt zu versuchen sie zu therapieren.
derdingens 08.09.2014
4. hausgemachtes Problem
Wenn ich beim Arztbesuch das Gefühl habe, dass lediglich Interesse daran besteht, mir möglichst schnell ein Rezept in die Hand zu drücken und mich damit wieder los zu werden, werde ich darauf gedrillt Medikamenten eher skeptisch gegenüber zu stehen und selbst zu entscheiden, wie lange ich sie nehme. So lange der Arzt keinen Anreiz hat Zeit für jeden Patienten aufzubringen (Beratung ist zeitintensiv), wird sich die Situation daher nicht ändern.
zxmde63 08.09.2014
5. Shared Decision Making
Hört sich gut an, aber was soll das sein? Von einem Arzt ist zu erwarten, dass er einen Patienten über Krankheit und Medikamente aufklärt. Das geschieht in aller Regel auch. Eine aktive Rolle des Patienten ist nur sehr eingeschränkt möglich, die Indikation zum Medikament stellt nunmal der Arzt. Entscheidet sich der Patient zuhause trotzdem gegen die Medikamente, ist das tragisch, aber kaum zu verhindern.
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