Scholls Ausrede Was passiert beim Gehirnschluckauf?

Mehmet Scholl hat sich mit einer amüsanten Erklärung für seine Kritik am Taktikexperten Urs Siegenthaler entschuldigt. Er habe einen "Gehirnschluckauf" gehabt. So abwegig ist das nicht mal.

Mehmet Scholl im Mai 2014: Da sind Emotionen hochgekocht
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Mehmet Scholl im Mai 2014: Da sind Emotionen hochgekocht

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"Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen kommen." Nach dem Sieg der deutschen Nationalelf gegen Italien am Samstag kochten bei Mehmet Scholl die Emotionen über. Nun hat er sich entschuldigt - und eine interessante Erklärung für seinen Ausbruch geliefert.

Er habe "Gehirnschluckauf" gehabt, verkündete Scholl. Den gibt es aus wissenschaftlicher Sicht natürlich nicht. "Das ist eine nette Wortneuschöpfung", sagt Gereon Fink, Neurologe an der Uniklinik Köln und stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Im Fall von Scholl beschreibe der erfundene Begriff aber ein Phänomen, das durchaus bekannt ist: "Unter Stress und in emotionalen Momenten macht das Gehirn leichter Fehler." Dann nämlich gerät das System aus Impulsen und Kontrolle aus dem Gleichgewicht.

Wenn das Kontrollsystem versagt, haben Emotionen freie Bahn

Um im Alltag klarzukommen, sind eigentlich beide Elemente wichtig. Der Teil des Gehirns, der Gefühle und Impulse steuert, hilft, Situationen und fremde Menschen schnell einzuschätzen. Der Stirnlappen ist dann dafür zuständig, die emotionalen Signale zu prüfen. In ihm sitzen abstraktes und rationales Denken.

"Wenn ich mich neu verliebe, aber schon verheiratet bin, kommt aus dem Stirnlappen im Regelfall ein Stoppsignal", erklärt Fink das Zusammenspiel. Das funktioniert allerdings nur, wenn im Stirnlappen genug Kapazität frei ist. Bei einem Live-Auftritt im Fernsehen sei der Stresslevel hoch, der Stirnlappen habe viel zu tun, so der Neurologe.

Gleichzeitig weckt Fußball bei Fans starke Gefühle. Scholl sagt selbst, er gucke die Spiele der Nationalmannschaft "mit sehr viel Emotionen". Bei seiner Taktik-Kritik sind die dann im wahrsten Sinne übergekocht. "Scholl hat ungefiltert rausgelassen, was ihm spontan in den Sinn kam", meint Fink.

Hoch emotionale Frankreich-Fans beim EM-Spiel gegen Island
REUTERS

Hoch emotionale Frankreich-Fans beim EM-Spiel gegen Island

Wenn die Kontrolle versagt, werden Fans zu Tieren

Im Fußball kommt das öfter vor - eben weil die damit verbundenen Gefühle bei vielen sehr stark sind. "Der Bereich, der Emotionen und Impulse steuert, ist entwicklungsbiologisch gesehen ein sehr alter Teil des Gehirns und hat großen Einfluss auf unser Denken und Handeln", sagt Fink.

Besonders leichtes Durchkommen haben irrationale Aussagen oder Handlungen zudem bei Betrunkenen. "Es kommt dann schon mal vor, dass sich Fußballfans im Eifer des Gefechts mit den Fäusten auf die nackte Brust klopfen", so Fink - oder auch gegen andere aggressiv werden.

Beobachten lassen sich überschäumende Emotionen häufig auch im Straßenverkehr. Wer sich etwa über den Fehler eines anderen aufrege, laufe Gefahr, selbst Fehler zu machen, erklärt Fink. Der Stirnlappen schafft es in der Regel noch, irrationale Handlungen abzuwenden - etwa das andere Auto zu rammen oder eine Verfolgungsjagd zu starten. Andere wichtige Informationen rutschen ihm dann aber leichter durch.

Mit Reflexen haben Kurzschlusshandlungen oder undurchdachte Aussagen übrigens nichts zu tun. "Das ist eine ganz andere Baustelle", sagt Fink. Bei Reflexen sei von vornherein keine Kontrolle vorgesehen, das würde zu viel Zeit kosten. Sobald beim Griff auf die heiße Herdplatte das erste Signal im Gehirn ankommt, bekommt die Hand den Rückzugsbefehl. "Reflexe entziehen sich komplett der bewussten Steuerung", sagt Fink. Ist der Reiz einmal ausgelöst, gibt es kein Zurück mehr.



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