Medizinische Notfälle In die Rettungsstelle oder zum Arzt?

Seit Jahren gibt es Zank zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern, wer für welche Notfälle zuständig ist. In manchen Regionen klappen die Absprachen, in vielen aber immer noch nicht.

Beschilderung an einem Krankenhaus in Berlin
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Beschilderung an einem Krankenhaus in Berlin


Wenn das Herz schmerzt, der Daumen pocht oder der Magen rumort, suchen viele Menschen Rat in der Notaufnahme. Das ist oft richtig, teilweise aber auch das falsche Ziel. Denn längst nicht alle akuten Beschwerden müssen in einer Klinik behandelt werden, sondern könnten auch vom Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte versorgt werden. Nur: Die Koordination beider Angebote lässt zu wünschen übrig.

"Ein Notdienst, der abgestimmt zwischen Krankenhäusern und Niedergelassenen besteht, ist wichtig und richtig, und anders wird es auch nicht gehen", sagte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen. "Wir müssen diese Dienste zusammenführen. Wir müssen uns abstimmen."

Es sei wichtig, dass ein Patient, der "zur Unzeit" eine ärztliche Versorgung benötige, eine zentrale Nummer wählen könne, die ihn entweder in die ambulante Versorgung eines niedergelassenen Arztes verweise oder in die Notfallaufnahme eines Krankenhauses. Wichtig für eine Notfallsteuerung sei, "dass es nur immer eine Anlaufstelle gibt, nicht zwei parallele Strukturen", sagte Gassen.

Wann in die Notaufnahme, wann zum ärztlichen Notdienst?
    Der ärztliche Not- oder Bereitschaftsdienst ist für alle dringenden Beschwerden zuständig, mit denen man normalerweise zum Hausarzt gehen würde. Zahnärzte haben einen gesonderten Bereitschaftsdienst.

    Notaufnahmen sind für lebensbedrohliche Fälle zuständig oder wenn bleibende Gesundheitsschäden zu erwarten sind, falls der Patient nicht schnell behandelt wird. Der Fall ist das etwa nach schweren Unfällen oder bei Verdacht auf einen Herzinfarkt (Engegefühl und Schmerzen in der Brust) oder Schlaganfall (Taubheitsgefühl in Armen oder Beinen, Lähmungen).

Die zentrale Nummer sieht Gassen in der Bereitschaftsdienstnummer 116117 der niedergelassenen Ärzte. Er räumte aber ein, dass diese Nummer noch zu wenig bekannt sei, und forderte: "Wir müssen die 116117 populärer machen." Die 116117 sei für den Bereitschaftsdienst und die 112 für den Notfall etwa bei schweren Unfällen, bei Verdacht auf Hirnschlag oder Herzinfarkt, erläuterte der KBV-Chef.

Gefragt seien bei dieser Zusammenarbeit vor allem die 17 regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die am besten Vereinbarungen mit den regionalen Krankenhäusern treffen könnten. "Manchmal klappt dies schon hervorragend." Ideal wäre zudem, man könnte den Rettungsdienst ebenfalls in diese Zusammenarbeit integrieren. Das sei allerdings derzeit nicht absehbar.

Lange Wartezeiten statt schneller Hilfe

Gassen bekräftigte zudem seine Kritik, dass für manche Krankenhäuser "die Notfallambulanz der Staubsauger für eine stationäre Bettenfüllung" sei. "Die Hälfte aller Belegung kommt über die Notaufnahme", so Gassen. "Und wir wissen, jeder vierte Krankenhausfall ist eine Fehlbelegung."

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) wies diese Vorwürfe wiederholt zurück. Nach Darstellung der Bundesärztekammer (BÄK) sind die Notfallambulanzen im Gegenteil viel zu oft überlastet. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass Patienten in der Notfallambulanz schnelle Hilfe suchten. Das führe dann zu langen Wartezeiten und manchmal auch zu Aggressionen bei den Patienten.

Nach Darstellung der Krankenhausgesellschaft ist die Vergütung für ambulante Notfälle nicht ausreichend. Einem Erlös pro Fall von 32 Euro stünden Kosten von 120 Euro gegenüber. Es komme somit zu einer Unterdeckung von einer Milliarde Euro in den Krankenhäusern.

hei/dpa

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insgesamt 31 Beiträge
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Lars65 20.02.2017
1. Honorar in den Notaufnahmen
Das Honorar in den Notaufnahmen ist etwa doppelt so hoch wie beim Facharzt. Wobei natürlich die Räumlichkeiten vom Land bezahlt werden (duale Finanzierung). Origineller weise wird das Geld für die Notaufnahmen aber direkt aus den (gedeckelten) Töpfen der Fachärzte genommen. Je mehr Geld also in die Notaufnahmen fliesst, desto weniger bleibt den Fachärzten. Da die derzeit im Schnitt so 15 Euro für 3 Monate Vollversorgung bekommen, 5 Euro pro Quartal, kein Scherz, geht das Honorar immer weiter gegen Null, je mehr die Krankenhausgesellschaft Geld mit der ambulanten Medizin verdienen will.
StonyBrook 20.02.2017
2. Egal was da schiefläuft,
wenn ich am Samstag um 19 Uhr mit einem Kleinkind im Münchner Westen ärztliche Hilfe benötige (zuletzt: ausgeklügelter Ellenbogen bei einem 19 Monate alten Kind), dann fahre ich in den Dritten Orden. Wenn das Kind nicht gerade verblutet, wartet man dann zwischen 3 und 5 Stunden, bis ein Arzt Zeit hat. Eine echte Alternative ist mir nicht bekannt.
ambulans 20.02.2017
3. des
pudels kern (das "problem") liegt im wesentlichen darin, dass wir zwar inzwischen fach-ärzte für und gegen alles, was da kreucht, fleucht usw., haben - diese herrschaften allerdings allzu oft nicht im geringsten lust haben, auch einmal (vielleicht sogar am "heiligen" wochenende!) bereitschaftsdienst zu schieben, weil da schon wieder so ein "dämlicher kassenpatient" kommt und den bereits fest eingeplanten lebensgenuss zu stören wagt ...
Nania 20.02.2017
4.
Meines Erachtens liegen die Probleme hier an mehrern Stellen: 1. 116117 ist noch zu unbekannt 2. Die Ärzte können aus allemöglichen Fachgebieten kommen und verfügen nicht über passende Qualifikationen. 3. Der Weg zum nächsten Krankenhaus ist deutlich kürzer 4. Die Patienten können nicht einschätzen, ob ihre Krankheit ein Fall für den Notdienst oder die Notaufnahme ist Dazu kommen noch eine ganze Reihe anderer Probleme. Diese müssen einzeln angegangen werden und können nicht über eine zentrale Nummer und keine weiteren Anstrengungen abgehandelt werden.
Zoloft 20.02.2017
5. wie wäre Ihre Wahl?
Wie würden Sie entscheiden? Bei als akut empfundenen Beschwerden haben sie die Möglichkeit, sich in eine Hausarztpraxis oder, falls verfügbar, Facharztpraxis der vermuteten Zuständigkeit zu begeben. Dort steht ein Arzt, kein sofortiges Labor, meist keine Bildgebung zur Verfügung. Also: Gespräch und körperliche Untersuchung. Am Folgemorgen Wiedervorstellung zum Labor (der Transport ist am Erstvorstellungstag schon weg), danach zum Radiologen. Wiedervorstellung mit den Befunden beim Hausarzt, oder Überweisung zum Facharzt. Dort Termin einholen... Oder Sie gehen in die Notaufnahme eines mittelgroßen Krankenhauses: Mehrere Fachdisziplinen (eine wird schon zu Ihrem Problem passen), sofortiges Notfalllabor, Bildgebung. Und das Alles auch um 23:00h! Man kann also erst einmal arbeiten gehen, dann noch ins Kino und danach den Wadenschmerz, der bei übergeschlagenen Beinen auftritt, abklären lassen vom Internisten (Thrombose), Orthopäden (Knie), Neurologen (Wurzelreizsyndrom S1) und Angiologen (arterielle Verschlusserkrankung). Alles sofort und ohne Wiedervorstellung am Folgetag. Praktisch. Bequem. Dauert zwar ein paar Stunden- aber was solls. Der Patient wählt; und das aus gutem Grund. Wo würden Sie hingehen? Die Versorgung in der KH Notfallambulanz ist teuer, da unsinnige Sachen gemacht werden, da aus haftungsgründen ex ante dieses im Haftungsfall von den Gutachtern gefordert wird. "Sie hätten ein CT niederschwellig zur Verfügung gehabt, warum haben Sie es nicht genutzt?" Dieses Problem hat ein KV Arzt nicht. Wahlfreiheit abschaffen. Patient steuern. Ansprüche runterschrauben! Haftungszentriertes Denken reduzieren. 116117 ist eine gute Möglichkeit. Dazu noch Anlaufpraxen in den Krankenhäusern. Und: Termine bei Fachärzten: Statt sich die gleichen XXX Patienten jedes Quartal einzubestellen (Chronikerpauschale), was weniger Arbeit als Neufälle macht, sollte man die Behandlung von Akut- und Neufällen honorieren: Schon wäre Platz da. Aktuell werden die terminservicestellen kaum genutzt. Die KVen wollen Sie am liebsten abschaffen: Hausärzte stellen kaum Dringlichkeitsüberweisungen aus; warum wohl? Die KVen haben von Anfang an gesagt, dass es dieses Instrument nicht braucht. Jetzt tun Sie und Ihre Mitglieder Alles, um diese Meinung zu beweisen. Ein sehr krankes System!
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