Gesetz in Kraft Medizinisches Cannabis auf Rezept

Auf Basis eines neuen Gesetzes können schwerkranke Patienten in Deutschland Cannabis auf Rezept erhalten. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Hanf-Pflanzen
DPA

Hanf-Pflanzen


Patienten, die schwer krank sind und unter Schmerzen leiden, können künftig Cannabis-Arzneimittel auf Rezept erhalten. Das entsprechende Gesetz tritt im März nach Veröffentlichung im Gesetzblatt in Kraft, wie die Bundesregierung mitteilte. Die Kosten für die Therapie werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Bevor ein Patient Cannabis-Arzneimittel auf Rezept bekommt, müssen nach Angaben der Bundesregierung andere therapeutische Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Oder der behandelnde Arzt entscheide im Einzelfall, es schon vorher mit Cannabis zu versuchen. Zudem dürfen Cannabis-Arzneimittel nur verordnet werden, wenn die Einnahme die Symptome oder den Krankheitsverlaufs voraussichtlich verbessert.

Cannabis wird unter anderem gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und Aidspatienten, bei Rheuma sowie bei spastischen Schmerzen bei Multipler Sklerose eingesetzt. Weitere Anwendungsgebiete sind chronische Schmerzen, ein Glaukom, ADHS und das Tourettesyndrom. Der medizinische Nutzen ist allerdings nur selten mit großen Studien belegt. 2015 hatte ein internationales Forscherteam 28 Datenbanken auf der Suche nach Studien durchgeforstet, die sich mit der Wirkung von Cannabis als Medikament auseinandergesetzt hatten.

Die Ergebnisse zu den einzelnen Krankheiten im Detail:

Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie: Wie sehr Cannabis die Nebenwirkungen einer Chemotherapie abmildern kann, gehört zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Therapiemöglichkeiten. Zu dem Thema fanden die Forscher 28 Studien mit mehr als 1700 Teilnehmern. Alle Untersuchungen sprachen dafür, dass Cannabis Übelkeit und Erbreche besser lindert als ein Placebo oder ein anders Medikament. Die Unterschiede waren allerdings in allen Studien so gering, dass sie statistisch nicht signifikant waren.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich kleine Wirkung

Appetitlosigkeit durch HIV/Aids: Wie gut Cannabis den Appetit von Menschen mit HIV anregen kann, haben vier Studien mit etwas mehr als 250 Teilnehmern untersucht. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Cannabis beim Zunehmen hilft, die Effekte waren allerdings gering. Eine Untersuchung kam so auch zum Schluss, dass Megastrol - ein anderes appetitanregendes Medikament - stärker wirkt als der untersuchte Cannabis-Wirkstoff.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Chronische Schmerzen: Die Wirkung bei chronischen Schmerzen ist im Vergleich sehr gut untersucht, die Forscher fanden 28 Studien, an denen mehr als 2400 Menschen teilgenommen hatten. Die Gründe für die Schmerzen waren allerdings sehr verschieden und reichten von Diabetes bis hin zu Krebserkrankungen. Die Daten deuteten grundsätzlich darauf hin, dass Schmerzpatienten von der Behandlung mit Cannabis profitierten, lautet das Fazit der Forscher. Allerdings seien die meisten gefundenen Unterschiede nicht statistisch signifikant.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Spastik durch Multiple Sklerose oder Querschnittslähmung: Den Effekt auf Krämpfe untersuchten 14 Studien mit mehr als 2000 Patienten, davon beschäftigten sich elf (2138 Patienten) mit Menschen mit Multipler Sklerose und drei (142 Patienten) mit Menschen mit Querschnittslähmung. Auch wenn nicht alle Ergebnisse statistisch signifikant waren, sprechen die Untersuchungen dafür, dass Cannabis einer Spastik entgegensteuert.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Depressionen: Die Forscher fanden keine Studie, die sich auf die Wirkung von Cannabis und Depressionen konzentrierte und qualitativ gut war. Bei fünf Untersuchungen waren Depressionen einer von mehreren untersuchten Faktoren. Bei drei von ihnen ging es den Menschen nach der Einnahme nicht besser als nach der eines Placebos; eine kam sogar zum Ergebnis, dass sich die höchste untersuchte Cannabis-Dosis im Vergleich zum Placebo negativ auswirkt.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich keine Wirkung

Angststörungen: Nur eine Studie beschränkt sich auf die Wirkung von Cannabis im Zusammenhang mit der Therapie von Angststörungen; außerdem fanden die Forscher vier Studien, bei denen ein Teil der Patienten eine Angststörungen hatte. Sie alle sprechen dafür, dass Cannabis die Behandlung unterstützen könnte und besser wirkt als ein Placebo. Vor allem bei der ersten Studie gebe es allerdings ein hohes Risiko für Verzerrungen, schreiben die Forscher.

Fazit: Bislang kaum untersucht, Studien sprechen für positiven Effekt

Schlafstörungen: Auf den Effekt von Cannabis bei Schlafstörungen konzentrierten sich nur zwei Studien mit 54 Teilnehmern, bei 19 Untersuchungen waren Schlafprobleme eine von mehreren untersuchten Beschwerden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Cannabis etwa bei Schlaflosigkeit und Atemaussetzern im Schlaf helfen kann; beim Vergleich mit einem Schlafmedikament war der Stoff jedoch unterlegen.

Fazit: mittelmäßig untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Psychose: Zur Wirkung bei Psychosen stießen die Forscher auf zwei Studien mit 71 Teilnehmern. Alle Ergebnisse hätten ein hohes Risiko für Verzerrung, schreiben sie. Beide Untersuchungen konnten jedoch auch keinen Unterschied zwischen der Behandlung mit Cannabis, einem Placebo oder dem Wirkstoff Amisulprid nachweisen.

Fazit: wenig untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Grüner Star: Beim Grünen Star, auch Glaukom genannt, leidet das Auge unter einem zu hohen Augeninnendruck oder einer mangelnden Durchblutung. Es gibt Hinweise darauf, dass die Inhaltsstoffe von Cannabis den Augeninnendruck senken können. Zur Therapie des Glaukoms mit Marihuana fanden die Forscher jedoch nur eine winzige Studie mit sechs Teilnehmern - die keinen Unterschied zwischen einer Behandlung mit Cannabis oder mit einem Placebo feststellen konnte.

Fazit: kaum untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Tourettesyndrom: Bei dieser Suche fanden die Forscher nur wenige, aber ermutigende Ergebnisse: Zwei kleine Studien mit 36 Teilnehmern ergaben, dass eine Behandlung mit THC-Kapseln die für die Krankheit typischen Tics möglicherweise abmildert.

Fazit: wenig untersucht, Ergebnisse vielversprechend

Der Eigenanbau von Cannabis und seine Verwendung als Rauschgift bleiben verboten. Das Produkt sei qualitativ schlechter als das aus der Apotheke, begründet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) seine Ablehnung.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels stand, Patienten könnten "ab sofort" Cannabis auf Rezept erhalten. Das Gesetz tritt jedoch voraussichtlich erst in einigen Tagen in Kraft. Wir haben den Fehler korrigiert.

hei/dpa

insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
famd 01.03.2017
1. Teil-Freigabe für Cannabis?
In unserem Land haben wir ja eine Menge "Schwerkranke" die sich ja seit Jahren um den straffreien Rausch bemühen.
permissiveactionlink 01.03.2017
2. Cannabis-Hysterie
Es ist verblüffend, mit welcher Vehemenz der deutsche Staat den Konsum und privaten Anbau einer medizinisch sehr wirksamen Pflanze reglementiert, und ihren Einsatz nur als Ultima Ratio genehmigt, wenn alle Alternativen zuvor nachweislich gescheitert sind. Die pflanzlichen Drogen genau wie Oxycodon oder Fentanyl nur mit einem BTM-Rezept zu erhalten, während man es illegal an jeder Straßenecke bekommen kann, ist nachgerade absurd. Hauptsache Kriminelle sahnen ab. Dass Tabak und Alkohol sehr viel mehr Leid und Tod verursacht, interessiert den Staat hingegen nicht, solange er an den Steuern ordentlich verdient. Den Gipfel bei der Kriminalisierung Unschuldiger leisten sich jedoch deutsche Gerichte. Beispiel Bonner Amtsgericht : Eine Ärztin wurde erfolgreich aus ihrer Dachwohnung geklagt, obwohl sie die beanstandeten Pflanzen schon längst vom Balkon beseitigt hatte. Das Gericht interessierte sich nicht einmal dafür, ob die mutmaßlichen Rauschpflanzen überhaupt THC enthielten. Es gibt nämlich auch THC-freien Faserhanf ! Die Saaten dafür finden sich in jedem Vogelfutter. In dubio pro reo ? Auch eine Einnahme von Pflanzenteilen (Blutprobe !) oder deren gewinnbringenden Verkauf musste die Vermieterin nicht belegen. Dank zahlreicher williger "Blockwarte" in der Nachbarschaft war die Vermieterin überhaupt erst auf die Pflanzen ihrer Mieterin aufmerksam geworden. Justiz bizarr : Man darf sich folgenlos in seiner Wohnung totqualmen und/oder todsaufen, auch wenn das die Nachbarn nachweislich belästigt, aber wenn man einige dekorative Pflanzen auf dem Balkon hat, von denen sich irgendwelche Spiesser bedroht oder belästigt fühlen, wird man gekündigt. Wer solche Richter hat und solch armselige Gesetze, der braucht keine Feinde mehr !
brehn 01.03.2017
3. naja
Zitat von famdIn unserem Land haben wir ja eine Menge "Schwerkranke" die sich ja seit Jahren um den straffreien Rausch bemühen.
Gratulation zu ihrer herrlich differenzierten Meinung. Achja, Schwerkranke gibts ja garnicht, das sind letzten Endes wohl alles nur verkappte Kiffer, ja? Weiterhin sind sie ja dann sicherlich auch für ein generelles Alkoholverbot.
auf_dem_Holzweg? 01.03.2017
4. schau einer an
20 Jahre später als andere ist besser als nie. Unsere Politik hat echt den Turbo eingelegt, Respekt. Dafür erhalten Merkel & Co bestimmt wieder einen Geschwindigkeitspreis!
TS_Alien 01.03.2017
5.
Der medizinische Nutzen ist gering bzw. nicht erwiesen. Der Suchtfaktor ist keinesfalls niedrig. Oder wie sonst ist zu erklären, dass die Cannabis-Konsumenten das Zeug bei zwielichtigen Gestalten kaufen oder dafür Hunderte Kilometer weit fahren? Es ist sinnvoll, manche Stoffe der Allgemeinheit vorzuenthalten. Zum Schutz von Menschen vor sich selbst.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.