Hirnhautentzündung Neuer Impfstoff gegen gefährlichen Erreger

Die EU-Kommission hat einen neuen Impfstoff gegen Meningokokken zugelassen. Die Bakterien können eine tödlich verlaufende Hirnhautentzündung auslösen und sind besonders für Säuglinge gefährlich. Wie gut der Impfstoff wirkt, muss allerdings noch im Detail geklärt werden.

Meningokokken-B-Erreger: Die Bakterien nisten sich in den Schleimhäuten ein
Novartis Vaccines

Meningokokken-B-Erreger: Die Bakterien nisten sich in den Schleimhäuten ein


Basel - Meningokokken machen nicht unbedingt krank: Jeder fünfte Jugendliche trägt die kugelförmigen Bakterien in seinen Schleimhäuten und bleibt dabei gesund. Bei Erwachsenen ist es jeder zehnte. Die Bakterien können jedoch auch gefährliche Krankheiten auslösen. Gefürchtet ist die mitunter tödlich verlaufende Hirnhautentzündung (Meningitis) oder eine Sepsis, bei der die Erreger sich so massenhaft vermehren, dass sie den Körper überschwemmen.

Für zwei Drittel der Infektionen sind Meningokokken der Gruppe B verantwortlich. Während es gegen andere Untergruppen bereits Impfungen gibt, fehlte bislang eine Immunisierung gegen die B-Erreger. Diese Lücke wird Novartis jetzt schließen: Der Pharmakonzern hat von der EU-Kommission die Marktzulassung für den Impfstoff Bexsero gegen Meningokokken-B-Erkrankungen (MenB) erhalten. Der Impfstoff dürfe bei Patienten aller Altersgruppen angewendet werden, teilte Novartis am Dienstag mit. Auch für die durch Meningokokken besonders gefährdeten Säuglinge ab einem Alter von zwei Monaten ist das Mittel zugelassen.

Noch ist allerdings nicht entschieden, ob die Kosten der Impfung erstattet werden. Auch arbeitet das in Deutschland für Impfungen zuständige Gremium, die am Robert Koch-Institut ansässige Ständige Impfkommission (Stiko), noch an einer Bewertung des Impfstoffs: "Bei der Stiko gibt es seit längerem eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Impfstoff beschäftigt. Eine offizielle Empfehlung gibt es aber noch nicht", sagt Christian Bogdan von der Universität Erlangen und Stiko-Mitglied im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Eine kürzlich im Fachmagazin "Lancet" veröffentlichte Studie mit mehr als 2600 Kleinkindern hatte ergeben, dass der Bexsero-Impfstoff gut verträglich ist und das Immunsystem aktiviert. Die Autoren der von Novartis Chart zeigen gesponserten Untersuchung bezeichneten das neue Mittel als "Durchbruch", Bogdan ist da noch vorsichtiger. "Der Impfstoff löst eine Immunantwort aus, aber ob er auch tatsächlich vor Krankheit schützt, muss sich erst noch zeigen", sagt er.

Neben der Wirksamkeit fließt auch der Impfstoff-Bedarf in die Bewertung mit ein. "Die Zahl der Meningkokken-Erkrankungen ist in den letzten Jahren von allein zurückgegangen. Während es in den Jahren 2001 bis 2003 noch rund 800 Fälle pro Jahr gab, waren es 2011 nur noch 309 Fälle. Warum das so ist, wissen wir nicht. Auch bei diesen 309 Fällen sind die Meningokokken B für zwei Drittel verantwortlich", sagt Bogdan. Die Impfungen gegen Meningokokken der Stämme A, C, W 135 und Y empfiehlt die Stiko bereits bestimmten Alters- und Personengruppen.

Impfkalender bis zwei Jahre

Impfung 2 Monate 3 Monate 4 Monate 11-14 Monate 15-23 Monate
Tetanus x x x x Nachholimpfung
Diphtherie x x x x Nachholimpfung
Keuchhusten (Pertussis) x x x x Nachholimpfung
Haemophilus influenzae Typ b x (x) x x Nachholimpfung
Kinderlähmung (Poliomyelitis) x (x) x x Nachholimpfung
Hepatitis B x (x) x x Nachholimpfung
Pneumokokken x x x x Nachholimpfung
Meningokokken C ab 12 Monaten ab 12 Monaten
Masern, Mumps, Röteln x x
Windpocken (Varizellen) x x

Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 30/2012, 30. Juli 2012. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie.

Impfkalender von zwei bis 17 Jahren

Impfung 2-4 Jahre 5-6 Jahre 9-11 Jahre 12-17 Jahre
Tetanus nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Diphtherie nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Keuchhusten (Pertussis) nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Haemophilus influenzae Typ b nachholen
Kinderlähmung (Poliomyelitis) nachholen nachholen (auffrischen) (auffrischen)
Hepatitis B nachholen nachholen nachholen
Meningokokken C nachholen nachholen nachholen nachholen
Masern nachholen nachholen nachholen nachholen
Mumps, Röteln nachholen nachholen nachholen nachholen
Windpocken (Varizellen) nachholen nachholen nachholen nachholen
Humanes Papillomvirus Mädchen/Frauen

Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 34/2013, 26. August 2013. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie. (Auffrischen): nur einmal in zwei Altersspannen notwendig.

hei/irb/dpa

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insgesamt 9 Beiträge
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mortimer001 22.01.2013
1. mal wieder so herrlich vorhersehbar, wer die Studie bezahlt hat...
"Die Autoren der von Novartis gesponserten Untersuchung" ...herrlich, wie sich der allererste Gedanke des Zweifels immer wieder sofort bestätigt :/ Studien für das eigene neue Medikament fallen irgendwie immer positiv aus. Beeindruckender Erfolg. Ich bin gespannt auf die Sicht der Stiko (oder von wem werden die nochmal bezahlt?) ;)
neuer23 22.01.2013
2.
Genau diese Reaktion habe ich erwartet. Übrigens: Auch wenn die Forschung von der Pharmaindustrie bezahlt ist, heisst das nicht, das die da Ergebnisse bestellen. Ich kenne in diesem Fall die Hintergründe und da waren ungefähr 10 unterschiedliche MenB Proteine im Test. Die meisten davon sind durchgefallen (und raten sie mal, wo sie jetzt sind), nur die positiven Kandidaten sind im Impfstoff. Und der ist durchaus wirksam.
DieButter 22.01.2013
3. Stiko
Bleibt abzuwarten, was die Stiko davon hält. Ich meine mich erinnern zu können, daß es beim B-Neisserien Typ das Problem der antigenen Mimicry gibt, weshalb es schwierig sei, eine Autoimmunreaktion zu vermeiden. Könnte natürlich funtionieren, wenn der neue Impfstoff, statt Polysacchariden, sich gegen Kapselproteine richten würde... aber selbst dann würde man autoimmune Wechselwirkungen nicht ausschließen können. So sehr mich das auch freuen würde, endlich einen Impfstoff gegen bakterielle Meningitis hierzulande zu haben, so skeptisch sehe ich das Ganze momentan noch.
prüter 22.01.2013
4. Wer, wie ich...
in seiner Laufbahn als Kinderarzt (zu) viele Kinder an Meningokokken hat versterben sehen, der hat lange auf diesen Impfstoff gewartet. Bisher konnten wir gegen rund 1/3 der Fälle schützen, jetzt haben wir eine gute Chance, fast alle schweren Infektionen zu verhindern. So wie es seit der Einführung der HIB-Impfung kaum noch schwere Infektionen mit diesem Erreger gibt, die zuvor viele Kinder schwer krank gemacht oder getötet hat. Die ersten Studien muss übrigens immer der Hersteller vorlegen, um den Zulassungsprozess zu bestehen. Diese werden bei Impfstoffen - da es sich um eine prophykaktische Maßnahme handelt - extrem genau geprüft. Wer einmal ein Kind mit einer Meningokokken-Sepsis weinend vom Arm der Mutter genommen hat und dieser trotz maximler Therapie nach 3 Stunden mitteilen mußte, dass das Kind verstorben ist, der will dies nie mehr wieder erleben müssen. Meningokokken sind Killer, die wir nicht ausrotten können (siehe Artikel), vor denen wir die Kinder ab schützen können. Ich habe solche Verläufe in meiner 15 Jahre dauernden Zeit als Kliniksarzt (Pädiatrie) - davon die Hälfte als Intensivmediziner und mehrere Jahre als Oberarzt einer Kinder-Intensivstation - viel öfter zu oft erleben müssen und bin über diese Impfung sehr dankbar. Leute, wann werdet ihr endlich begreifen, wie glücklich ihr sein sein könnt, dass wir in einem Land leben, in dem diese Impfungen jedem zugänglich sind. Die Menschen in ärmeren Ländern können sich das nicht leisten, wären dankbar dafür. Aber in unserer übersättigten Gesellschaft gilt es in einigen Kreisen als schick, zum Teil zu Lasten der anderen (und durch den Schutz der anderen, die Impfen, zumindeste etwas geschützt) ihre Kinder zu gefährden. Wenn diese Menschen (nur) sich selbst gefährden würden, wäre mir das egal - da es auch um ihre Kinder geht und sie auch Ihre Umgebung gefähreden (siehe insbesondere Masern, Pertussis, Röteln, Mumps, die ersten beiden insbesondere bei kleinen Säuglingen, die noch nicht geimpft werden können), ist mir das als Kinderarzt nicht mehr egal! Wer seine Kinder hier nicht schützt, begeht an diesen ein Unterlassung, die streng genommen mit einer Vernachlässigung gleichzusetzten ist!
testthewest 22.01.2013
5.
Zitat von mortimer001"Die Autoren der von Novartis gesponserten Untersuchung" ...herrlich, wie sich der allererste Gedanke des Zweifels immer wieder sofort bestätigt :/ Studien für das eigene neue Medikament fallen irgendwie immer positiv aus. Beeindruckender Erfolg. Ich bin gespannt auf die Sicht der Stiko (oder von wem werden die nochmal bezahlt?) ;)
Wer sollte auch sonst bezahlen? Die Konkurrenz? Der Staat? Gar Forschungsstiftungen (die sich einen Scheiss fuer Anwendungen interessieren und nur Grundlagen sponsoren, mit der Aussage: Den Rest soll die Industrie machen!)? Die Studien sind auch vorgeschrieben, um ueberhaupt das Medikament auf den Markt bringen zu duerfen. Sollte es sich nicht bewaehren, braucht man die Studie nicht veroeffentlichen, weil es niemand interessiert - das Medikament kommt dann wohl nicht auf den Markt. Zum Medikament selber: Ich hoffe es wird ein Erfolg, und man wird diese Erkrankung bannen koennen, wie einst die Polio.
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