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31. März 2015, 08:18 Uhr

Smartphones und Tablets

Worauf man bei Medizin-Apps achten sollte

Puls, Blutzucker und Blutdruck messen: Der Markt ist voll von Gesundheits-Apps. Manche sind nützlich, manche bergen Risiken. Experten warnen davor, das Smartphone als Arztersatz zu sehen.

Den Puls mit dem Smartphone messen oder Ernährungstagebuch auf dem Tablet führen: Gesundheits- und Medizin-Apps machen vieles möglich. Und sie verbreiten sich rasant. Als Nutzer kann man leicht den Überblick verlieren. Urs-Vito Albrecht vom Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik an der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Angeboten. Generell gilt: Den ärztlichen Rat können Apps nicht ersetzen.

Martin Schneider, ein 18-jähriger Allergiker, ist ein gutes Beispiel dafür, wie man die unterschiedlichen Angebote differenziert nutzen kann: "Ich habe eine App, die meinen Bedarf an Eiweiß, Kalorien oder Fetten so berechnet, dass ich mein Gewicht halte und ausgewogen esse, und das funktioniert gut", sagt Schneider. "Gehe ich zum Sport, passt das Programm meinen Verbrauch an." Aber: "Wenn meine Haut wieder durchdreht, gehe ich zum Arzt. Nur ein Foto von meiner Haut in die Praxis zu mailen zur Diagnose, kommt für mich nicht infrage", so der Allergiker.

Die Programme für Smartphones und Tablets oder auch fürs Handgelenk als Uhr oder Band, sogenannte Wearables, sind ein Megatrend. Die Flut von Angeboten ist kaum überschaubar. Unter drei Millionen Apps gibt es bereits rund 87.000 Angebote für den Bereich Fitness und Wellness und etwa 55.000 medizinische Apps. Das berichtete Hartmut Gehring vom Uniklinikum Schleswig-Holstein bei einer Experten-Tagung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn. Nicht immer ist unterscheidbar, ob die Apps nur Infos bieten, eher zu Lifestyle und Fitness gehören oder ins Medizinische reichen.

Puls- oder Blutdruckmessen gehört mit dem entsprechenden Zubehör zu den leichten Übungen einer Gesundheits-App. Nützlich für chronisch Kranke: Erinnerung an die Medikamenten-Einnahme, Dokumentation von Nebenwirkungen, von Blutwerten oder Migräne-Anfällen. Genutzt werden auch Seh- oder Hörtests, es gibt Nierenfunktionsrechner, Apps für Parkinson-Patienten, Diabetiker, Asthmatiker oder Menschen mit Schlafstörungen.

Das Problem: Experten warnen vor der Gefahr einer Fehldiagnose und der Fehlinterpretation von Bildern. Und sie warnen eindringlich davor, das Smartphone als Arztersatz zu sehen.

Auch in Arztpraxen oder im Klinikalltag werden mitunter Apps eingesetzt - quasi für die Kitteltasche. Bei Operationen werden sie beispielsweise schon zur Steuerung der OP-Roboter eingesetzt. Eine "Medical App" ist dann als Medizinprodukt zu bewerten und muss entsprechende Standards erfüllen, wenn die Software laut Hersteller "der Erkennung, Verhütung, Überwachung, Behandlung oder Linderung von Krankheiten" dient. Doch Fachleute geben zu bedenken, dass bei der Überwachung der Hersteller und Kontrolle der Medical Apps noch vieles ungeregelt ist.

Verbraucher aber können von den Vorteilen der Apps profitieren, wenn sie auf einige Punkte achten:

Wie erkenne ich eine vertrauenswürdige App?

Die Hersteller sind angehalten, transparent und umfassend über die jeweilige App zu informieren. "Es muss klar und deutlich angegeben sein, wozu die App gedacht ist und wozu nicht", erklärt Albrecht aus Hannover. "Auch Angaben zu Risiken und Einschränkungen der App, Verlässlichkeit der Inhalte, Datenschutzaspekten und zu den Geldgebern gehören in die Beschreibung."

Einige Fragen und Aspekte, über die die Herstellerinformation Auskunft geben sollte:

Von welchen Angeboten ist eher abzuraten?

"Gesunde Skepsis ist bei Gesundheits-Apps angebracht, die vorgeben, selbstständig Diagnosen zu stellen", sagt Albrecht. Auch Apps, die konkrete Behandlungsempfehlungen geben, meide man besser. Anwendungen, die nur unklare Angaben zum Umgang mit den anvertrauten Daten machen, sollte ebenfalls mit Vorsicht begegnet werden. Die gesammelten, hochsensiblen Daten könnten für kommerzielle Zwecke genutzt werden, die nicht im Interesse des Nutzers sind.

Welche Apps sind für Verbraucher sinnvoll?

Anwendungen, die über Gesundheitsthemen informieren, die Anwender für ihre Gesundheit sensibilisieren und die gesundheitsbewusstes Verhalten unterstützen, können Vorteile bringen. Chronisch kranke Menschen können von Apps profitieren, die sie beim Management ihrer Erkrankung unterstützen. Zum Beispiel, indem sie relevante Messwerte, Medikamente und Aktivitäten leicht erfassbar machen oder die Verwaltung von Arztbesuchen komfortabel ermöglichen. Blutdruck- und Blutzucker-Apps sind Beispiele.

cib/Yuriko Wahl-Immel/Elena Zelle, dpa

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