Wechseljahre Kein Freispruch für die Hormonersatztherapie

Hormone lindern Beschwerden in den Wechseljahren - erhöhen aber das Risiko für Krebs oder Herzinfarkt. Das verunsichert Frauen wie Ärzte. Zehn Jahre nach den ersten negativen Schlagzeilen kommt jetzt das Fazit von US-Forschern: Vorsicht ist weiterhin angesagt.

Von

Corbis

Die Idee war simpel: Das Risiko von Frauen für verschiedene Krankheiten, von Herzinfarkt bis Osteoporose, steigt in der Menopause an. Jene Hormone, die in den Wechseljahren fehlen, gibt es als Medikamente. Schlucken Frauen die weiblichen Geschlechtshormone dauerhaft, müsste ihr Krankheitsrisiko wieder sinken. Doch das Experiment ging schief.

2002 und 2004 veröffentlichten US-Forscher die Ergebnisse zweier Studien der "Women's Health Initiative" (WHI), die belegten, dass die Risiken der Hormonersatztherapie größer als der mögliche Nutzen sind. Die Studienbehandlung der Frauen wurde daraufhin abgebrochen - und die Hormonbehandlung als vorbeugende Maßnahme war vorerst gescheitert.

Internationale Fachgesellschaften überarbeiteten ihre Empfehlungen und mahnten zu größerer Vorsicht. Auch die deutschen Gynäkologen raten seither in ihrer Leitlinie dazu, die typischen Beschwerden in den Wechseljahren - Hitzewallungen und vaginale Trockenheit - nur nach einer Riskobewertung mit Hormonen zu behandeln, und nicht jeder Frau in den Wechseljahren die Botenstoffe zu verschreiben.

Kein Schutz vor den Folgen der Wechseljahre

Zehn Jahre nach den negativen Ergebnissen und Schlagzeilen, die die Hormone in Verruf brachten, liefern US-Wissenschaftler der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, jetzt die Langzeitdaten der in beiden WHI-Studien untersuchten Frauen nach. Im Fachmagazin "Jama" berichten JoAnn Manson und ihre Kollegen über die Analyse der früheren Daten und zusätzlicher Nachbeobachtungen von mehr als 27.000 Frauen bis zum September 2010.

Auch nach der umfassenden Analyse gilt: Östrogen und Progesteron sollten weder alleine noch gemeinsam zum Schutz vor den Folgen der Wechseljahre eingenommen werden.

Risiken auch bei jüngeren Frauen

Zwar komme die Hormontherapie bei mittleren bis starken Bescherden in den Wechseljahren als Behandlungsmöglichkeit in Betracht, wenn die Frauen ansonsten gesund seien und sich in der frühen Menopause befänden, so die US-Forscher. Doch die Risiken auch der Gabe nur eines einzelnen Hormons seien selbst bei jüngeren Frauen - zwischen 50 und 59 Jahren - so hoch, dass sich eine präventive Gabe verbiete.

Bei jüngeren Frauen war in den Studiendaten aufgefallen, dass eine Hormontherapie mit Östrogen alleine bessere Ergebnisse erbrachte als bei älteren Frauen. Bei älteren Patientinnen sollten Ärzte jedoch selbst dann vorsichtig sein, wenn sie bestehende Wechseljahresbeschwerden behandeln wollten, weil in dieser Altersgruppe das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöht sei.

"Unstrittig die beste Behandlung"

"Es ist unstrittig, dass die Hormontherapie zur Behandlung von Beschwerden, die auf den Abfall der Hormone zurückzuführen sind, die beste Behandlung ist", sagt Frauenarzt Olaf Ortmann von der Universität Regensburg, der Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) ist. "Gleichzeitig ist klar, dass es keinen gesundheitlichen Vorteil einer grundsätzlichen Hormontherapie gibt, deshalb wird sie nicht empfohlen."

Die Idee einer präventiven Gabe sei verlockend gewesen, so Ortmann, weil die Hoffnung bestand, mit relativ geringem Aufwand das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Osteoporose senken zu können. Stattdessen ist von der Hormontherapie nur die Behandlung der Wechseljahresbeschwerden geblieben. Diesen Aspekt sollte man aber nicht unterschätzen, betont Ortmann: "Etwa drei Viertel aller Frauen leiden in den Wechseljahren unter typischen Beschwerden. Von denen ziehen wiederum ein Viertel bis 40 Prozent eine Hormontherapie in Betracht, weil sie stark unter den Symptomen leiden." Für diese Frauen sei - ein ansonsten niedriges Risiko vorausgesetzt - die Hormontherapie eine Option.

Brustkrebs- und Schlaganfallrisiko

In den ursprünglichen WHI-Studien war zum einen die Gabe von Östrogen und Progesteron gemeinsam bei Frauen mit einer intakten Gebärmutter und zum anderen die Gabe von Östrogen alleine bei Frauen nach einer Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) mit der Gabe eines Placebos verglichen worden. Die Kombinationsbehandlung hatte das Risiko für Brustkrebs erhöht, die Behandlung nur mit Östrogen das Schlaganfallrisiko. In beiden Fällen überwogen die Risiken den Nutzen.

Dogmen überwunden

Die "Women's Health Initiative", so kommentiert Elizabeth Nabel von der Harvard University in einem begleitenden Editorial in "Jama" die aktuellen Ergebnisse, habe medizinische Dogmen überwunden. Dank ihrer Ergebnisse seien nicht nur Behandlungsempfehlungen geändert worden, die zum Beispiel in Deutschland zu einem Rückgang der Verschreibungszahlen um fast drei Viertel (siehe Fotostrecke) geführt haben. Auch das Verständnis für die notwendige Unterscheidung zwischen Männern und Frauen bei der Untersuchung von Medikamenten sei zu einem guten Teil der Frage nach der Sicherheit der Hormonersatztherapie zu verdanken.

Die deutsche Leitlinie zur Hormontherapie wird Ende 2014 turnusgemäß überprüft. Gynäkologie Ortmann erwartet allerdings auch durch die WHI-Langzeitergebnisse keine wesentliche Änderung an den deutschen Empfehlungen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
happyrocker 02.10.2013
1. Unverantwortlicher Blödsinn
Meine Mutter schluckte mehr als 10 Jahre die vom Arzt dringend empfohlenen Hormone - obwohl sie gar keine Beschwerden hatte. Sie erkrankte dann an Brustkrebs, der mit höchster Wahrscheinlichkeit auf die Hormoneinnahme zurückzuführen war. Ärzte, die Frauen zu so etwas raten, um das Rezept abrechnen zu können, gehören vor Gericht!
sigih 02.10.2013
2. Zu einseitig...
Ich vermisse in Ihrem Bericht die Unterscheidung zwischen einer transdermalen (Hormone in Form von Gel, welches über die Haut aufgenommen wird) Therapie und der Einnahme von Hormontabletten. hinsichtlich des Risikos von Brustkrebs bezieht sich die zitierte Studie aus dem Jahre 2012 nur auf die orale Aufnahme der Hormone. Zudem ist zu unterscheiden, ob man synthetische oder naturidentische Hormone zu sich nimmt. Letztere haben bei transdermaler Aufnähme kein höheres Brustkrebsrisiko in einer Schweizer Studie gezeigt. Ein kompetenter Frauenarzt oder Hormonexperte wird die Frauen darüber detailliert aufklären. Panikmache mit dem Credo " da muss man als Frau durch, Wechseljahre sind ganz natürlich" können nur von einem Mann stammen, der keine Ahnung davon hat, was Wechseljahre für einige Frauen bedeutet. Im Übrigen: warum sollen naturidentische Hormone für eine Frau ungesund sein, wenn ihr Körper eben jene Hormone über Jahrzehnte selbst gebildet hat?
dennisballwieser 02.10.2013
3. Zitierte Studie
Zitat von sigihIch vermisse in Ihrem Bericht die Unterscheidung zwischen einer transdermalen (Hormone in Form von Gel, welches über die Haut aufgenommen wird) Therapie und der Einnahme von Hormontabletten. hinsichtlich des Risikos von Brustkrebs bezieht sich die zitierte Studie aus dem Jahre 2012 nur auf die orale Aufnahme der Hormone. Zudem ist zu unterscheiden, ob man synthetische oder naturidentische Hormone zu sich nimmt. Letztere haben bei transdermaler Aufnähme kein höheres Brustkrebsrisiko in einer Schweizer Studie gezeigt. Ein kompetenter Frauenarzt oder Hormonexperte wird die Frauen darüber detailliert aufklären. Panikmache mit dem Credo " da muss man als Frau durch, Wechseljahre sind ganz natürlich" können nur von einem Mann stammen, der keine Ahnung davon hat, was Wechseljahre für einige Frauen bedeutet. Im Übrigen: warum sollen naturidentische Hormone für eine Frau ungesund sein, wenn ihr Körper eben jene Hormone über Jahrzehnte selbst gebildet hat?
1. Der Text beschäftigt sich mit einer Studie, die gestern, am 1. Oktober 2013, erschienen ist. Wir zitieren keine Studie aus dem Jahr 2012. Die fragliche Studie ist im Text und in der linken Spalte (WWW-Darstellung) verlinkt und bei "Jama" frei zugänglich, ohne zu bezahlen oder sich anmelden zu müssen. 2. Die WIH hat keine transdermalen Präparate untersucht, diese waren zum Zeitpunkt der Studienplanung nicht Gegenstand der Diskussion. Die Untersuchungsgrundlage wird im Fachartikel erläutert. 3. Wir berichten über Forschung, wir selbst stellen keine Vermutungen an, wie bestimmte Arzneimittel wirken. Das überlassen wir Wissenschaftlern.
sigih 02.10.2013
4. Zitierte Studie
Ich habe mich vertippt, meinte die Studie, aus dem Jahre 2002. Diese Studie ist doch Grundlage der neuen Veröffentlichung, da sich die WHI auf diese Daten stützt und die Nachbeobachtung von 27000 Frauen (der damaligen Studie? ) hinzuzieht. Mir ist klar, dass sie keine Wissenschaftler sind, meine Kritik richtet sich auch eher gegen die in allen Medien zu einseitige Darstellung der Risiken einer Hormonersatztherapie.
nine1011 02.10.2013
5. @sigih
Warum sollen Hormone ungesund sein, wenn der Körper diese über Jahrzehnte selbst produziert hat? Antwort: der Körper hat schon seinen Grund, warum er die Produktion der Hormone nach Jahrzehnten einstellt. Außerdem: auch naturidentische oder natürliche Hormone, z.B. mit Sojapräparaten, sind keinesfalls besser oder eher zu empfehlen, weil ein Hormon oder eine hormonwirkende Substanz eben hormonell wirksam ist. Ganz einfach. Dies ist auch für all jene interessant, die sich für eine vegetarische und sogar vegane Ernährung aussprechen und dann den ganzen Tag Soja futtern. Soja für Kinder, Frauen und Männer ist hormomell wirksam und sollte dringend auch als Beigabe in Lebensmitteln (Sojalecithin etc.) verboten werden! Stichwort: Wachstumstörungen, Unfruchtbarkeit, Verunreinigung der Gewässer etc)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.