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Medikamenten-Check: Das taugen Erkältungsmittel wirklich

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Erkältung im Anmarsch: Am besten gönnt man dem Körper Ruhe - Medikamente sind meist nicht nötig Zur Großansicht
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Erkältung im Anmarsch: Am besten gönnt man dem Körper Ruhe - Medikamente sind meist nicht nötig

Pharmakonzerne machen dicke Gewinne mit Erkältungsmitteln - doch helfen sie wirklich? Wir haben Tester in Apotheken geschickt. Anschließend überprüfte Arzneiexperte Peter Sawicki den Nutzen der empfohlenen Produkte. Nur eines konnte überzeugen.

Der Kopf ist schwer, der Hals schmerzt, die Nase läuft. Irgendwie fühlt man sich schlecht - Anzeichen einer Erkältung? Jeder kennt das Gefühl, und viele greifen dann zu Medikamenten, um das drohende Schicksal in letzter Sekunde abzuwenden.

Tatsächlich sind Halsschmerzmittel, Hustenpräparate und Nasentropfen für Apotheker eine der absatzstärksten Produktgruppen: Von Januar bis Oktober 2013 waren laut Branchendienst IMS Health mehr als ein Viertel der insgesamt 1,3 Milliarden Arzneimittelpackungen, die in deutschen Apotheken verkauft wurden, Produkte zur Bekämpfung von Erkältungssymptomen.

Doch was nutzen die vielen Mittelchen wirklich? Und was bekommt man in solchen Fällen alles über den Verkaufstresen gereicht? Wir haben den Test gemacht und vier Freiwillige in die Apotheke geschickt: Dort schilderten sie die Symptome ihrer nahenden Malaise.

Ein Tester bekam lediglich ein Heißgetränk empfohlen (für fünf Euro). In den anderen Fällen gingen die Testpersonen mit einer dicken Tüte nach Hause, die zwischen 15 und 35 Euro kostete.

ZUR PERSON
  • IQWiG
    Peter Sawicki, Jahrgang 1957, arbeitet als Internist und Diabetologe. Von 2004 bis 2010 war er Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. Das unabhängige Institut prüft systematisch den Nutzen und die Schädlichkeit von Medikamenten.

Anschließend haben wir den Arzt Peter Sawicki gebeten, die Mittel für uns zu begutachten. Sawicki ist Facharzt für Innere Medizin und war bis 2010 Direktor des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. Das unabhängige Institut prüft systematisch den Nutzen und den Schaden von Medikamenten. Heute arbeitet Sawicki als Internist und Diabetologe. Für SPIEGEL ONLINE bewertete er die Erkältungsmittel anhand qualitativ hochwertiger systematischer Übersichten von kontrollierten Studien (Metaanalysen).

Als zusätzliche neutrale Quelle haben wir die Ergebnisse des Handbuchs "Rezeptfreie Medikamente" der Stiftung Wartentest hinzugezogen.

Sehen Sie in unserer Aufstellung, welche Mittel etwas taugen - viele sind es nicht.

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Wick DayMed Kombi

Wirkstoffe: Paracetamol 500 mg, Phenylephrin 10 mg, Guaifenesin 200 mg (hier geht es zum Beipackzettel)

Sawicki: Die Kombination ist ungenügend untersucht. Paracetamol ist als Schmerzmittel und fiebersenkendes Mittel wirksam. Phenylephrin ist in dieser Verabreichungsform zur Abschwellung der Nasenschleimhaut aber kaum effektiv. Guaifenesin für Husten hat keinen belegten Effekt, die Wirkung ist umstritten. Fazit: Das Medikament ist nicht notwendig. Bedenklich sind solche Kombinationen, weil die Gefahr einer Überdosierung an Paracetamol besteht (bei vier Beuteln am Tag DayMed Kombi und zusätzlicher Einnahme des Schmerzmittels) - und damit das Risiko eines Leberversagens.

Stiftung Wartentest: Eine nicht sinnvolle Kombination aus Schmerz- und Hustenmittel und einem anregenden Mittel, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird und auch die Schleimhäute abschwillt.

Der Hersteller: Bei Procter & Gamble (P&G) reagiert man gelassen auf die Kritik. "Kombinationspräparate mit klinisch geprüften, sorgfältig aufeinander abgestimmten Inhaltsstoffen sind wirksam und nützlich für den von Erkältung geplagten Menschen", schreibt P&G auf Anfrage. Eine Erkältung komme meist mit mehreren Symptomen daher, etwa mit Schnupfen, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen. "Mehrere Erkältungssymptome mit einer Einnahme zu lindern, stellt eine wirkungsvolle Behandlung sicher und beugt einer unkoordinierten Einnahme vieler verschiedener Medikamente vor."

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Snup

Wirkstoff: Xylometazolin Hydrochlorid 0,1% (hier geht es zum Beipackzettel)

Sawicki: Xylometazolin führt zu Abschwellung der Nasenschleimhaut, dies reduziert die Symptome des Schnupfens. Fazit: Das Medikament ist lokal-symptomatisch zur Abschwellung der Nasenschleimhaut effektiv.

Stiftung Wartentest: Geeignet bei Schnupfen für Schulkinder und Erwachsene als schleimhautabschwellendes Mittel zur kurzzeitigen Anwendung. Mit Einschränkungen geeignet bei Nebenhöhlenentzündungen zur kurzzeitigen Anwendung. Das Mittel kann den Sekretabfluss unterstützen. Die bisher vorliegenden Studien reichen aber noch nicht aus, um den therapeutischen Stellenwert abschließend zu bestimmen.

Der Hersteller: Beim Pharmakonzern Stada ist man mit der Bewertung einverstanden.

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Aspirin Complex Heißgetränk

Wirkstoffe: Acetylsalicylsäure (ASS) 500 mg, Pseudoephedrin-Hydrochlorid 30 mg (hier geht es zum Beipackzettel)

Sawicki: ASS ist als Schmerzmittel und fiebersenkendes Mittel wirksam. Pseudoephedrin-Hydrochlorid, ein Wirkstoff zum Abschwellen der Nasenschleimhaut, reduziert die Symptome nur gering. Es ist Xylometazolin, das ebenfalls abschwellend wirkt, jedoch unterlegen. Getrunken hat Pseudoephedrin-Hydrochlorid wahrscheinlich keinen wesentlichen Effekt auf die Nasenschleimhaut. Fazit: Das Medikament ist nicht notwendig. Der Preis für zehn Beutel Aspirin Complex (also 10x500 mg ASS) ist mit EUR 8,48 Euro neunmal höher als jener für zehn Tabletten ASS 500, die umgerechnet 90 Cent kosten.

Stiftung Warentest: Eine nicht sinnvolle Kombination, siehe Wick Daymed Kombi.

Der Hersteller: Bayer verweist in einer Stellungnahme auf verschiedene Studien, die die Wirksamkeit ihres Mittels belegen. Der Preis zwischen zehn Beuteln Aspirin Complex und zehn Tabletten ASS 500 sei nicht vergleichbar.

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Influex

Wirkstoffe (homöopathisch): Aconitum napellus D4 60 mg, Apis mellifica D3 40 mg, Echinacea D1 120 mg, Lachesis D5 12 mg (hier geht es zum Beipackzettel)

Sawicki: Es handelt sich um ein homöopathisches Präparat ohne wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzen (mehr über den Nutzen der Homöopathie finden Sie hier). Fazit: Dieses Medikament ist nicht notwendig.

Stiftung Warentest: Keine Angaben

Der Hersteller: Steigerwald verweist unter anderem darauf, dass das Präparat als Komplexhomöopathikum zur unterstütztenden Therapie von fieberhaften Infekten zugelassen ist. Zur Wirksamkeit erklärt die Firma in einer Stellungnahme: "Zusätzlich zeigen präklinische Daten mit Influex einen stimulierenden Einfluss auf die körpereigenen unspezifischen und spezifischen Abwehrmechanismen."

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Dorithricin

Wirkstoffe: Tyrothricin 0,5 mg, Benzalkoniumchlorid 1 mg, Benzocain 1,5 mg (hier geht es zum Beipackzettel)

Sawicki: Tyrothricin soll antibakteriell wirken, es ist also nicht nützlich bei viralen Infekten. Das Problem: Benzalkoniumchlorid ist ein Konservierungsmittel, es soll gegen Bakterien und Pilze effektiv sein. Doch der Wirkstoff kann allergische Reaktionen sowie Schädigungen der Nasen- und Augenschleimhaut auslösen. Benzocain ist ein Lokalanästhetikum, das kurzfristig etwas die Schwere der Halsschmerzen reduziert. Fazit: Das Medikament ist nicht notwendig.

Stiftung Warentest: Wenig geeignet bei Halsentzündungen. Eine nicht sinnvolle Kombination. Das Antibiotikum Tyrothrizin wirkt nur oberflächlich und erreicht tiefer im Gewebe siedelnde Bakterien nicht. Benzocain kann leicht Allergien hervorrufen.

Der Hersteller: Medice Arzneimittel Pütter erklärt, dass grippale Infekte "in der Tat überwiegend viral bedingt" seien. "Allerdings entstehen häufig bakterielle "Superinfektionen", schreibt Medice auf Anfrage. Das Immunsystem sei durch den viralen Infekt schon geschwächt, so dass es sich nicht mehr hinreichend gegen Bakterien wehren könne. "Insofern kann ein lokal wirksames Antibiotikum wie das Tyrothricin hier sinnvoll Abhilfe schaffen."

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Cetebe

Wirkstoffe: Vitamin C 300 mg, Zink 5 mg (mehr Informationen finden Sie hier)

Sawicki: Spürt man die ersten Erkältungssymptome, kann eine Einnahme von Zink innerhalb von 24 Stunden bei einer Dosierung von mehr als 75 mg pro Tag einen schützenden und heilenden Effekt haben. Somit sind 5 mg bei Cetebe unterdosiert.

Stiftung Warentest: Keine Angaben

Der Hersteller: GlaxoSmithKline teilt auf Anfrage mit, Vitamin C und Zink seien Mikronährstoffe, die zu einer normalen Funktion des Immunsystems beitragen. "Diese Tatsache ist auch von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) wissenschaftlich akzeptiert." Dennoch betone man immer wieder, dass ein Nahrungsergänzungsmittel kein Ersatz für eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise darstelle.

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Lemocin

Wirkstoffe: Tyrothricin 4 mg, Cetrimoniumbromid 2 mg, Lidocain 1 mg (hier geht es zum Beipackzettel)

Sawicki: Tyrothricin soll antibakteriell wirken, es ist also nicht nützlich bei viralen Infekten. Das Problem: Die meisten Erkältungen werden aber von Viren ausgelöst. Cetrimoniumbromid ist ein Konservierungsmittel, das gegen Bakterien und Pilze effektiv sein soll. Die Substanz hat aber keine nachgewiesene Wirkung bei viralen Infekten der oberen Atemwege. Lidocain ist ein Lokalanästhetikum, das kurzfristig etwas die Schwere der Halsschmerzen reduziert. Fazit: Das Medikament ist nicht notwendig.

Stiftung Warentest: Wenig geeignet bei Halsentzündungen. Nicht sinnvolle Kombination. Das Antibiotikum Tyrothricin wirkt nur oberflächlich und erreicht tiefer im Gewebe siedelnde Bakterien nicht.

Der Hersteller: Novartis antwortet in einer Stellungnahme unter anderem: "Lemocin ist ein effektives Arzneimittel zur Linderung von Beschwerden bei Mund- und Rachenentzündung mit antibakteriellen Wirkungen. Diese helfen, die Schleimhautbarriere zu schützen und damit das Risiko weiterer Infektionen zu reduzieren."

NENNEN SIE UNS IHRE LIEBLINGSMITTEL

Das Erkältungsmittel aus der Apotheke, auf das Sie schwören, ist nicht dabei? Welche Medikamente kaufen Sie bei einem grippalen Infekt? Wir machen den Check für die beliebtesten rezeptfreien Arzneien. Mailen Sie an medizinmythen@spiegel.de

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insgesamt 79 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die alte Regel lautet:...
Airkraft 12.02.2014
Zitat von sysopDPAPharmakonzerne machen dicke Gewinne mit Erkältungsmitteln - doch helfen sie wirklich? Wir haben Tester in Apotheken geschickt. Anschließend überprüfte Arzneiexperte Peter Sawicki den Nutzen der empfohlenen Produkte. Nur eines konnte überzeugen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamenten-check-viele-erkaeltungsmittel-wirken-kaum-a-937439.html
Die alte Regel lautet: Erkältungen ohne Einnahme von Erkältungsmitteln dauern gewöhnlich sieben Tage, mit nur eine Woche -)
2. Nur eines konnte überzeugen.
windnase 12.02.2014
...und welches wäre das nun? Ich hab den Artikel 2x gelesen aber keinen Hinweis gefunden.
3. ziemlich lückenhafter Artikel
lukbuk 12.02.2014
Welche Information soll der Laie aus diesem Artikel gewinnen? Eine Erkältung dauert mit Arzt eine Woche und ohne 7 Tage, das sagte auch schon meine Großmutter. Ein lokal wirksames Medikament (Xylometazolin-Srpay) mit systemwirksamen Präparaten zu vergleichen, ist vielleicht auch nicht so sinnvoll. Interessant wäre es vielleicht gewesen, in diese Aufstellung Schleim-/Hustenlöser wie z.B. ACC, Sinupret oder Myrtol mit aufzunehmen....
4.
erwin0815 12.02.2014
Dann hat der Placebo Effekt bei uns auch zugeschlagen, einige Mittel befinden sich auch in unserer Hausapotheke und schienen zu wirken :) aber Tee und Ruhe, allgemein ausgewogen ernähren und Bewegung sind eh das beste.
5.
enni3 12.02.2014
Musste gestern auch frei machen, nachdem ich pflichtbewusst Montag noch arbeiten war, was keine gute Idee war. Ich schwöre prinzipiell auf Acetylcystein und Paracetamol. Kauft man da die günstigsten Präparate von BerlinChemie oder 1APharma zahlt man unter 5 Euro in der Aphotheke und spart sich den Arzt. Für die Nase einfach ein Pumpsprayflächen mit 0,9% Salzlösung füllen und ein paar Packungen Tachentücher zur Hand. Mehr brauch man nicht. Dann einen Tag Ruhe ne schöne heiße Badewanne und ich falle nur einen Tag aus. Heute nachmittag kann ich wieder arbeiten gehen.
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