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THC als Medizin: Apotheken-Cannabis könnte viel billiger sein

Vor einem Gericht erstritten Schwerkranke das Recht auf den Eigenanbau von Cannabis, weil das Gras aus der Apotheke für sie unbezahlbar ist. Dabei müsste medizinisches Cannabis gar nicht so teuer sein.

Medizinisches Cannabis: Bisher übernehmen Krankenkassen nicht die Kosten Zur Großansicht
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Medizinisches Cannabis: Bisher übernehmen Krankenkassen nicht die Kosten

Für Schwerkranke kann Cannabis ein Segen sein. Aber es gibt Streit darüber, wer es bezahlen soll: Der Patient selbst oder die Krankenkasse? Bisher lehnen die Kassen die Kostenübernahme für die wenigen Betroffenen (etwa 200 bis 300 in Deutschland) ab. Weil das Apotheken-Gras zu teuer ist, haben viele Patienten de facto keinen Zugriff darauf - eine Petition möchte das ändern.

Vor Kurzem hatte ein Kölner Gericht entschieden, dass das nicht sein darf. Schwerkranke sollen deshalb eigenes Cannabis anbauen dürfen. Gegen dieses Urteil hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das die Sondergenehmigungen für den Bezug aus der Apotheke vergibt, Berufung eingelegt.

Tatsächlich ist die Studienlage zur medizinischen Wirkung von Cannabis widersprüchlich bis dünn. Und dass die Kassen mit unseren Beiträgen nur das bezahlen, was erwiesenermaßen hilft, ist eigentlich gut.

Doch dann dürften sie auch nicht die Kosten von Homöopathika übernehmen, für deren Wirksamkeit es über einen Placeboeffekt hinaus keine Belege gibt. Auch bei Patienten mit Tourettesyndrom bezahlen die Kassen kein Cannabis, das die unkontrollierten Tics lindern kann. Die Kosten anderer, in Deutschland nicht zugelassener und gleich teurer Medikamente erstatten sie dagegen anstandslos, wie die Neurologin Kirsten Müller-Vahl berichtet.

Cannabis aus dem Eigenanbau: "qualitativ schlechtes Arzneimittel"

Offiziell äußert sich das BfArM nicht zum laufenden Verfahren. Aber in einem Schreiben an das Sozialgericht Mannheim macht es seine Motive deutlich: "Aus ärztlicher Sicht ist dies ein - im Sinne der adäquaten Patientenversorgung - kaum vertretbarer Zustand. Das qualitativ mit Abstand schlechteste Arzneimittel, nämlich Cannabis aus dem Selbstanbau, verbleibt als einzige Therapieoption, weil die Therapie mit Dronabinol (ein Cannabis-Extrakt - d. Red.) oder Cannabis aus kontrolliertem Anbau nicht finanzierbar und damit auch nicht verfügbar ist."

Ein Bundesinstitut, dessen Job es ist, Fertigarzneimittel zu überwachen und Risiken abzuwehren, kann natürlich kein Interesse daran haben, dass sich Patienten ihre Arznei selbst zusammenbrauen. Man könnte nun sagen, was soll's? Es geht um Menschen, die womöglich nicht mehr lange zu leben haben. Man könnte aber auch sagen: Warum sollen sie weniger Recht auf Qualität haben? Zumal, wie etwa bei Tourette, auch chronisch kranke Patienten betroffen sind.

Zweifellos ist der Eigenanbau billiger. Aber einfach ist er nicht. Schenkt man Anbauanleitungen im Internet Glauben, landet man bei Investitionskosten von rund 600 Euro für einen Ernteertrag von 300 Gramm Cannabisblüten. Pro Gramm zahlt man also etwa zwei Euro. In der Apotheke kostet das Gramm laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände 15 bis 18 Euro.

Diese Rechnung berücksichtigt aber weder den Arbeitsaufwand noch die zahlreichen Einschränkungen: Ventilatoren laufen ständig, weil Cannabis stinkt, Lampen brennen 12 Stunden pro Tag, man benötigt entsprechend Platz und vor allem bekommt man Cannabis von unbekannter Qualität. Medizinisches Cannabis aus der Apotheke enthält hingegen bis zu 22 Prozent des Wirkstoffs THC.

In Holland ist medizinisches Cannabis billiger - warum?

Deutschland importiert medizinisches Cannabis vom holländischen Hersteller Bedrocan. Die Firma hat von der holländischen Behörde für medizinisches Cannabis, die auch den Export organisiert, die exklusive Genehmigung zur Produktion. In einer holländischen Apotheke kostet das Gramm aber nur acht Euro.

Warum ist deutsches Apotheken-Cannabis mehr als doppelt so teuer?

Eingeführt wird es über die Fagron GmbH & Co KG. Zu welchem Preis und was die Firma am Import verdient, wollen weder sie noch die holländische Behörde verraten. Konkurrenz - und damit Wettbewerb sowie sinkende Preise - gab es für Fagron jahrelang nicht, obwohl es jeder Firma offenstehe, eine Importgenehmigung zu beantragen, wie das BfArM sagt. Erst seit einiger Zeit gibt es einen zweiten Importeur, die Chilla Clinical Trials Supply GmbH.

Auf den Abgabepreis von Fagron schlagen deutsche Apotheker nochmals 100 Prozent auf. Laut einer Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ist diese Apothekenspanne vorgeschrieben. Aber auch hier gäbe es Spielraum: "Die Apothekenspanne für Cannabis könnte der Deutsche Apothekerverband mit den Krankenkassen neu verhandeln", so die Sprecherin. Für die Patienten könnten so massive Preissenkungen erwirkt werden.

Wieso aber muss Cannabis überhaupt teuer importiert werden? Deutschland könnte eine eigene, staatlich kontrollierte Produktion aufbauen. Damit wäre jedem gedient - Patient und BfArM. Die holländische Cannabis-Behörde ist jedenfalls gerne behilflich: "Wenn die deutsche Regierung sich dazu entschließen sollte, eine Behörde für medizinisches Cannabis und eine heimische Produktion gemäß der Uno-Verträge einzurichten, sind wir gerne bereit, Informationen aus unserer mehr als zehnjährigen Erfahrung zu teilen."

Geplant ist eine solche Behörde in Deutschland bislang nicht. Das Bundesgesundheitsministerium teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, "die Errichtung einer Cannabisagentur im Falle des legalen Anbaus von Cannabis zu medizinischen Zwecken" sei zu prüfen.

MEDIZINISCHES CANNABIS - FRAGEN AN DIE EXPERTIN

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Daher kommt der Begriff Apothekenpreise
LapOfGods 17.09.2014
"Auf den Abgabepreis von Fagron schlagen deutsche Apotheker nochmals 100 Prozent auf. Laut einer Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ist diese Apothekenspanne vorgeschrieben." Wie bitte? Was ist denn das für ein Gesetz? Feine Sache diese Berufe mit der staatlich vergegebenen Lizenz zum Gelddrucken. Aber sonst verweist man überall an die Macht des Marktes.
2. kein problem
buddel 17.09.2014
die frage nach der finanzierbarkeit von cannabis als medikament erledigt sich in dem moment, wo marihuana und hasch endlich entkriminalisiert sind.
3. Wucher bei Kranken?
quaki 17.09.2014
Es gibt kein Wucher bei den Kranken dieses Landes... Das sind nur marktübliche Preise, die von den Kranken(-kassen) genommen werden... Die Rechtfertigung vor wem auch immer überlasse ich anderen.
4. 1. April
koyaniskatsi 17.09.2014
in der Apotheke soll was billiger, liebe Redaktion, wer über Cannabis schreibt, muss nicht selbst rauchen. Wer wissen will; wie billig unsere lieben Apotheker Aspirin, Ben-u-ron oder sonst was verkaufen, solte mal die Preise mit Supermärkten in usa oder England vergleichen. " in der Apotheke billiger" ich bestell heute noch mein Spiegel abo ab!
5. ich hätte gedacht das wär teurer.....
hansdampf86 17.09.2014
15-18€ /g für Gras mit 22%THC ist doch in Ordnung. soviel zahlt man auch im Amsterdammer Coffeeshop für Gras dieser Qualität. beim Dealer des Vertrauens zahlt man ca. 10€ für ca. 15% THC. und da man ja das Gras zu medizinischen Zwecken raucht, und nicht um sich stoned zu werden sollte 1g für 3-4 Joints reichen....
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