Medizinisches Crowdfunding Sammeln für die OP

12.000 Dollar für eine Herz-OP, 25.000 für ein Projekt zur Krebsforschung: Die Zahl der Crowdfunding-Projekte aus dem medizinischen Bereich nimmt zu. Für viele Kranke ist die finanzielle Hilfe aus dem Netz die letzte Hoffnung. Kann das gutgehen?


Crowdfunding heißt das Phänomen, wenn Nutzer im Netz Geld für ein bestimmtes Projekt sammeln. Nun stoßen Webseiten hinzu, die medizinisches Crowdfunding anbieten. Sie haben Namen wie Watsi, Healfundr, GiveForward oder Consano. Hunderte Schicksale kranker Menschen sind dort per Foto und Kurztext einsehbar. Sie hoffen auf Spenden aus der Netzgemeinde, um sich eine teure OP oder nötige Medikamente leisten zu können. Je nach Fall kommen schnell Tausende Euro für die Betroffenen zusammen.

Schicksale von Betroffenen sind es, die teils auch zur Gründung der Plattformen geführt haben: Im Oktober 2011 diagnostizierten Ärzte bei der US-Amerikanerin Molly Lindquest Brustkrebs. Tage später entfernte man ihre beiden Brüste, vier Chemotherapie-Behandlungen folgten. Doch anstatt die Aufmerksamkeit nur auf sich zu lenken, entschied sich die heute 35-Jährige für einen anderen Weg: Lindquest gründete Consano, lateinisch für "zu heilen". Sie will damit medizinische Forschung unterstützen, um so ihren Töchtern das gleiche Schicksal zu ersparen: Wie ihre Mutter tragen sie die genetische Mutation CHEK2 in sich, die 2006 als Risikofaktor für Brustkrebs identifiziert wurde.

Bisher sind es sechs medizinische Projekte, die man über Lindquests Seite unterstützen kann. Wie etwa das von der Kimmie Ng. Die Krebsspezialistin vom Dana Faber Cancer Institute in Boston untersucht die Rolle von Vitamin D bei Dickdarmkrebs. 25.000 US-Dollar will sie sammeln, 13.350 US-Dollar sind bisher zusammengekommen, die Aktion läuft noch etwa einen Monat.

Hilfe für Fälle aus der dritten Welt

Chase Adam, Gründer von Watsi, bewegte ein anderes Schicksal dazu, eine medizinische Crowdfunding-Plattform ins Leben zu rufen: Bei einer Überlandbusfahrt in Guatemala begegnete er einer Mutter, die bei den Mitreisenden Geld für ihren kranken Sohn einsammelte, um ihm so eine weitere OP zu finanzieren. Bei Watsi beteiligen sich heute Web-Nutzer mit mindestens fünf US-Dollar an der medizinischen Behandlung von Patienten in den ärmsten Weltregionen. Auf 121 Seiten werden Einzelschicksale aufgelistet, darunter auch jener Fall der damals sechsjährigen Madeline aus Guatemala. Für deren Herzoperation sammelten Nutzer insgesamt 1195 US-Dollar .

Möglich, dass dies Betrüger anlockt, die ebenfalls an der Hilfsbereitschaft der Netzgemeinde verdienen möchten. Karsten Wenzlaff sieht keinen Grund zur Sorge: "Crowdfunder sind keine anonyme Masse", sagt der Geschäftsführer des privatwirtschaftlichen Instituts für Kommunikation in sozialen Medien (Ikosom). "Menschen unterstützen einen medizinischen Fall, weil sie dem Anbieter glauben." Die Plattformen trügen die Verantwortung dafür, Betrug zu verhindern. Dafür gebe es technische Möglichkeiten: "Stammen mehrere Projekte von nur einer IP-Adresse, so ist das anrüchig und sollte überprüft werden."

Aber auch die teilweise nicht ausgewiesenen Verwaltungskosten sorgen für Kritik. Über diese sprechen nicht alle Seiten so offen wie Consano: "100 Prozent ihrer Spende, minus einer 2,2-prozentigen PayPal-Gebühr gehen direkt in das Projekt Ihrer Wahl. Consano finanziert seine Organisationskosten mit Unterstützung von Firmen, Stiftungsgeldern und privaten Spenden", heißt es auf der Homepage.

Ist das wahr?

Auch im Bereich der Medizinethik stellen sich neue Fragen. "Ist das, was berichtet wird, wahr? Wie wählt man die Einzelschicksale aus, und ist der Betroffene informiert?", sagt Florian Steger, Direktor des Instituts für Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Halle. "Solange jene Fragen geklärt sind, spricht grundsätzlich nichts gegen diese Seiten."

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob Madelines OP erfolgreich verlaufen sei, antwortet Watsi-Gründer Adams lediglich: "Sie benötigte den Eingriff, um ein Loch in ihrer Herzwand zu schließen. Der Eingriff wurde in Guatemala vorgenommen. Weitere Informationen dürfen wir leider nicht weitergeben, weil Madeline uns dazu keine Einwilligung gab."

Karsten Wenzlaff ist sich sicher: "In fünf bis zehn Jahren werden wir Plattformen sehen, die transparenter sind." Eine mögliche Idee: "Was spricht gegen ein Gütesiegel?", sagt Wenzlaff. Bis ein solches Signet die Glaubwürdigkeit der Seiten belegt, verlassen sich die Nutzer weiter auf ihr Gefühl und die Erfahrungen der Nutzergemeinde.

insgesamt 5 Beiträge
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sok1950 03.05.2014
1. Gütesiegel??? na klar...
Auch Journalisten oder SPON-Schreiberlingen sollte bekannt sein, dass Gütesiegel schnell mal mehrere Zehntausend Euro kosten. Gelten die nicht als Verwaltungskosten? In Deutschland z.B. wird jede gemeinnützige Organisation aller drei Jahre geprüft. Je nach Ausgang wird die Gemeinnützigkeit bestätigt oder nicht. ...und das ist völlig kostenlos.
schmusel 03.05.2014
2. Wenig erstaunlich
Es ist freilich wenig erstaunlich das diese Idee im Entwicklungsland USA entstanden ist - jedenfalls was das Gesundheitssystem angeht. Der böse Obama ist im Begriff diese beinahe schon lächerlichen (wenn es nicht so tragisch wäre) Zustände mit ObamaCare zu ändern und wird dafür als Sozialist, ja sogar Kommunist diffamiert - und weil es in Deutschland übrigens gerade chic ist die USA, Obama, ja den gesamten "Westen" zu hassen, wird er selbst hier von einigen für diese Bemühungen geschmäht. Und selbstverständlich werden sich dieselben Personen hier auch gleich wieder über die USA auslassen, bevor sie sich im nächsten Thread wieder dem Obama bashing widmen. So schliesst sich der Kreis.
andreas.spohr 03.05.2014
3. Damit dann jedenfalls einer richtig abräumen kann!
GÜTESIEGEL!? Das kennen wir in Deutschland doch schon zur Genüge. Hier ist ein Markt entstanden, der angeblich mit "Qualität" arbeitet und auf Kosten der "Nutzer" mit völlig überzogenen Kosten Milliardenumsätze macht und damit der eigentlichen Sache oft massiven Schaden zufügt.
scharfekante 03.05.2014
4. Kleine Anregung
Etwas hilfreich wären Stichproben: Durch seine Spende erwirbt sich ein Spender das Recht, die Durchführung des Projekts vor Ort zu besichtigen und die Krankenunterlagen einzusehen. Dann wird es fast bei jedem Projekt eine Person geben, die auf eigene Kosten hinfährt und die Sache an Ort und Stelle überprüft. Die Spender sind sehr oft selbst Ärzte, Anwälte, Wirtschaftsprüfer, Unternehmer, Studenten usw., die durchaus in der Lage wären, der Spender-Community kompetent und zuverlässig über ihre Beobachtungen zu berichten.
sofakissen 04.05.2014
5. Warum nicht einfach...
...jedem Spender Einblick in die Krankenunterlagen gewähren? Das könnte man doch zur Bedingung machen, um als Einzelschicksal auftreten zu dürfen. Wenn Andere schon die teuren Medikamente oder die OP zahlen, ohne die man entweder schlechter oder gar nicht mehr leben könnte, ist das doch nicht zu viel verlangt. Und so etwas wie ein Vorher-Nachher-Bericht würde andere Interessenten vielleicht dazu ermutigen, ebenfalls ein paar Groschen locker zu machen. Wenn jemand seine Krankengeschichte partout nicht öffentlich machen möchte, muss er ja nicht mitmachen. Man muss ggf. ja auch nicht jedes Detail öffentlich machen, aber wenigstens so grobe Informationen wie "XY hat die OP leider nicht überlebt", "XY konnte das erste mal das Krankenhaus wieder verlassen" oder "Beschwerde Z ist jetzt verschwunden, was XY das Leben stark erleichtert" sollten schon vorhanden sein.
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