Medikamentencocktails Jeder Vierte schluckt mindestens drei Pillen gleichzeitig

In Deutschland sterben mehr Menschen an gefährlichen Medikamentencocktails als im Straßenverkehr, warnen Apotheker. Sie wollen dem Pillenchaos entgegenwirken - mit einer Liste.

Tablettencocktails: Wirken viele Medikamente gleichzeitig, drohen je nach Präparat gefährliche Nebenwirkungen
DPA

Tablettencocktails: Wirken viele Medikamente gleichzeitig, drohen je nach Präparat gefährliche Nebenwirkungen


Zahlreiche Menschen in Deutschland schlucken täglich mehr als zwei verschiedene Medikamente. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda). Die Apotheker warnen vor gesundheitlichen Folgen.

Die Forsa-Markforscher hatten gut 13.000 erwachsene Bundesbürger online zu Medikamenteneinnahmen befragt. Abda-Präsident Friedemann Schmidt präsentierte die Ergebnisse im Vorfeld des Deutschen Apothekertags, der am Donnerstag in Düsseldorf beginnt.

In der Umfrage gab jeder Vierte (23 Prozent) an, regelmäßig drei oder mehr Medikamente zu nehmen. In der Gruppe der Senioren ab 70 Jahren war es sogar fast die Hälfte.

Nehmen sie dauerhaft, also seit mehreren Wochen am Stück, Medikamente ein? (13.196 Befragte, Angaben in Prozent für alle Befragten und sortiert nach Alter)

Gesamt 18-29 Jahre 30-49 Jahre 50-69 Jahre 70+ Jahre
1 oder 2 Medikamente 30 18 30 35 35
3 Medikamente 9 2 5 12 15
4 Medikamente 5 1 2 7 13
5 oder mehr Medikamente 9 1 3 12 21
Nein 47 79 60 33 15

Quelle: Forsa-Umfrage Deutscher Apothekertag 2015; Anmerkung: Durch Runden ergeben sich in den Zeilen teils Gesamtprozentzahlen von 99 oder 100.

Unter den gut 3000 Patienten, die mindestens drei Medikamente nahmen, gaben durchschnittlich 71 von 100 an, diese seien durchweg rezeptpflichtig. Etwa jeder Dritte der Patienten (28 Prozent) nimmt laut Umfrage sowohl verordnete als auch zusätzlich rezeptfreie Medikamente ein.

Sie nehmen dauerhaft drei oder mehr Medikamente ein. Wie viele davon sind rezeptpflichtig? (3001 Befragte, Angaben in Prozent für alle Befragten und sortiert nach Alter)

Anteil in Prozent 18-49 Jahre 50-69 Jahre 70+ Jahre
Alle 71 62 74 70
Mehr als die Hälfte 23 24 21 26
Die Hälfte 2 4 2 2
Weniger als die Hälfte 3 6 2 3
Keines 1 4 1

Quelle: Forsa-Umfrage Deutscher Apothekertag 2015; Anmerkung: Durch Runden ergeben sich in den Zeilen teils Gesamtprozentzahlen von 99 oder 100.

Mehr Tote durch Medikamentencocktails als im Straßenverkehr

Für eine Polymedikation gibt es keine einheitliche Definition. In der Regel geht man laut Abda von drei oder mehr Medikamenten aus oder aber von fünf oder mehr, die zeitgleich und auf Dauer geschluckt werden. In der Forsa-Umfrage gaben neun Prozent der Befragten an, fünf oder mehr Arzneimittel zu nehmen.

Wie bei allen Umfragen ist die Richtigkeit dieser Daten allerdings stark davon abhängig, wie ehrlich die Befragten antworten. 2013 kamen Forscher in einer Studie für die Krankenkasse GEK, in der sie Versichertendaten ausgewertet hatten, zu dem Schluss, dass viele Ältere Pillencocktails aus mehr als fünf Medikamenten schlucken - teils ohne klaren medizinischen Grund, dafür aber mit gefährlichen Nebenwirkungen.

Im Hinblick auf die Abda-Studie betonte Schmidt, die Polymedikation sei für viele Patienten aufgrund mehrerer Erkrankungen erforderlich, besonders bei Älteren. Es gebe aber häufig vermeidbare und gesundheitsschädigende Fälle. Als Folge der Polymedikation sterben hierzulande nach Abda-Angaben mehr Menschen als im Straßenverkehr. 2014 gab es rund 3400 Verkehrstote.

Viele Ärzte, viele Rezepte

Dass so häufig mehrere Präparate gleichzeitig verordnet werden, verwundert kaum, glaubt man der aktuellen Befragung: Gut die Hälfte (54 Prozent) der Patienten, die drei oder mehr Medikamente gleichzeitig nehmen, ist demnach bei mehr als einem Arzt in Behandlung.

Häufiger Grund ist laut Abda aber auch, dass Medikamente oft weiter eingenommen werden, auch wenn sich die Therapie bereits als erfolglos erwiesen habe. Oder der Patient schlucke Mittel auch noch, obwohl das Therapieziel schon erreicht sei.

Um die Risiken für die Einnahme gefährlicher Pillenmischungen zu senken, forderte Schmidt für jeden Patienten einen Medikationsplan, in dem die Medikamentenliste - laufend aktualisiert und von Ärzten und Apotheken abgestimmt - enthalten sein müsse. Derzeit gebe es noch zu wenig Abstimmung.

"Neun von zehn Medikationslisten, die allein vom Arzt ausgestellt werden, stimmen nicht mit dem überein, was die Patienten tatsächlich einnehmen", so Schmidt. Laut Umfrage besuchen aber 88 Prozent der Menschen, die mehr als zwei Präparate parallel nehmen, regelmäßig die gleiche Apotheke.

Von wie vielen verschiedenen Verordnern (Ärzte, Fachärzte, Heilpraktiker) wurden Ihnen die Medikamente, die sie momentan regelmäßig nehmen, verordnet? (3001 Befragte, Angaben in Prozent für alle Befragten und sortiert nach Alter)

Anteil in Prozent 18-49 Jahre 50-69 Jahre 70+ Jahre
Von einem Arzt/Verordner 45 38 45 47
Von zwei Ärzten/Verordnern 41 43 40 41
Von drei oder mehr Ärzten/Verordnern 13 15 13 12
Habe alles ohne Rezept gekauft 1 4 1

Quelle: Forsa-Umfrage Deutscher Apothekertag 2015; Anmerkung: Durch Runden ergeben sich in den Zeilen teils Gesamtprozentzahlen von 99 oder 100.

jme/dpa



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Zoloft 29.09.2015
1. Forsa
Kann man einem Meinungsforschungsinstitut trauen, dass Zeilen und Spalten nicht auseinanderhalten kann? (siehe Legende der Tabellen)
Newspeak 29.09.2015
2. ...
So, so. Die Apotheker wollen dem entgegenwirken. Wo es in Deutschland mehr Apotheken als Bäckereien gibt (keine Polemik, Fakt!). Wo Apotheker daran glänzend verdienen, daß sie ihre Läden so ausschauen lassen, als wären es nur Varianten von normalen Supermärkten. Und ich kenne ältere Leute, die "kaufen" auch genau so ein, als wären sie im Supermarkt. Das hier, und dort das ist auch gut, und, ach ja, jenes brauche ich auch noch, und der freundliche Herr Apotheker empfiehlt noch dies und das obendrauf...
the_eagle 29.09.2015
3. Guter Artikel
Endlich wird das Thema mal ohne gleichzeitiges Pharmabashing behandelt. Im letzten Artikel durften wir noch lesen, dass die böse Pharmaindustrie mit ihren teuren Sovaldis die Arzneimittelausgaben in die Höhe treibt. Hier sehen wir die dominierenden Gründe. Die zunehmende Altersverschiebung der Bevölkerung, Patienten die einfach alles schlucken (oder abholen und wegschmeissen) oder zumindestens nicht bei der Therapieoptimierung mitarbeiten und ein intransparentes Verordnungssystem bei dem kein Arzt weiß was der andere macht. Maßnahmen dagegen sind seit langem bekannt. Familienfreundlichere Bedingungen schaffen, die technischen Möglichkeiten der elektronischen Gesundheitskarte nutzen und Patienten zu souveränden Endkonsumenten ausbilden. Bei Letzterem reicht es natürlich nicht einfach nur unabhängige Stellen zu schaffen, bei denen sich die Patienten informieren können (die gibt es bereits). Hier muss auch ein Anreizsystem geschaffen werden, dass Patienten und ihre Angehörige dies auch nutzen (die eigene Gesundheit ist offensichtlich keine ausreichende Motivation)
wo_st 29.09.2015
4. Gegen oder für wen ist der Artikel?
Ich nehme schon lange Zeit mehrere Medikamente jeden Morgen ein. Alle meine Symptome sind für mich positiv. Zudem vergesse ich nie eine Tablette. Also was soll die Umfrage?
vlado13 29.09.2015
5. Eigentlich...
... wäre das ein Fall für die elektronische Gesundheitskarte. Jeder Medikamentenkauf wird darauf gespeichert, und wenn es die verschreibenden Ärzte nicht merken, merkt das Kassensystem in der Apotheke, dass ich mir gerade hässliche Wechselwirkungen aufhalse.
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