Unter Drogen hinterm Steuer Sollten Cannabis-Patienten Auto fahren?

Wer medizinisches Cannabis nimmt, darf Auto fahren. Wer kifft, nicht. Das klingt unfair. Doch für die Unterscheidung gibt es mehrere Gründe.

Getrocknetes Marihuana
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Getrocknetes Marihuana

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Wer gekifft hat, muss das Auto stehen lassen. Das gilt allerdings nicht für Menschen, die medizinisches Cannabis zu sich nehmen. Bei den 56. Deutschen Verkehrsgerichtstagen diskutieren Experten deshalb nun, ob das Fahrverbot nicht nur für Rauschkonsumenten, sondern auch für alle Cannabispatienten gelten sollte.

Dass sie bislang nicht gleichbehandelt werden, liegt am Status des medizinischen Cannabis als Arzneimittel. "Für Patienten, die medizinisches Cannabis erhalten, gilt das gleiche wie für alle anderen Menschen, die Medikamente nehmen und Auto fahren", sagt Johannes Horlemann, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin. Fahren darf, wer sich dazu selbst in der Lage sieht.

"Es gibt kein Gesetz, das die Teilnahme am Straßenverkehr bei Einnahme von Medikamenten generell verbietet oder einschränkt", schreibt der ADAC in einer Broschüre. Jeder Patient muss also selbst entscheiden - im Zweifel mithilfe seines Arztes und der Packungsbeilage -, ob er fit genug ist fürs Fahren. Auch nach der Einnahme von medizinischem Cannabis.

Cannabis macht manchen das Fahren erst wieder möglich

"Dabei muss man sich klarmachen, dass Fahren ohnehin nur für sehr wenige Nutzer von medizinischem Cannabis infrage kommt", sagt Horlemann. Seit März 2017 gibt es Cannabis in Deutschland auf Rezept. Die Arzneien sind vor allem für Menschen mit schweren chronischen Schmerzen bestimmt, denen andere Medikamente keine Linderung bringen. "Viele sind bettlägerig oder können aus anderen Gründen ohnehin kein Auto mehr fahren."

Wer trotz schwerer Krankheit Auto fährt, muss sich an gesetzliche Vorgaben halten. Straffrei bleiben die Patienten demnach nur, wenn sie Cannabis so wie vom Arzt vorgeschrieben nutzen, stellte die Bundesregierung 2017 in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Linken klar. Verhalten sich Patienten hinterm Steuer auffällig, müssen sie mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe rechnen - genau wie etwa ein alkoholisierter oder anderweitig durch Medikamente oder Drogen berauschter Fahrer.


Gegen diese Krankheiten kommt Cannabis zum Einsatz

Der medizinische Nutzen von Cannabis ist nur selten mit großen Studien belegt. 2015 hatte ein internationales Forscherteam 28 Datenbanken auf der Suche nach Studien durchforstet, die sich mit der Wirkung von Cannabis als Medikament auseinandergesetzt hatten.

Die Ergebnisse zu den einzelnen Krankheiten im Detail:

Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie: Wie sehr Cannabis die Nebenwirkungen einer Chemotherapie abmildern kann, gehört zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Therapiemöglichkeiten. Zu dem Thema fanden die Forscher 28 Studien mit mehr als 1700 Teilnehmern. Alle Untersuchungen sprachen dafür, dass Cannabis Übelkeit und Erbreche besser lindert als ein Placebo oder ein anders Medikament. Die Unterschiede waren allerdings in allen Studien so gering, dass sie statistisch nicht signifikant waren.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich kleine Wirkung

Appetitlosigkeit durch HIV/Aids: Wie gut Cannabis den Appetit von Menschen mit HIV anregen kann, haben vier Studien mit etwas mehr als 250 Teilnehmern untersucht. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Cannabis beim Zunehmen hilft, die Effekte waren allerdings gering. Eine Untersuchung kam so auch zum Schluss, dass Megastrol - ein anderes appetitanregendes Medikament - stärker wirkt als der untersuchte Cannabis-Wirkstoff.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Chronische Schmerzen: Die Wirkung bei chronischen Schmerzen ist im Vergleich sehr gut untersucht, die Forscher fanden 28 Studien, an denen mehr als 2400 Menschen teilgenommen hatten. Die Gründe für die Schmerzen waren allerdings sehr verschieden und reichten von Diabetes bis hin zu Krebserkrankungen. Die Daten deuteten grundsätzlich darauf hin, dass Schmerzpatienten von der Behandlung mit Cannabis profitierten, lautet das Fazit der Forscher. Allerdings seien die meisten gefundenen Unterschiede nicht statistisch signifikant.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Spastik durch Multiple Sklerose oder Querschnittslähmung: Den Effekt auf Krämpfe untersuchten 14 Studien mit mehr als 2000 Patienten, davon beschäftigten sich elf (2138 Patienten) mit Menschen mit Multipler Sklerose und drei (142 Patienten) mit Menschen mit Querschnittslähmung. Auch wenn nicht alle Ergebnisse statistisch signifikant waren, sprechen die Untersuchungen dafür, dass Cannabis einer Spastik entgegensteuert.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Depressionen: Die Forscher fanden keine Studie, die sich auf die Wirkung von Cannabis und Depressionen konzentrierte und qualitativ gut war. Bei fünf Untersuchungen waren Depressionen einer von mehreren untersuchten Faktoren. Bei drei von ihnen ging es den Menschen nach der Einnahme nicht besser als nach der eines Placebos; eine kam sogar zum Ergebnis, dass sich die höchste untersuchte Cannabis-Dosis im Vergleich zum Placebo negativ auswirkt.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich keine Wirkung

Angststörungen: Nur eine Studie beschränkt sich auf die Wirkung von Cannabis im Zusammenhang mit der Therapie von Angststörungen; außerdem fanden die Forscher vier Studien, bei denen ein Teil der Patienten eine Angststörungen hatte. Sie alle sprechen dafür, dass Cannabis die Behandlung unterstützen könnte und besser wirkt als ein Placebo. Vor allem bei der ersten Studie gebe es allerdings ein hohes Risiko für Verzerrungen, schreiben die Forscher.

Fazit: Bislang kaum untersucht, Studien sprechen für positiven Effekt

Schlafstörungen: Auf den Effekt von Cannabis bei Schlafstörungen konzentrierten sich nur zwei Studien mit 54 Teilnehmern, bei 19 Untersuchungen waren Schlafprobleme eine von mehreren untersuchten Beschwerden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Cannabis etwa bei Schlaflosigkeit und Atemaussetzern im Schlaf helfen kann; beim Vergleich mit einem Schlafmedikament war der Stoff jedoch unterlegen.

Fazit: mittelmäßig untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Psychose: Zur Wirkung bei Psychosen stießen die Forscher auf zwei Studien mit 71 Teilnehmern. Alle Ergebnisse hätten ein hohes Risiko für Verzerrung, schreiben sie. Beide Untersuchungen konnten jedoch auch keinen Unterschied zwischen der Behandlung mit Cannabis, einem Placebo oder dem Wirkstoff Amisulprid nachweisen.

Fazit: wenig untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Grüner Star: Beim Grünen Star, auch Glaukom genannt, leidet das Auge unter einem zu hohen Augeninnendruck oder einer mangelnden Durchblutung. Es gibt Hinweise darauf, dass die Inhaltsstoffe von Cannabis den Augeninnendruck senken können. Zur Therapie des Glaukoms mit Marihuana fanden die Forscher jedoch nur eine winzige Studie mit sechs Teilnehmern - die keinen Unterschied zwischen einer Behandlung mit Cannabis oder mit einem Placebo feststellen konnte.

Fazit: kaum untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Tourettesyndrom: Bei dieser Suche fanden die Forscher nur wenige, aber ermutigende Ergebnisse: Zwei kleine Studien mit 36 Teilnehmern ergaben, dass eine Behandlung mit THC-Kapseln die für die Krankheit typischen Tics möglicherweise abmildert.

Fazit: wenig untersucht, Ergebnisse vielversprechend

Dass Cannabis als Rauschmittel und als Arznei unterschiedlich bewertet wird, hat einen einfachen Grund: Während Cannabis als Droge dem persönlichen Vergnügen dient, ermöglicht die medizinische Anwendung schwerkranken Patienten das Autofahren mitunter erst wieder. So können starke Schmerzen etwa die Konzentrationsfähigkeit und damit auch die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen.

"Eine Rauschwirkung ist nicht Sinn der Therapie"

Auch in der Anwendung gibt es teils deutliche Unterschiede zwischen Freizeitkonsum und medizinischem Einsatz: "Eine Rauschwirkung ist nicht Sinn einer Therapie", erklärt Horlemann. Stattdessen gehe es darum, den Patienten eine stabile Wirkdosis der in den Mitteln enthaltenen Cannabinoide zu verabreichen. Neben dem potenziell berauschenden Wirkstoff THC kommt dabei auch das kaum psychoaktive CBD zum Einsatz.

Wird THC dem Körper kontinuierlich zugeführt, stellt sich eine Gewöhnung ein. Wer allerdings plötzlich nennenswerte Mengen aufnimmt - etwa beim Rauchen eines Joints - erlebt einen Rausch. Auch zu Beginn einer Therapie oder bei Dosisänderungen kann die Fahrtüchtigkeit dadurch eingeschränkt sein. "In dieser Zeit rate ich meinen Patienten vom Autofahren ab", sagt Horlemann. Wenn Cannabisblüten im Rahmen der Therapie verdampft werden, ist er ebenfalls skeptisch, weil die Dosis hier oft nicht so stabil ist.

Konsumiert ein Patient dagegen beispielsweise dreimal am Tag eine Cannabiskapsel, könne er in der Regel nach der Eingewöhnung von 8 bis 14 Tagen Auto fahren, so Horlemann. "Das ist bei starken Schmerzmitteln wie Opioiden übrigens ähnlich." Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) rät Patienten, ihr aktuelles Cannabisrezept oder die Therapiebescheinigung immer dabei zu haben. Pflicht ist das aber nicht.

Wer unter Medikamenteneinfluss fährt, macht sich immer angreifbar

Kompliziert kann es allerdings werden, wenn Patienten unter Cannabiseinfluss einen Unfall verursachen. "Wer Medikamente genommen hat, die unter Umständen die Fahrtüchtigkeit einschränken, macht sich immer angreifbar", sagt Horlemann. Das gelte nicht nur für Cannabis, sondern zum Beispiel auch für bestimmte Mittel gegen Bluthochdruck oder Heuschnupfen und für Menschen, die etwa mit Grippe Auto fahren.

Letztlich liegt es dann im Ermessen der Polizei oder von Gerichten, inwiefern der Medikamentenkonsum oder die Krankheit im konkreten Fall zum Unfall beigetragen haben. Grundsätzlich gilt: Wer Medikamente nimmt, sollte sich vor einer Autofahrt bei seinem Arzt, beim Apotheker oder im Beipackzettel informieren, inwiefern diese die Fahrtauglichkeit beeinträchtigen können. Rät der Arzt vom Fahren ab oder fühlt sich der Patient nicht gut, sollte er aufs Auto verzichten.

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