Medizinisches Cannabis Sehr beliebt, kaum erforscht

Schwerkranke Patienten in Deutschland können bald Cannabis auf Rezept erhalten, bezahlt von der Krankenkasse. Doch welche Nebenwirkungen gibt es? Und welche Dosis ist empfehlenswert?

Cannabis-Ernte in Israel
REUTERS

Cannabis-Ernte in Israel

Aus Boston berichtet


Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland. In einigen Ländern ist die Pflanze aber auch als Medizin zugelassen, vor allem für chronische Schmerzpatienten, denen alle konventionellen Mittel nicht ausreichend helfen. Ab März gibt es dann auch in Deutschland Cannabis für Schwerkranke auf Rezept.

Doch es gibt viele Fragen: Wie sicher ist die Einnahme? Welche Nebenwirkungen drohen? Was sind mögliche Langzeiteffekte? Und welche Dosierung ist überhaupt empfehlenswert?

Auf all diese Fragen gibt es bisher nur unzureichende Antworten. Normalerweise durchlaufen Medikamente, ehe sie auf den Markt kommen, diverse Studien, in denen unter anderem die Sicherheit erforscht wird.

Besser als Placebo?

Medizinisches Cannabis aber hat oft einen anderen Weg genommen. In Kanada beispielsweise sind Bürger in den Neunzigerjahren vor Gericht gezogen, um ihr Recht auf Cannabis als Medikament einzuklagen. Inzwischen gilt das einem weiteren Gerichtsurteil zufolge nicht nur für getrocknetes Cannabis, sondern auch für Blüten oder Öle, die Kanadier mit einer entsprechenden Erlaubnis kaufen können.

Systematisch erforscht werden mögliche Nebenwirkungen und Wirkungen jedoch erst seit Kurzem. Gute wissenschaftliche Belege gibt es dafür, dass Cannabis bei chronischem Schmerz helfen kann und bei Übelkeit während einer Chemotherapie besser hilft als Placebo. Ebenso könne es die schmerzhaften Muskelanspannungen und Verkrampfungen bei Multipler Sklerose lindern, sagt Staci Gruber von der Harvard Medical School auf der US-Wissenschaftskonferenz AAAS in Boston.

Bei allen anderen Beschwerden ist die Datenlage dünn.

2015 hatte ein internationales Forscherteam 28 Datenbanken auf der Suche nach Studien durchgeforstet, die sich mit der Wirkung von Cannabis als Medikament auseinandergesetzt hatten.

Die Ergebnisse zu den einzelnen Krankheiten im Detail:

Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie: Wie sehr Cannabis die Nebenwirkungen einer Chemotherapie abmildern kann, gehört zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Therapiemöglichkeiten. Zu dem Thema fanden die Forscher 28 Studien mit mehr als 1700 Teilnehmern. Alle Untersuchungen sprachen dafür, dass Cannabis Übelkeit und Erbreche besser lindert als ein Placebo oder ein anders Medikament. Die Unterschiede waren allerdings in allen Studien so gering, dass sie statistisch nicht signifikant waren.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich kleine Wirkung

Appetitlosigkeit durch HIV/Aids: Wie gut Cannabis den Appetit von Menschen mit HIV anregen kann, haben vier Studien mit etwas mehr als 250 Teilnehmern untersucht. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Cannabis beim Zunehmen hilft, die Effekte waren allerdings gering. Eine Untersuchung kam so auch zum Schluss, dass Megastrol - ein anderes appetitanregendes Medikament - stärker wirkt als der untersuchte Cannabis-Wirkstoff.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Chronische Schmerzen: Die Wirkung bei chronischen Schmerzen ist im Vergleich sehr gut untersucht, die Forscher fanden 28 Studien, an denen mehr als 2400 Menschen teilgenommen hatten. Die Gründe für die Schmerzen waren allerdings sehr verschieden und reichten von Diabetes bis hin zu Krebserkrankungen. Die Daten deuteten grundsätzlich darauf hin, dass Schmerzpatienten von der Behandlung mit Cannabis profitierten, lautet das Fazit der Forscher. Allerdings seien die meisten gefundenen Unterschiede nicht statistisch signifikant.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Spastik durch Multiple Sklerose oder Querschnittslähmung: Den Effekt auf Krämpfe untersuchten 14 Studien mit mehr als 2000 Patienten, davon beschäftigten sich elf (2138 Patienten) mit Menschen mit Multipler Sklerose und drei (142 Patienten) mit Menschen mit Querschnittslähmung. Auch wenn nicht alle Ergebnisse statistisch signifikant waren, sprechen die Untersuchungen dafür, dass Cannabis einer Spastik entgegensteuert.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Depressionen: Die Forscher fanden keine Studie, die sich auf die Wirkung von Cannabis und Depressionen konzentrierte und qualitativ gut war. Bei fünf Untersuchungen waren Depressionen einer von mehreren untersuchten Faktoren. Bei drei von ihnen ging es den Menschen nach der Einnahme nicht besser als nach der eines Placebos; eine kam sogar zum Ergebnis, dass sich die höchste untersuchte Cannabis-Dosis im Vergleich zum Placebo negativ auswirkt.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich keine Wirkung

Angststörungen: Nur eine Studie beschränkt sich auf die Wirkung von Cannabis im Zusammenhang mit der Therapie von Angststörungen; außerdem fanden die Forscher vier Studien, bei denen ein Teil der Patienten eine Angststörungen hatte. Sie alle sprechen dafür, dass Cannabis die Behandlung unterstützen könnte und besser wirkt als ein Placebo. Vor allem bei der ersten Studie gebe es allerdings ein hohes Risiko für Verzerrungen, schreiben die Forscher.

Fazit: Bislang kaum untersucht, Studien sprechen für positiven Effekt

Schlafstörungen: Auf den Effekt von Cannabis bei Schlafstörungen konzentrierten sich nur zwei Studien mit 54 Teilnehmern, bei 19 Untersuchungen waren Schlafprobleme eine von mehreren untersuchten Beschwerden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Cannabis etwa bei Schlaflosigkeit und Atemaussetzern im Schlaf helfen kann; beim Vergleich mit einem Schlafmedikament war der Stoff jedoch unterlegen.

Fazit: mittelmäßig untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Psychose: Zur Wirkung bei Psychosen stießen die Forscher auf zwei Studien mit 71 Teilnehmern. Alle Ergebnisse hätten ein hohes Risiko für Verzerrung, schreiben sie. Beide Untersuchungen konnten jedoch auch keinen Unterschied zwischen der Behandlung mit Cannabis, einem Placebo oder dem Wirkstoff Amisulprid nachweisen.

Fazit: wenig untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Grüner Star: Beim Grünen Star, auch Glaukom genannt, leidet das Auge unter einem zu hohen Augeninnendruck oder einer mangelnden Durchblutung. Es gibt Hinweise darauf, dass die Inhaltsstoffe von Cannabis den Augeninnendruck senken können. Zur Therapie des Glaukoms mit Marihuana fanden die Forscher jedoch nur eine winzige Studie mit sechs Teilnehmern - die keinen Unterschied zwischen einer Behandlung mit Cannabis oder mit einem Placebo feststellen konnte.

Fazit: kaum untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Tourettesyndrom: Bei dieser Suche fanden die Forscher nur wenige, aber ermutigende Ergebnisse: Zwei kleine Studien mit 36 Teilnehmern ergaben, dass eine Behandlung mit THC-Kapseln die für die Krankheit typischen Tics möglicherweise abmildert.

Fazit: wenig untersucht, Ergebnisse vielversprechend

Medizinisches Cannabis zu erforschen, ist komplizierter, als man denkt. Das beginnt schon mit der Definition, erklärt der Forscher Ryan Vandrey von der Johns Hopkins University in Baltimore. Es gebe extrem viele verschiedene Produkte auf dem Markt. Cannabis kann geraucht, verdampft, gegessen oder über die Haut zugeführt werden. Wie schnell und wie stark es wirkt und welche Nebenwirkungen zu erwarten sind, hängt davon ab, wie es eingenommen wird.

Falsche Angaben zum THC-Gehalt

Vandrey und Kollegen haben überprüft, ob medizinische Cannabis-Produkte zum Verzehr korrekt deklariert sind. Ihre Analyse von 75 verschiedenen Bonbons, Schokoladen, Backwaren und Getränken ist besorgniserregend: Nur 13 Prozent gaben den THC-Gehalt korrekt an. 60 Prozent enthielten deutlich weniger THC, 23 Prozent erheblich mehr. Beides ist problematisch: Bei einer zu geringen Dosis wirkt das Produkt nicht, es lindert also beispielsweise nicht den Schmerz. Bei zu großen Mengen können ernste Nebenwirkungen eintreten, etwa Angstzustände. Man brauche eine bessere Qualitätskontrolle in den USA, sagt Vandrey.

Mark Ware von der McGill University in Montreal, Kanada, hat es etwas leichter als sein US-Kollege: Wenn die Patienten in der großen Beobachtungsstudie, die er durchführt, sagen, von welchem der zugelassenen Händler sie ihr Cannabis beziehen, dann weiß er zumindest, welchen Gehalt an THC und CBD die Produkte haben. THC, Tetrahydrocannabinol, ist der wichtigste berauschende Wirkstoff in Cannabis, CBD, Cannabidiol, der wichtigste nicht berauschende. Je nach Züchtung unterscheiden sich die Konzentrationen beider Stoffe deutlich. Allerdings enthält Cannabis mehr als nur THC und CBD, in den Pflanzen stecken Dutzende sogenannter Phytocannabinoide.

Fast 200 Ärzte in Kanada liefern Daten für Wares Studie, an der momentan rund tausend Patienten teilnehmen. Ergebnisse dieser Untersuchung konnte er auf der Konferenz noch nicht vorlegen. Er betont, dass Cannabis nicht jedem Schmerzpatienten hilft. Bei etwa einem Drittel schlage es an, bei einem Drittel helfe es dagegen nicht und das letzte Drittel verspüre deutliche Nebenwirkungen.

Bessere Lebensqualität

Eine frühere, kleinere Studie zeigte aber, dass Menschen mit chronischen Schmerzen, die anfangen Cannabis zu konsumieren, nicht mehr schwere Nebenwirkungen erleiden als chronische Schmerzpatienten, die bei ihrer üblichen Medikation bleiben. Sie hatten aber häufiger mit leichten Nebenwirkungen wie etwa Kopfschmerzen zu kämpfen. Nach einem Jahr, in dem sie medizinisches Cannabis eingenommen hatten, berichteten die Probanden von einer besseren Lebensqualität und geringeren Schmerzen.

Wenn Schmerzpatienten medizinisches Cannabis konsumieren, brauchen sie zudem weniger Opioide - diese Schmerzmittel haben starke Nebenwirkungen und machen abhängig. Außerdem nehmen die Betroffenen weniger Antidepressiva ein.

Staci Gruber interessiert sich für die Langzeitwirkungen von medizinischem Cannabis. Konsumieren Menschen die Droge, um sich zu berauschen, dann wirkt sich das nicht gerade positiv auf einige Denkprozesse aus - besonders wenn der Konsum schon im Jugendalter einsetzt. Umso erstaunlicher sind Grubers erste Ergebnisse: Nehmen Patienten medizinisches Cannabis, verbessern sich ihre kognitiven Leistungen.

Noch lässt sich nur mutmaßen, worauf der Unterschied beruht. Eine Möglichkeit ist, dass Patienten andere Produkte bevorzugen, weil sie sich nicht unbedingt berauschen wollen. Auch der Altersunterschied zwischen den beiden Konsumentengruppen könnte eine Rolle spielen. Möglich ist auch, dass es schlicht ein Nebeneffekt der schmerzlindernden Wirkung ist, die bei den Studienteilnehmern eingesetzt hatte: Wer sich besser fühlt, kann sich auch besser konzentrieren. Sie betont, dass sich dieses Ergebnis nicht auf den Konsum von Cannabis ohne medizinischen Grund übertragen lässt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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faiba 20.02.2017
1. naturprodukt
cannabis ist ein naturprodukt und kann im gegensatz zu künstlichen pharmazeutischen produkten relativ gefahrlos im selbstversuch getestet werden. übrigens muss man meines wissens nicht schwerkrank sein um ein cannabis auf rezept verschrieben zu bekommen, man muss es bei den kleinen wehwehchen dann nur selbst bezahlen.
muadib123 20.02.2017
2.
klar ist, auch Cannabis hat Nebenwirkungen. Es wird kaum jemand abstreiten dass es zu psychischer Abhängigkeit führen kann (ja, das kann Zucker und Fett auch) und dass es Implikationen bei etwa Psychotischen prädispositionen kommen kann (wobei nicht klar ist, so zumindest mein Wissensstand, ob es diese verursacht oder vorhandene nur verstärkt/fördert). Klar ist aber auch, dass diese Effekte weit geringer (in Häufigkeit) sind als die dokumentierten Nebenwirkungen von gängigen pharmazeutischen Erzeugnissen. Und da macht auch keiner einen Affen. Ebenso gibt es genug Medikamente auf dem Markt, die das ganze Prozedere der Zulassung durchgemacht haben und deren Wirksamkeit trotzdem umstritten ist. Ich finde es auch ein seltsames Konstrukt das Cannabis einerseits die häufigste genutzte illegale Droge ist (wer kennt nicht jemanden der ab und an mal kifft, macht es selbst oder hat mal in seiner probiert (ob mit oder ohne inhalieren.. ;-). Andererseits jetzt aber als "kaum erforscht" hingestellt wird.
d.enkmalwieder 20.02.2017
3. Es liegt in der Natur der Sache...
das ein natürliches Produkt das es in hunderten verschiedenen Varietäten gibt auch unterschiedlich wirkt. Ich habe selbst mal (erstmals in "hohem" Alter) Hanf aus medizinischen Gründen konsumiert. Der Erfolg war von "spektakulär" bis "naja" Fakt ist: Hanf KANN für viele und vieles ein probates Mittel und die Alternative zu klassischen (und oft sehr bedenklichen!) Mitteln sein- das gilt es einfach zu testen und zu erforschen. Das dies jahrzehntelang vertuscht, verleugnet und unter den Teppich gekehrt wurde ist für mich ein anderer Fakt und imho ein veritabler Skandal an dem viele Protagonisten mitgewirkt haben und immer noch wirken. Es ist für mich nahezu ein Hohn wenn die fehlenden empirischen Untersuchungen jetzt als ablehnendes Argument benutzt werden. Schließlich waren die abartig überzogenen Regularien des BtmG die Ursache dafür das nahezu keinerlei Forschung möglich war. Ein anderer Fakt- Betroffene können sich ohne allzu große Bedenken an den Versuch wagen. Es hilft oder eben weniger bis gar nicht- die Gefahr einer gefährlichen (langfristig schädlichen!) Überdosierung ist nicht vorhanden. Und wenn Sorte A nichts nutzt- kann es bei Sorte B schon wieder ganz anders sein.
mcbarby 20.02.2017
4. Verlogene Gesetzeslage
Es ist nicht nachvollziehbar, dass Cannabis illegal ist. Vor allem finde ich es verlogen, wenn Cannabis als gesundheitsgefährdend dargestellt wird - nur aufgrund der Tatsache, dass es nicht legal ist. Man betrachte sich mal die schweren gesundheitlichen Auswirkungen der staatlich legitimierten Droge Alkohol! Allein die Anzahl der schwer erkrankten und Todesopfer durch Alkohol übertrifft die "Opfer" von Cannabis um ein Vielfaches. Drogen jeder Art (und nicht nur die, die auf Staatsbanketts gereicht werden) gehören legalisiert - würde so nebenbei auch die gesamte Beschaffungskriminalität trocken legen.
deranaluest 20.02.2017
5. Naturprodukt
Ricin ist auch ein Naturprodukt und ich werde den Teufel tun dies im Selbstversuch zu testen. Nicht alles was aus der Natur kommt ist per se lieb und Harmonie. Auch mit einem heranstürmenden Löwen möchte ich mich nicht über die wunderbare Welt der Natur unterhalten. Canabis als Medizin find ich trotzdem einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Freigabe. Am liebsten in Drogenshops die dann auch Alkohol und Tabak verkaufen und diese nicht mehr im Lebensmittelhandel verkauft werden.
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