Medikamente: Patienten können Nebenwirkungen selbst melden

Beschwerden durch Arzneien über das Internet melden: Bundesbehörden starten neues Portal, um Risiken früher zu entdecken Zur Großansicht
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Beschwerden durch Arzneien über das Internet melden: Bundesbehörden starten neues Portal, um Risiken früher zu entdecken

Wer unter Nebenwirkungen eines Medikaments leidet, kann seine Beschwerden jetzt selbst an die zuständigen Aufsichtsbehörden melden. Mit einem neuen Internetportal soll getestet werden, ob sich Risiken so schneller entdecken und minimieren lassen.

Es rumort im Bauch, der Kopf scheint sich zu drehen: Wer ein neues Medikament einnimmt, hört mitunter besonders genau in sich hinein, was die Arznei im Körper verändert. Diese Aufmerksamkeit wollen sich zwei Bundesbehörden jetzt zunutze machen, um die Arzneimittelsicherheit zu verbessern. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für Impfstoffe starteten am Dienstag die Testphase für ein neues Internetportal, bei dem Patienten jetzt direkt mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten melden können. Bislang war das nur Ärzten, Apothekern und Pharmaunternehmen möglich.

Das Ziel des Portals ist, solche Berichte künftig schneller und einfacher zu erfassen. Die Patienten und Verbraucher haben über die Internetseite Zugang zu einem vereinfachten Meldeformular, über das sie Verdachtsfälle von Nebenwirkungen melden können, ohne dass dafür extra die Bestätigung eines Arztes notwendig ist. Denn die Hürde, aufgrund von Nebenwirkungen einen Arzt aufzusuchen, ist für viele Patienten relativ hoch. Dadurch gehen vermutlich kontinuierlich wichtige Informationen verloren. Das BfArM schreibt: "Ihre Meldung kann uns helfen, neue Risikosignale zu identifizieren, um geeignete Maßnahmen zur Minimierung eines Arzneimittelrisikos ergreifen zu können und dadurch die Sicherheit der Arzneimittel zu verbessern."

Hintergrund der Initiative ist eine geplante Gesetzesänderung in der Europäischen Union, mit der die Bedeutung von Patientenmeldungen gestärkt werden soll. Internationale Erfahrungen haben demnach gezeigt, dass die direkte Meldung von möglichen Arzneimittelnebenwirkungen durch Patienten dazu beitragen kann, Risiken frühzeitig zu erkennen. In Deutschland sind zudem Pharmaunternehmen, Ärzte und Apotheker verpflichtet, Verdachtsfälle von unerwünschten Arzneimittelwirkungen zu melden.

Medikamente ohne klinische Prüfungen

Der vor kurzem veröffentlichte Arzneimittelreport 2012 bilanzierte, dass ein Drittel aller neuen Pillen überflüssig ist. Der Herausgeber des Reports, der emeritierte Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe, kritisiert, dass sich noch heute Hunderte von Arzneimitteln in Apotheken finden, die "ohne klinische Prüfungen amtlich zugelassen worden waren". Der Grund: In Deutschland gibt es erst seit 1976 ein Arzneimittelgesetz, das zumindest für neue Medikamente ein paar Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit verlangte. Für die damals schon auf dem Markt befindlichen mehr als 100.000 Arzneimittel fand das Gesetz jedoch keine Anwendung. Auch für diese Medikamente können Erfahrungen von Patienten nun Zusatzinformationen liefern.

Laut PEI und BfArM werden die persönlichen Daten der Patienten gemäß den Datenschutzbestimmungen nicht gespeichert. Allerdings ist es möglich, dass die Behörden vor der Löschung der Angaben Rückfragen stellen, um die angegebenen Nebenwirkungen richtig beurteilen zu können.

Eine allzu genaue Innenschau kann allerdings auch negative Auswirkungen haben - Ärzte sprechen dann vom sogenannten Noceboeffekt, dem Gegenteil des Placeboeffekts: Wenn ein Mediziner einen Patienten auf Nebenwirkungen von Medikamenten hinweist, können die negativen Erwartungen des Kranken dazu führen, dass er die Nebenwirkungen tatsächlich erlebt.

hei/AFP

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1. Überflüssig
fuzzi-vom-dienst 04.10.2012
Zitat von sysopWer unter Nebenwirkungen eines Medikamentes leidet, kann seine Beschwerden jetzt selbst an die zuständigen Aufsichtsbehörden melden. Mit einem neuen Internetportal soll getestet werden, ob sich Risiken so schneller entdecken und minimieren lassen. Medikamente: Patienten sollen Nebenwirkungen selbst ans PEI melden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamente-patienten-sollen-nebenwirkungen-selbst-ans-pei-melden-a-859422.html)
Lachplatte!! Ich habe 2008, also vor vier Jahren (!), schwerwiegende Nebenwirkungen eines Medikaments an den Hersteller und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet. Von dort erhielt ich NIE eine vernünftige Antwort, nicht einmal Eingangsbestätigungen, während der Hersteller schnell - und natürlich abwiegelnd! - reagiert hatte. Im Frühjahr 2012 erinnerte ich insgesamt ZWÖLF mal jeweils im Abstand von wenigen Tagen unter Angabe des Aktenzeichens. Datiert vom 18. Juni 2012 kam eine - Pardon ! - saublöde Antworte dieses Amts, dessen Sesselfurzer sich wohl nach mehr als einem Dutzend (ich hatte auch zwischendrin schon mehrfach erinnert) Erinnerungen in ihrem Büroschlaf gestört fühlten. Offensichtlich braucht Deutschland erst wieder einen CONTERGAN-Skandal, bis tatsächlich diese Typen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen! Dieses Land erstickt noch an diesen unfähigen Bürokratenwasserköpfen! Die leisten NICHTS und kassieren trotzdem ein Schweinegeld!
2. Toll !
ratsch_bumm 04.10.2012
Zitat von sysopWer unter Nebenwirkungen eines Medikamentes leidet, kann seine Beschwerden jetzt selbst an die zuständigen Aufsichtsbehörden melden. Mit einem neuen Internetportal soll getestet werden, ob sich Risiken so schneller entdecken und minimieren lassen. Medikamente: Patienten sollen Nebenwirkungen selbst ans PEI melden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamente-patienten-sollen-nebenwirkungen-selbst-ans-pei-melden-a-859422.html)
Dann steht jetzt in der Packungsbeilage nicht mehr 5 Meter Nebenwirkungen sondern nur noch Klicken Sie Seite XYZ an und vergleichen Sie.
3. Sachlich bleiben bitte!
lscpilot 04.10.2012
Zitat von fuzzi-vom-dienstLachplatte!! Ich habe 2008, also vor vier Jahren (!), schwerwiegende Nebenwirkungen eines Medikaments an den Hersteller und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet. Von dort erhielt ich NIE eine vernünftige Antwort, nicht einmal Eingangsbestätigungen, während der Hersteller schnell - und natürlich abwiegelnd! - reagiert hatte. Im Frühjahr 2012 erinnerte ich insgesamt ZWÖLF mal jeweils im Abstand von wenigen Tagen unter Angabe des Aktenzeichens. Datiert vom 18. Juni 2012 kam eine - Pardon ! - saublöde Antworte dieses Amts, dessen Sesselfurzer sich wohl nach mehr als einem Dutzend (ich hatte auch zwischendrin schon mehrfach erinnert) Erinnerungen in ihrem Büroschlaf gestört fühlten. Offensichtlich braucht Deutschland erst wieder einen CONTERGAN-Skandal, bis tatsächlich diese Typen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen! Dieses Land erstickt noch an diesen unfähigen Bürokratenwasserköpfen! Die leisten NICHTS und kassieren trotzdem ein Schweinegeld!
Wer so emotional und auch beleidigend argumentiert, wird sicher nicht zur Arzneimittelsicherheit beitragen. Anonyme Foren tragen leider wesentlich zu solchem Querulantentum bei.
4. Nette Idee aber miserabel umgesetzt
PaulMeister 04.10.2012
Zitat von sysopWer unter Nebenwirkungen eines Medikamentes leidet, kann seine Beschwerden jetzt selbst an die zuständigen Aufsichtsbehörden melden. Mit einem neuen Internetportal soll getestet werden, ob sich Risiken so schneller entdecken und minimieren lassen. Medikamente: Patienten sollen Nebenwirkungen selbst ans PEI melden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamente-patienten-sollen-nebenwirkungen-selbst-ans-pei-melden-a-859422.html)
Ich kann natürlich nichts zu den Reaktionszeiten der Behörden sagen, aber wenn ich sehe wie handwerklich schlecht dieses Portal umgesetzt ist wird mir einerseits schlecht, wenn ich daran denke wieviel Geld da vermutlich wieder unsinniger Weise verbraten wurde und andererseits fühle ich mich einfach mal um 10 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt! Hätten die da mal Profis rangelassen, dann hätte das Protal wenigstens auch wie 2012 ausgesehen! Wozu Framesets? Was ist mit Usability? Kontrast? Barrierefreiheit? Das war wohl nix! Wenn das Richtig gemacht werden soll, einfach mal melden!
5. Ombudsmann für Nebenwirkungen
lscpilot 04.10.2012
Ein schlichtes Postfach für den medizinischen Laien erschwert den Erkenntnisgewinn eher als dass er ihn fördert. Zu wünschen ist die Funktion eines Ombudsmannes, der durch gezieltes Nachfragen beim Betroffenen beitragen kann, Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen. Eine solche Funktion kann bei der Behörde, aber auch beim pharmazeutischen Unternehmen angesiedelt sein.
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