Meningitis bei Babys Die Angst vor der Hirnhautentzündung

Reichen Fieber und eine vorgewölbte Fontanelle für einen Meningitis-Verdacht? Bei dem kleinen Sohn von Lisa Harmann schon. Es folgten eine Woche Klinik, die Entnahme von Nervenwasser - und ein erlösender Befund.

Weinendes Baby: Eine bakterielle Meningitis kommt in Deutschland sehr selten vor
Corbis

Weinendes Baby: Eine bakterielle Meningitis kommt in Deutschland sehr selten vor


"Es könnte eine Meningitis sein", sagte der Arzt, nachdem er meinen acht Monate alten Sohn untersucht hatte. Hirnhautentzündung. Der Kleine hatte Fieber und seine Fontanelle am Kopf war aufgewölbt. Wir sollten umgehend ins Krankenhaus gehen. Ich fühlte erst mal gar nichts, mein Mutterherz hatte sofort den Funktionsmodus angeschaltet: nach Hause fahren, Sachen packen, Geschwister unterbringen, ab in die Klinik.

Für den Arzt war alles klar, als wir sein Sprechzimmer verließen. Er wollte sichergehen, und das finde ich gut. Für uns bedeutete die Abklärung eine Woche Krankenhaus. Eine Lumbalpunktion sollte klären, ob der Verdacht stimmte. Dabei wird eine Nadel zwischen den Wirbelkörpern der Lendenwirbelsäule bis in den Rückenmarkskanal geschoben, um dort Nervenwasser zu entnehmen. Finden sich darin zu viele weiße Blutkörperchen, liegt eine Entzündung nahe. Mit verschiedenen Nachweismethoden wird dann nach Erregern gesucht, um eine gezielte Therapie einsetzen zu können.

ZUR AUTORIN
  • Nathalie Dampmann/ www.ndsign.de
    Lisa Harmann ist freie Journalistin und schreibt über Menschen, Gesellschaft und Familien. Die Mutter dreier Kinder lebt in einem Drei-Generationen-Haus bei Köln. Sie glaubt, dass sich unser Verständnis für Gesundheit bereits mit dem Kinderwunsch verändert.
"Sie können leider nicht bei der Punktion dabei sein", sagte mir die Schwester und nahm mein Baby mit. "Wir kümmern uns." Ich solle mich doch bitte ans andere Ende des Flurs begeben. Selbst dort hörte ich sein Schreien. Als ich ihn danach wieder auf dem Arm hatte, beruhigte er sich schnell und ich trocknete seine Tränen.

Was zählt, ist das Kind

Eine bakterielle Meningitis etwa durch Meningokokken oder Pneumokokken ist selten: In den Jahren 2010 bis 2012 traten laut Robert Koch-Institut im Mittel jährlich 370 Meningokokken-Fälle auf. Das höchste Erkrankungsrisiko haben Säuglinge und Kleinkinder: 40, 22 und 12 der Fälle betreffen Kinder im 1., 2. und 3. Lebensjahr. Es sind nicht viele Fälle, aber für die Betroffenen ist das nicht entscheidend. Was zählt, ist ihr Kind.

"Eine Meningitis kann zum Tod führen, gerade wenn sie mit einer Sepsis, also einer Blutvergiftung, einhergeht", sagt Ulrich Heininger, Vorsitzender der Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Gefährlichen bakteriellen Auslösern einer Meningitis wie Hib (Haemophilus influenzae Typ b), Meningokokken C und Pneumokokken können Impfungen vorbeugen. Seit 2013 steht auch gegen Meningokokken der Gruppe B ein Impfstoff zu Verfügung. Gegen die häufigsten Auslöser einer viralen Meningitis, die Enteroviren, gibt es hingegen keine Impfung.

"Bei einer viralen Meningitis lässt sich kaum etwas machen", erklärt Heininger. Symptome wie Fieber werden behandelt, gegen die Erkrankung selbst gibt es allerdings keine Arznei - aber die Infektion mit Viren verläuft auch in den meisten Fällen weniger dramatisch. Anders bei einer bakteriellen Hirnhautentzündung: Hier können Stunden über den weiteren Verlauf entscheiden. Das wichtigste ist eine schnelle Antibiotikatherapie. "In 10 bis 15 Prozent der Fälle von bakterieller Meningitis bleiben trotzdem Spätfolgen", sagt Heininger. Das können allgemeine Entwicklungsverzögerungen sein, eine Einschränkung des Hörvermögens bis hin zu Taubheit, epileptische Anfälle oder Lernschwierigkeiten.

Schrilles Schreien

Eine Vorwölbung der Fontanelle kann bei einem Baby auf eine Meningitis hinweisen, weil sie durch erhöhten Hirndruck entstehen kann. Weitere Zeichen für eine Meningitis können bei Säuglingen eine starke Berührungsempfindlichkeit und schrilles Schreien sein. Außerdem eine überstreckte Körperhaltung des Säuglings, bei der er den Rücken durchdrückt und den Kopf nach hinten ins Kissen presst. Ab dem Kleinkindalter kann auch eine Nackensteife auf eine Hirnhautentzündung hinweisen. Meist geht diese mit Fieber einher, aber nicht immer.

"Kinder reagieren ganz unterschiedlich auf eine Lumbalpunktion", meint Heiniger. In vielen Kliniken wird dabei die Einstichstelle betäubt, um Schmerzen zu nehmen. "Heute lassen wir Eltern normalerweise bei einer Lumbalpunktion dabei sein, wenn sie es möchten", sagt der Kinderarzt.

Ja, ich wäre gern bei meinem Sohn geblieben und hätte ihn getröstet. Der erlösende Befund kam schnell: falscher Alarm, keine Hirnhautentzündung. Nun trocknete mein Kind meine Tränen mit seinem Strampler.

Kurze Zeit später musste auch mein zweiter Sohn in die Klinik. Der Verdacht: Meningitis. Seine Fontanelle war vorgewölbt. Ich kannte das Gefühl, ich kannte das Krankenhaus, ich kannte den Schrecken. Angst hatte ich trotzdem, aber ich wusste immerhin, dass meine Kinder auf Fieber mit einer vorgewölbten Fontanelle reagierten. Der Verdacht bestätigte sich wieder nicht. Wir kamen auch dieses Mal mit dem Schrecken davon - zum Glück.

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realist4 03.11.2014
1. Schwere Zeit für die Eltern
Ich kann die Eltern sehr gut verstehen, vor Jahren ergab sich bei unserem kleinen Sohn der gleiche Verdacht. Wer will schon riskieren, dass das Kind nicht rechtzeitig behandelt wird, also dem schweren Gang zur Untersuchung zustimmen obwohl man von den Schmerzen weiß. Gottseidank war der Befund negativ.
600watt 03.11.2014
2. das kann auch anders laufen...
bei unserem sohn lief es damals so: hohes fieber, gelegentliches überstrecken, also krankenhaus, lumbalpunktion, verdacht auf virale hirnhautentzündung, einweisung, cortison 24/7 intravenös. das fieber ging, er wurde immer blasser, die laborergebnisse nach einer woche nicht fertig. nach 10 tagen entlassung ohne befund (laborergebnisse immer noch nicht da. nach 11 tagen anruf vom krankenhausarzt: es täte ihm sehr leid, aber es läge leider ein besonders schwerer fall einer viralen infektion durch herpes viren vor. wir müssten uns auf schwere bis schwerste behinderungen einstellen. meine frage nach "körperlich oder geistig?" beantwortete er mit "beides und zwar mit sehr hoher wahrscheinlichkeit" das war der schlimmste telefonanruf meines lebens. ich sah während des anrufes meinen sohn in seinem bett spielen. als das gespräch beendet war ging ich zu ihm. er war blass und war durch den krankenhausaufenthalt und die medikamente geschwächt, aber machte ansonsten einen normalen eindruck. mein erster gedanke war: "das kann nicht stimmen" das nennt man wohl verneinungs-phase, war der zweite. ich konnte es nicht glauben. einen tag später rief der arzt wieder an. es tue ihm wiederum leid, aber es habe eine verwechslung gegeben und es habe im fall meines sohnes überhaupt keine infektion vorgelegen. sollte ich mich freuen oder aufregen über den zweiten anruf ? ich weiss es bis heute nicht. unser sohn ist gesund und munter.
quak_quak 03.11.2014
3. Und das Risiko?
Wenn man einem sich windenden Kleinkind eine Nadel zwischen die Wirbel schiebt? Ich verstehe nicht, dass man in so einem Fall nicht sediert. Und noch weniger, dass man die Mutter wegschickt.
sedierung@googlemail.com 03.11.2014
4. Geht alles
Zitat von quak_quakWenn man einem sich windenden Kleinkind eine Nadel zwischen die Wirbel schiebt? Ich verstehe nicht, dass man in so einem Fall nicht sediert. Und noch weniger, dass man die Mutter wegschickt.
1) Den Säugling kann man zur Lumbalpunktion recht einfach in einer Position fixieren, ohne dass es zu relevanten Bewegungen kommt. 2) der Schmerzreiz ist im Grunde Vergleichbar mit dem einer Blutentnahme oder dem Legen eines venösen Zugangs. Was übrigens bisweilen schwieriger beim zappelnden Kind sein kann. Das würde ja bedeuten, dass im Rahmen eines stationären Aufenthalts für jede Punktion (und da kommen einige zusammen) eine Kurznarkose fällig wäre, das kann eigentlich keiner wollen. Sicher, nach Möglichkeit sollte man die Mutter/ den Vater die Anwesenheit gestatten. Leider ist das nicht immer glücklich, speziell in Zeiten in denen die Mentalität "wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass", respektive "mach mein Kind gesund aber fass es nicht an" vorherrscht.
quak_quak 03.11.2014
5. Danke...
Zitat von sedierung@googlemail.com1) Den Säugling kann man zur Lumbalpunktion recht einfach in einer Position fixieren, ohne dass es zu relevanten Bewegungen kommt. 2) der Schmerzreiz ist im Grunde Vergleichbar mit dem einer Blutentnahme oder dem Legen eines venösen Zugangs. Was übrigens bisweilen schwieriger beim zappelnden Kind sein kann. Das würde ja bedeuten, dass im Rahmen eines stationären Aufenthalts für jede Punktion (und da kommen einige zusammen) eine Kurznarkose fällig wäre, das kann eigentlich keiner wollen. Sicher, nach Möglichkeit sollte man die Mutter/ den Vater die Anwesenheit gestatten. Leider ist das nicht immer glücklich, speziell in Zeiten in denen die Mentalität "wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass", respektive "mach mein Kind gesund aber fass es nicht an" vorherrscht.
... für die Info, das mit der stationären Aufnahme leuchtet ein. Ich fand z.B. eine Rückenmarksnarkose schon sehr unangenehm - und das war mit Erwachseneneinsicht, tief atmen, lockerlassen usw. - ein (kleines) Kind macht das ja nicht, sondern verspannt sich, versucht sich zu drehen... und dann wird es wesentlich schmerzhafter.
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