Paris Mann stirbt nach 75 Tagen mit neuartigem Kunstherz

Er war der erste Mensch weltweit, dem ein voll implantierbares Kunstherz eingesetzt wurde - jetzt ist ein 76-Jähriger in Paris gestorben. Zweieinhalb Monate lebte der schwer herzkranke Mann mit der Bioprothese, die sich im klinischen Versuch noch beweisen muss.

Voll implantierbares Kunstherz von Carmat (Illustration): Künstliche Pumpe soll in Zukunft bis zu fünf Jahre halten
Carmat

Voll implantierbares Kunstherz von Carmat (Illustration): Künstliche Pumpe soll in Zukunft bis zu fünf Jahre halten


Paris - Das erste komplett implantierbare Kunstherz der Firma Carmat hat einen Mann 75 Tage lang am Leben gehalten. Am Sonntag ist der 76-Jährige nun aber im Pariser Hôpital Européen George Pompidou gestorben. Der Mann war die erste von insgesamt vier Testpersonen, die im Rahmen eines klinischen Versuches das Hightech-System implantiert bekommen sollen. Im vergangenen Jahr hatte die Firma Carmat vom französischen Gesundheitsministerium und einem Ethikkomitee die Genehmigung bekommen, unheilbar herzkranken Patienten ihre Bioprothese einzupflanzen.

Zwar gibt es bereits mehrere Kunstherz-Systeme. Diese haben aber bisher zum Ziel, die Zeit bis zu einer Transplantation zu überbrücken. Aufgrund des wachsenden Organmangels bei sinkenden Spenderzahlen warten jedoch viele Menschen vergebens auf ein rettendes Herz. Manche kommen aufgrund ihres Alters oder ihrer Grunderkrankung auch gar nicht für eine Transplantation in Frage.

Das von dem französischen Chirurgen Alain Carpentier entwickelte Kunstherz soll daher eine Lücke schließen, die mit den bisherigen Mitteln der Medizin nicht zu füllen war. Das Ziel für die Zukunft ist, dass die Pumpe den Kreislauf eines Menschen bis zu fünf Jahre in Gang hält. Bestimmte Sensoren sollen ermöglichen, dass sie sich der körperlichen Aktivität ihres Trägers anpasst. Außerdem ist die Prothese mit biosynthetischem Material ausgestattet, das sie verträglicher für den Empfänger machen soll. Für die Entwicklung hatte Carpentier inhaltliche und finanzielle Unterstützung aus der Industrie bekommen, so etwa vom Luft- und Raumfahrtunternehmen EADS.

Auch in Deutschland arbeiten Mediziner an der Entwicklung eines voll implantierbaren Kunstherzens, das schwerkranke Organe eines Tages ersetzen soll: Reiner Körfer, Herzchirurg am Klinikum in Duisburg, und Ingenieure des Helmholtz-Instituts für Biomedizinische Technik der RWTH Aachen planen laut einem aktuellen Bericht der "Wirtschaftswoche", ihr System kommendes Jahr ebenfalls erstmals einem Menschen einzusetzen. Bisher wird die Maschine in Kälbern getestet.

Erfolgreich, wenn das System einen Monat Leben rettet

Die Todesursache des jetzt in Paris verstorbenen Patienten wurde bisher nicht offiziell bekanntgegeben. Kurze Zeit nach der Operation im Dezember ging es ihm laut einer Pressemitteilung von Carmat gut. Er sei wach gewesen, auf der Intensivstation überwacht worden und habe sich mit seiner Familie unterhalten.

Über die Funktionstüchtigkeit des Systems könne zu diesem Zeitpunkt noch keine Aussage gemacht werden, sagte eine Sprecherin der Firma jetzt. In näherer Zukunft sollen noch drei weitere Patienten mit einer sogenannten terminalen Herzinsuffizienz mit der Bioprothese versorgt werden. Der klinische Versuch, in dem die Sicherheit des Systems überprüft werden soll, gilt dann als erfolgreich, wenn die Operierten trotz ihrer schweren Herzerkrankung mehr als einen Monat überleben. Tritt dieser Fall ein, will Carmat weiteren 20 Patienten mit weniger schweren Herzerkrankungen sein Kunstherz einpflanzen.

In Europa und den USA wird derzeit vor allem das Kunstherz SynCardia eingesetzt. Mit diesem können Herzkranke bereits eine lange Zeit überbrücken: Fast vier Jahre überlebte ein italienischer Patient damit, bis ihm im September 2011 erfolgreich ein Spenderherz transplantiert wurde.

Bei einigen Erkrankungen, wie etwa der sogenannten peripartalen Kardiomyopathie, einer Herzerkrankung, die kurz vor oder nach der Geburt eines Kindes auftritt, kann sich das Herz auch wieder erholen. In diesem Fall unterstützt ein Kunstherz das kranke Organ so lange, bis es wieder von allein schlägt und ausreichend Blut durch den Körper pumpt.

Die Geschichte einer herzkranken Mutter

hei/Reuters

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
muehle79 04.03.2014
1. Hmm.
Zwei Monate Überlebenszeit sind jetzt aber nicht wirklich das, was man sich so vorstellt, damit man in dem Alter so eine risikoreiche Operation unternimmt. Wie bekommt man jetzt eigentlich raus, wie lange der Patient ohne den Eingriff noch überlebt hätte? Und was ist, wenn dieser prognostizierte Zeitraum länger gewesen wäre?
Red Herring 04.03.2014
2. @muehle79
Zitat von muehle79Zwei Monate Überlebenszeit sind jetzt aber nicht wirklich das, was man sich so vorstellt, damit man in dem Alter so eine risikoreiche Operation unternimmt. Wie bekommt man jetzt eigentlich raus, wie lange der Patient ohne den Eingriff noch überlebt hätte? Und was ist, wenn dieser prognostizierte Zeitraum länger gewesen wäre?
Da der Patient der Implantation eines Prototypen zugestimmt hat (so wie die Aufsichtsbehörden), war es ihm wohl egal, was Sie sich vorstellen. Wenn Google nicht hilft müssten Sie den Patienten oder besser seine Ärzte fragen. Dass die Operation überhaupt stattgefunden hat könnte aber ein Hinweis sein. Noch ein Tipp: Die Todesursache ist bisher ungeklärt.
querulant_99 04.03.2014
3.
Zitat von muehle79Zwei Monate Überlebenszeit sind jetzt aber nicht wirklich das, was man sich so vorstellt, damit man in dem Alter so eine risikoreiche Operation unternimmt. Wie bekommt man jetzt eigentlich raus, wie lange der Patient ohne den Eingriff noch überlebt hätte? Und was ist, wenn dieser prognostizierte Zeitraum länger gewesen wäre?
Diese "Was wäre wenn"-Diskussion ist nicht immer zielführend. Wenn man vor der Entscheidung steht: - Restliches Leben in Siechtum oder - Hoffnung auf ein lebenswertes Leben, welches u.U. auch früher endet, dann ist letzeres durchaus eine sinnvolle Option. Neuartige medizinische Eingriffe sind nun mal mit gewissen Risiken verbunden. Auch Professor Barnards erster Patient mit einem neuen Herzen starb schon 18 Tage nach der ersten Herztransplantation. Hätte man deshalb noch Jahrzehnte mit solchen Operationen warten sollen, was zahlreichen Patienten danach den vorzeitigen Tod bedeutet hätte?
Gertrud Stamm-Holz 04.03.2014
4.
Zitat von querulant_99Diese "Was wäre wenn"-Diskussion ist nicht immer zielführend. Wenn man vor der Entscheidung steht: - Restliches Leben in Siechtum oder - Hoffnung auf ein lebenswertes Leben, welches u.U. auch früher endet, dann ist letzeres durchaus eine sinnvolle Option. Neuartige medizinische Eingriffe sind nun mal mit gewissen Risiken verbunden. Auch Professor Barnards erster Patient mit einem neuen Herzen starb schon 18 Tage nach der ersten Herztransplantation. Hätte man deshalb noch Jahrzehnte mit solchen Operationen warten sollen, was zahlreichen Patienten danach den vorzeitigen Tod bedeutet hätte?
Solche Methoden sind niemals die Garantie für kein Siechtum. In den Anfängen der Disziplin ist vielen Partienten nach der OP genau das nicht erspart geblieben. Es stellt sich für mich durchaus die Frage, ob einem beinahe 80jährigen das noch angetan werden muss.
hans_olo_ 04.03.2014
5.
Dafür kann man behaupten dass ein unheilbar Kranker sich dafür aufgeopfert hat, zukünftig das Leben anderer zu retten , in dem er sich bereit erklärte dieses "Siechtum " wie sie sagen , auf sich zu nehmen! Daher gebührt ihm mein aufrichtiger Respekt. Hier ging es doch nicht um eine Leidensverlängerung. Der Aspekt wird im Artikel so auch nicht behandelt, also können wir uns kaum ein Urteil erlauben ( immerhin wird erwähnt er habe sich noch mit seiner Familie unterhalte , wobei das auch keine Schlüsse zulässt)
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