Melatonin Warum sich Multiple Sklerose im Winter oft bessert

Im Sommer müssen Patienten mit Multipler Sklerose besonders oft Schübe fürchten, die im Winter eher ausbleiben. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass das Hormon Melatonin dafür verantwortlich ist.

Spaziergängerin im Allgäu (Archivbild vom Dezember 2013): Weniger Sonne, mehr Melatonin
DPA

Spaziergängerin im Allgäu (Archivbild vom Dezember 2013): Weniger Sonne, mehr Melatonin


Schätzungsweise 130.000 Menschen in Deutschland haben Multiple Sklerose (MS). Ihr Immunsystem greift Strukturen in ihrem Gehirn und Rückenmark an. Die Betroffenen leiden oft unter Sehstörungen, Kraftlosigkeit, Lähmungen oder Empfindungsstörungen in Armen und Beinen. Die Symptome unterscheiden sich jedoch von Patient zu Patient stark, ebenso wie der Verlauf der Krankheit.

Einen Trend konnten Forscher aber beobachten: Wenn die Krankheit in Schüben auftritt, sind diese eher im Frühling und Sommer zu erwarten als im Herbst und Winter. Das war überraschend, da gleichzeitig bekannt war, dass ein hoher Vitamin-D-Spiegel mit einer Verbesserung verknüpft ist. Die Vitamin-D-Werte sind jedoch im Winter niedriger als im Sommer, da der Körper die Substanz mithilfe des Sonnenlichts bildet.

Im Fachmagazin "Cell" berichten Wissenschaftler jetzt, wie sich der Widerspruch erklären lässt: Grund dafür ist der Botenstoff Melatonin, schreibt das Team um Mauricio Farez vom Forschungszentrum für neuroimmunologische Krankheiten im argentinischen Buenos Aires. Mit steigendem Melatonin-Spiegel sinkt demnach die Gefahr eines MS-Schubs. Die Forscher warnen davor, daraus zu schließen, dass Betroffene von einer Therapie mit Melatonin profitieren.

Melatonin - Taktgeber für die innere Uhr

139 MS-Patienten nahmen an der Studie teil. Die Forscher ermittelten, wie oft sie Schübe hatten, wie ihre Vitamin-D- und Melatonin-Spiegel waren, wann sie unter Atemwegsinfekten litten und andere mögliche Einflussfaktoren. Dabei zeigte sich der Zusammenhang von Melatonin und Krankheitsverlauf. Versuche an Zellkulturen und Mäusen bestätigten dies.

Melatonin wird in der Zirbeldrüse hergestellt und steuert den Rhythmus von Wachsein und Schlafen mit. Ausgeschüttet wird das Hormon vor allem in Dunkelheit, Licht hemmt die Produktion. Deshalb ist der Melatonin-Spiegel im Winter höher. In der EU kann Melatonin als Medikament gegen bestimmte Schlafstörungen verschrieben werden, zu den möglichen Nebenwirkungen zählen Rastlosigkeit, Kopfschmerz, Bluthochdruck, Schmerzen in der Brust oder im Oberbauch, Schwächegefühle und Gewichtszunahme. In den USA sind Melatonin-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel ohne Verschreibung erhältlich.

Die Forscher wollen nun in einer Pilotstudie untersuchen, ob die Gabe von Melatonin Patienten mit Multipler Sklerose tatsächlich hilft.

wbr



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