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Meningitis-Ausbruch in den USA: Todesangst nach der Schmerzspritze

Von Cinthia Briseño

Meningitis-Ausbruch: Tödliche Pilzinfektion Fotos
AP

Bin ich infiziert oder nicht? Das fragen sich Tausende Amerikaner, denen eine lebensgefährliche Hirnhautentzündung droht. Zwölf Menschen sind schon gestorben. Sie hatten ein mit Pilzen verseuchtes Schmerzmittel erhalten, das bei Rückenbeschwerden eingesetzt wird - eine umstrittene Therapie.

Es beginnt mit harmlosen Kopfschmerzen. Dann geht alles ganz schnell: steifer Nacken, Fieber, Erbrechen, Schwindel, Lähmungserscheinungen. Wer nicht rechtzeitig beim Arzt ist, für den kommt jede Hilfe zu spät. Zwölf Menschen in den USA sind auf diese Weise gestorben: an einer Hirnhautentzündung, hervorgerufen durch einen gefährlichen Pilz, mit dem einige Medikamentchargen verunreinigt waren. Den zwölften Todesfall meldeten Behörden am späten Dienstag Abend (Ortszeit). Demnach habe man festgestellt, dass ein 70-Jähriger bereits im Juli an den Folgen des Meningitis-Ausbruch gestorben war.

Die Betroffenen haben eines gemein: Sie hatten sich Spritzen gegen chronische Schmerzen geben lassen. Meist handelte es sich um schwere Nacken- oder Rückenschmerzen, die sie seit langem plagten, und denen die Spritze, so die Hoffnung, endlich ein Ende bereiten sollte. Dafür hatten sie sich eigens in die Hände von Schmerzspezialisten begeben. In klinischen Einrichtungen wurden ihnen die potentiell tödlichen Spritzen, sogenannte epidurale Injektionen, in Rückenmarksnähe verabreicht.

Keiner der Ärzte ahnte dabei, welcher Lebensgefahr er seine Patienten aussetzt. Und noch immer ist unklar, wie es zur Verunreinigung der Ampullen kommen konnte. Fest steht bisher nur, dass es sich um Medikamente mit dem Wirkstoff Methylprednisolon handelt, in denen die Pilze gefunden worden sind. Tausende bis Zehntausende Ampullen, verteilt an 76 medizinischen Einrichtungen aus 23 US-Staaten, könnten mit dem gefährlichen Erreger verseucht sein.

30.000 Menschen könnten betroffen sein

Die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) geht davon aus, dass etwa 30.000 der Dosen bereits an Patienten verabreicht worden sind. Sie alle müssen jetzt mit der Angst leben, dass auch in ihnen der Pilz die lebensbedrohliche Hirnhautentzündung hervorrufen könnte. Und die Zeit der Verunsicherung kann unerträglich lang sein: Die Inkubationszeit, also die Zeitspanne zwischen der Infektion mit dem Pilz und dem Ausbruch der Erkrankung, kann zwischen wenigen Tagen bis hin zu einem Monat liegen. Vergangene Woche waren es nur 30 Fälle dieser äußerst seltenen Pilz-Meningitis. Doch die Zahl der Erkrankungen steigt und steigt - mehr als 120 Fälle sind den Behörden inzwischen gemeldet worden.

Während man angesichts dieses erschreckenden Szenarios wohl von Glück sprechen kann, dass der Pilz nicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist, hat sich in den USA jetzt ein heftiger Streit über die Spritzen entzündet.

Ein Teil der Debatte dreht sich um die Behandlungsmethode an sich, die vielen Patienten mit chronischen Rückenschmerzen angeboten wird. In der Annahme, sie könne zu einer Linderung der Schmerzen beitragen, lassen in den USA jährlich Millionen Patienten die sogenannte lumbale epidurale Schmerztherapie mit Steroiden durchführen. Dabei handelt es sich um eine Medikamentenklasse, zu der auch der Wirkstoff Methylprednisolon zählt, der zusammen mit einem leichten Anästhetikum gespritzt wird. Viele Patienten erhoffen sich von einer solchen Spritze, dass ihre Schmerzen für eine Zeit lang, vielleicht einige Wochen, mit etwas Glück sogar mehrere Monate verschwinden und ihnen eine Operation erspart bleibt.

Doch der Nutzen der Methode ist umstritten: 2009 kam die renommierte Cochrane Collaboration, die in umfangreichen Analysen die Studienlage von Therapien bewertet, zu dem Schluss, dass es bisher keine ausreichenden Beweise gibt - weder solche, die eindeutig belegen, dass die Therapie hilft, noch solche, die eindeutig dagegensprechen.

Liegt die Schuld beim löchrigen Zulassungssystem?

Die zweite Debatte dreht sich um ein viel pikanteres Detail: Ist das löchrige Zulassungssystem in den USA schuld daran, dass ein verunreinigtes Medikament in Umlauf geraten konnte? In einem Artikel der "New York Times" sagt Kevin Outterson, Juraprofessor an der Boston University, die US-Zulassungsbehörde FDA habe eine größere regulatorische Autorität gegenüber einem Medikamentenhersteller in China als in Massachusetts.

Der Experte bezieht sich auf die Tatsache, dass es sich bei New England Compounding Center (NECC), dem Hersteller der verunreinigten Methylprednisolon-Ampullen aus Framingham in Massachusetts, um eine sogenannte Compounding Pharmacy handelt. Gemeint sind damit Firmen, die bestimmte medizinische Präparate angepasst an die speziellen Bedürfnisse einzelner Patienten herstellen. In etwa lässt sich das hierzulande mit Apotheken vergleichen, in denen Fachapotheker bestimmte Präparate (etwa Krebsmedikamente) für Patienten mischen dürfen.

Solche Misch-Apotheken beliefern in den USA jedoch häufig Kliniken und medizinische Einrichtungen mit größeren Chargen von Medikamenten, weil ihre Präparate entweder eine billigere Alternative zu den Originalpräparaten der Pharmahersteller darstellen, oder die Konzerne den Bedarf nicht ausreichend decken können. Die Crux ist eine komplizierte Gesetzeslücke in den USA: Weil die Medikamente der Misch-Apotheken lediglich für spezielle Nutzen hergestellt werden, es sich aber im offiziellen Sinn nicht um "Neu-Medikamente" handelt, unterliegen sie nicht den strengen Regularien der US-Zulassungsbehörde FDA.

Große Compounders wie NECC machen sich diese juristische Lücke zu Nutze und gehen dazu über, Medikamente, die eigentlich für den individuellen Patientengebrauch gedacht sind, auch in größeren Mengen herzustellen. Viele Juristen kritisieren dieses Vorgehen und mahnen an, dass sich solche Misch-Apotheken nach Außen hin wie vertrauensvolle Pharmahersteller geben würden. Kliniken würde so häufig eine gute Reputation und auch eine Medikamentensicherheit vorgegaukelt.

Seit bekannt wurde, dass die gefährlichen Hirnhautentzündungen offenbar durch verunreinigte NECC-Präparate ausgelöst wurden, hat die Firma ihre Produktion gestoppt. Auch die Original-Webseite des Unternehmers ist seit Tagen nicht mehr zu erreichen, lediglich eine Pressemitteilung auf der Startseite informiert über die massiven Rückrufaktionen. Denn NECC hat nicht nur das für einige Menschen tödliche Steroid hergestellt, auch andere Präparate könnten demnach verunreinigt sein.

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1. NECC fabriziert
rolandjulius 09.10.2012
Ein tödliches Heilmittel?
2. Das ist ein Skandal
agua 09.10.2012
Zitat von sysopAPBin ich infiziert oder nicht? Das fragen sich Tausende Amerikaner, denen eine lebensgefährliche Hirnhautenzündung droht. Elf Menschen sind schon gestorben. Sie hatten ein mit Pilzen verseuchtes Schmerzmittel erhalten, das bei Rückenbeschwerden eingesetzt wird - eine umstrittene Therapie. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/meningitis-ausbruch-in-usa-schmerzmittel-unter-verdacht-a-860312.html
Immer wieder zeigt sich,dass eingespart wird,um Gewinn zu machen.Und nun mit solchen Folgen.Immerhin wurde relativ schnell die Ursache gefunden.
3. Pilz vs. Bakterium?
achso123 09.10.2012
Zitat von sysopAPBin ich infiziert oder nicht? Das fragen sich Tausende Amerikaner, denen eine lebensgefährliche Hirnhautenzündung droht. Elf Menschen sind schon gestorben. Sie hatten ein mit Pilzen verseuchtes Schmerzmittel erhalten, das bei Rückenbeschwerden eingesetzt wird - eine umstrittene Therapie. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/meningitis-ausbruch-in-usa-schmerzmittel-unter-verdacht-a-860312.html
eigentlich wird Meningitis doch durch Bakterien verursacht, ist der Pilz direkt ursächlich oder indirekt, z.B. dadurch, dass er die Ausbreitung von Bakterien erleichtert.
4. Nicht nur in den USA
minga64 10.10.2012
Auch meine Mutter erkrankte in der renommierten P.-klinik in M. durch eine epidurale Injektion an einer Hirnhautentzündung. Sie überlebte nur knapp & ist seitdem schwerbehindert. Ob durch Pilze oder durch mangelnde hygienische Vorsorge sei dahingestellt. Gespräche mit einigen Krankenschwestern ergaben das dies kein Einzelfall war - zu einer juristisch verwertbaren Aussage konnten wir leider keine Zustimmung erzielen. Der zuständige Chefarzt wies jedes Fehlverhalten auf zynische & menschenverachtende Weise von sich - das Schicksal meiner Mutter lies Ihn vollkommen kalt. Erfolgsaussichten einer Klage gleich Null - für diesen juristischen Rat verlangte der Rechtsanwalt wenigstens kein Geld.
5.
Ghanima22 10.10.2012
Zitat von sysopAPBin ich infiziert oder nicht? Das fragen sich Tausende Amerikaner, denen eine lebensgefährliche Hirnhautenzündung droht. Elf Menschen sind schon gestorben. Sie hatten ein mit Pilzen verseuchtes Schmerzmittel erhalten, das bei Rückenbeschwerden eingesetzt wird - eine umstrittene Therapie. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/meningitis-ausbruch-in-usa-schmerzmittel-unter-verdacht-a-860312.html
Kein Wunder, dienen doch die von der FDA aufgestellten Regularien im wesentlichen dem Schutz der heimischen Industrie und sind nicht erfüllbar. Und was chinesische Lieferanten anbelangt, die machen da auch nur soweit und solange mit, wie das noch wirtschaftlich sinnvoll ist. Letztendlich ist gerade für diese der amerikanische Markt zu unbedeutend.
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Zur Autorin
  • Manfred Witt
    Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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